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Samstag, 26. Mai 2018 25° 3

Geschichte

Studenten entdecken untergegangenes Dorf

Grafenried wird zum deutsch-tschechischen Lernort. Studenten der Unis Budweis und Passau machen daraus ein Medienprojekt
Von Martin Hladik

Der Archäologe Zdenek Prochazka erklärte den Studenten, wie es im Pfarrhaus ausgesehen hat.Foto: Hladik

Waldmünchen. Das untergegangene Dorf Grafenried ist eines der wenigen, die in Tschechien wieder ausgegraben und dokumentiert wurden. Genau das macht es jetzt interessant für eine Gruppe von 18 Studenten von den Universitäten Budweis und Passau. Zwei Tage lang recherchieren die Studenten verschiedenster Fachrichtungen vor Ort und sprechen auch mit Zeitzeugen. Entstehen soll daraus kleine filmische Erzählungen für die Stiftung Zuhören. Außerdem ist das Ganze als außerschulischer Lernort in der bayerisch-böhmischen Grenzregion auch EU-gefördert.

Ein Bergwerk der Geschichte

„Dieser Ort entspricht genau dem, was wir in so einem Projekt wollen“, sagt Diana Stock-Megies, die zusammen mit Miloslav Man den deutsch-tschechischen Workshop in Waldmünchen für die Uni Passau leitet. Für die Uni Budweis machen das Marie Talirova und Michal Morawecz, der in dem historischen Ort so etwas wie „Geschichte zum Betreten“, eine Art Bergwerk, „in dem man Geschichte ausgräbt“, sieht. Im Fachbereich Geschichtsdidatik sei es ein Ziel, Studenten, angehenden Lehrern, aber auch Schülern immer wieder historische Orte zu zeigen, die die bayerisch-böhmische Geschichte widerspiegeln, sagt Stock-Megies. Grafenried biete sich für ein solches Projekt hervorragend an, weil es hier auch viel Material gebe, das dokumentiert und freigelegt ist.

Geschichten über ein untergegangenes Dorf

Diana Stock-Megies sieht in Grafenried einen idealen Ort für ein Studentenprojekt.Foto: Hladik

Für viele der Studenten sei Grafenried das erste untergegangene Dorf, das sie kennenlernen. Nur drei meldeten sich bei einer kleinen Rundfrage, dass sie schon vorher einmal in einem solchen Dorf wie Grafenried gewesen seien. „Die sind aber anders“, sagte die tschechische Katerina Janiciova. Meist seien dort nur noch Kirche und der Friedhof erkennbar. Insofern ist für die Studentin Grafenried „Einzigartig!“.

Auf einen andern Aspekt des Projektes machte die Passauer Studentin Darinka Vidovic aufmerksam. Ihr sei es wichtig, dass sich hier Studenten verschiedener Fachrichtungen und Studenten aus Deutschland und Tschechien begegnen könnten.

Der Workshop zu Grafenried

  • 18 Studenten

    der Unis Budweis und Passau beschäftigen sich mit dem untergegangenen Dorf. Sie erzählen ihre Erfahrungen für ein Multimedia- Projekt nach.

  • Am Dienstag

    besichtigten sie das Grenzland- und Trenckmuseum in Waldmünchen, danach ging es nach Grafenried, wo sie von Bürgermeister Markus Ackermann begrüßt wurden. Der Archäologe Zdenek Prochazka führte die Studenten durch Grafenried.

  • Heute werden

    sich die Studenten mit Zeitzeugen treffen und mit ihnen Interviews führen. Anschließend fahren die Studenten zu Film und Tonaufnahmen nach Grafenried. Dabei werden sie von zwei Mediencoaches begleitet.

  • Von 26. bis 28 April

    werden die „Grenzgeschichten“ an der Uni Passau ausgearbeitet. Sie sollen später im Internet veröffentlicht werden. Auch eine spätere Vorstellung in Waldmünchen ist geplant.

Diesen Aspekt hat auch Bürgermeister Markus Ackermann bei seiner engagierten Rede vor den Studenten aufgegriffen. Das Dorf Grafenried, das einst ein Ort des Schreckens und der Vertreibung gewesen sei, solle ein Ort des Miteinanders sein, an dem Studenten und Schüler beider Nationen sich begegnen könnten. Grafenried werde ein Teil der Museen in Waldmünchen und Klenci sein. Mit Infotafeln und über QR-Codes für Smartphones werde man künftig mehr über die Geschichte der jeweiligen Gebäude und ihrer Bewohner erfahren können. Grafenried werde gemeinsam mit der Uni Passau zu einem Ort des Lernens und Erfahrens werden.

Bürgermeister Ackermann bei seiner RedeFoto: Hladik

Ackermann erklärte, dass Grafenried ein wichtiger Mosaikstein im Tourismus von Waldmünchen sei. Hier könnte gezeigt werden, was für eine Grenzstadt positiv und negativ sei. Der Ort stehe dafür, was passieren könne, wenn Politik nicht funktioniere. Vor 30 Jahren sei hier das Ende der jeweiligen Welt gewesen. Der Eiserne Vorhang habe Europa in zwei Hälften zerschlagen. Das habe für Waldmünchen Isolation und Trennung bedeutet und für die Vertriebenen unsägliches Leid. Jetzt sei durch die Zusammenarbeit an diesem Ort aus der Grenze etwas Verbindendes geworden, sagte Ackermann.

Gebäude sind nicht geschützt

Anschließend führte der tschechische Archäologe und Heimatforscher Zdenek Prochazka die Studenten durch die Ausgrabungen. Er machte deutlich, dass hier von Helmut Roith sehr viel Ausgrabungsarbeit geleistet worden sei. Grafenried sei zwar als Denkmalort insgesamt geschützt, die einzelnen Gebäude stünden aber nicht unter Denkmalschutz. Zudem würden Gebäude wie die Ruine des ehemaligen Pfarrhauses in Grafenried sogar heute noch teilweise abgerissen. Der wichtigste Schutz für Grafenried sei, dass hier die Ausgrabungen und Funde sehr gut dokumentiert seien. Prochazka machte auch auf besondere Funde aufmerksam, wie die Münzen und eine Urkunde in einem Steinsockel am Eingang der Kirche.

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