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Vom Krieg ins Gefangenenlager

Diesmal erzählt Ludwig Baumer, was er auf dem Weg vom Krieg nach Hause im Chamer Gefangenenlager erlebte.
Von Ludwig Baumer

Ludwig Baumer hat den Krieg überlebt – so mancher Kamerad nicht. Fotos: Ludwig Baumer
Ludwig Baumer hat den Krieg überlebt – so mancher Kamerad nicht. Fotos: Ludwig Baumer

Treffelstein.Mich jedenfalls sperrten die Amis ins Schlachthaus ein. Sie hatten ihr Quartier in einer Gastwirtschaft mit Metzgerei, mitten auf dem Dorfplatz aufgeschlagen. Das Schlachthaus verwendeten sie als Gefangenenlager. Es war ein mieser und feuchter Raum. Zuerst war ich alleine, aber so nach und nach kamen immer mehr dazu.

Abends wenn die Amis Lust hatten, holten sie einen nach dem anderen in die Gastwirtschaft, wo sie kampierten und trieben förmlich ihren Spaß mit uns. Wir mussten stramm stehen, Kniebeugen machen, mit dem Hitlergruß grüßen und halt so alles machen, was ihnen gerade einfiel. Den besoffenen Soldaten gefiel das. Dann wurden wir auch über Militär- und Nazizeit ausgefragt und was für eine Rolle wir selbst dabei gespielt hätten... Hatten sie genug, dann führten sie uns wieder zurück ins Schlachthaus. Der Krieg war noch nicht zu Ende, wir mussten parieren, wir mussten uns alles gefallen lassen, wir waren ja noch immer ihre Feinde. Den Siegern, noch dazu wenn sie besoffen waren und das waren sie meistens, war alles zuzutrauen.

Im Chamer Gefangenenlager

Stadel aus der Zeit des Gefangenenlagers am Quadfeldmühlbach in Cham Fotos: Ludwig Baumer
Stadel aus der Zeit des Gefangenenlagers am Quadfeldmühlbach in Cham Fotos: Ludwig Baumer

Es kam der 8. Mai, der Krieg war zu Ende. Die Amis teilten uns das mit. Zur Siegesfeier hatten sie ein Reh geschossen. Wir sahen, wie sie es im Hof zerteilten. Wir bekamen nichts davon. Bereits zwei Tage nach Kriegsende wurden wir auf einen größeren Jeep verladen. Wir wurden ins Gefangenenlager, nach Cham Jahnahof, transportiert. Neben der Straße mussten wir uns in einer Linie aufstellen, all unsere Sachen sauber vor uns auf den Boden legen. Was ihnen gefiel, wurde uns weggenommen. Nach einer genauen Körpervisitation wurden wir schließlich ins Hauptlager gegenüber der Straße überführt.

„Von der Schwäche und Müdigkeit wie im Lager verspürten wir nichts mehr. Die Freiheit ließ uns Flügel wachsen, alles wie weggeblasen.“

Ludwig Baumer

Es war ein großer umzäunter Platz. Am Eingang stand ein großer alter Stadel. Der Platz war in viele Boxen unterteilt. In jede Box wurden ein paar Hundert Mann gepfercht, unter freiem Himmel, kein Dach über dem Kopf. Täglich gab es einen Schlag warme Wassersuppe und ein bis zwei Scheiben Brot, das war alles. In meinem Rucksack hatte ich noch etwas Hartwurst und ein kleines Stück Geräuchertes. Dies alles konnte ich noch ins Lager retten. Nach ein paar Tagen, als der Hunger immer größer wurde, packte ich mein Geselchtes aus. Zu meinem Leidwesen tummelten sich auf dem Rauchfleisch bereits ein paar dicke Speckmaden herum. Wegwerfen, nein dafür war mir das Stück Fleisch schon zu schade.

Der Autor

  • Herkunft

    Ludwig Baumer ist am 21. November 1918 in Sulzbürg bei Neumarkt geboren. Den Zweiten Weltkrieg hat er in Frankreich und Russland mitgemacht.

  • Leben

    1946 heiratete er und zog nach Treffelstein. Mit seiner Frau betrieb er hier ein Lebensmittelgeschäft bis 1985. 2003 starb die Frau. Seitdem wohnte er bei Tochter Gislinde Krolikowski in Treffelstein bis zu seinem Tod im Juni 2016.

  • Erinnerungen

    Einen ersten Teil seiner Kriegserinnerungen haben wir 2014 veröffentlicht. Später hat er weiter geschrieben. Die Tochter hat uns diese Manuskripte zur Verfügung gestellt.

Entlassungsschein aus dem Gefangenenlager Fotos: Ludwig Baumer
Entlassungsschein aus dem Gefangenenlager Fotos: Ludwig Baumer

Ich kratzte mit dem Löffel, denn Messer durften wir im Lager nicht haben, die Maden sauber vom Fleisch. Mit einem Stückchen Brot wurde das Ganze hinuntergewürgt. Wir mussten öfter in die sogenannte Schreibstube, in den Stadel. Dort wurden unsere Personalien aufgenommen. Auch von einem Arzt wurden wir oberflächig untersucht und gemustert, hauptsächlich wegen der SS-Zugehörigkeit. Das Lager war eine einzige Brodelküche. Jeden Tag neue Gerüchte und Parolen. Einmal wurden wir den Russen ausgeliefert, dann wieder ging es nach Belgien in die Kohlenbergwerke, ein andermal sollten die Landwirte, schließlich die Österreicher, endlich die Bayern oder die hier in der Nähe wohnten als erste entlassen werden. So verging Tag für Tag. Wir kauerten in unseren Erdlöchern, kein Schutz vor Wind und Regen. Jeder versuchte sich so wenig wie möglich zu bewegen, denn wenn man aufstand, wurde einem schwarz vor den Augen vor lauter Schwäche.

Alle Serienteile der Kriegserinnerungen von Ludwig Baumer finden Sie hier

Endlich ging es los mit der Entlassung. Es wurden Namen aufgerufen, immer wieder Namen, nur nicht der meine. Es dauerte zwei bis drei Tage, dann Baumer Ludwig, mein Name. Eine Erlösung. Ich packte meine Sachen, alles in den Rucksack rein was ich hatte. Den Rucksack hab ich noch heute. Dann ging es im Eilschritt ab in die sogenannte Schreibstube zur Entlassung. Dort erhielt ich meinen Entlassungsschein und als Abschiedsgeschenk eine Packung Zigaretten. Dann öffneten sich die Lagertore. Es war der 23. Mai 1945.

Erinnerungen

Die letzte große Übung auf dem Weg heim

Nach dem verlorenen Krieg wäre Ludwig Baumer beinahe an zwei Amis gescheitert, aber ein Postsparbuch rettete die Situation.

Es war schon ziemlich spät, so um 6 Uhr verließ ich das Lager. Bald traf ich einen Kameraden, der auch entlassen worden war. Er hatte den gleichen Weg wie ich. Er nannte sich Otto Späth und war der Sohn vom Fabrikbesitzer Späth in Waldmünchen. Frisch marschierten wir drauflos. Von der Schwäche und Müdigkeit wie im Lager, verspürten wir nichts mehr. Die Freiheit ließ uns Flügel wachsen, alles wie weggeblasen.

Ein Kutscher nahm ihn mit

Der Autor Ludwig Baumer Foto: Baumer
Der Autor Ludwig Baumer Foto: Baumer

Zufällig trafen wir einen Pferdekutscher. Der Späth Otto kannte den Kutscher gut. Er war auch aus Waldmünchen. Nach kurzem Plausch durften wir einsteigen. Er nahm uns mit bis Waldmünchen. Die Sperrstunde rückte immer näher, ich konnte Sofienthal nicht mehr rechtzeitig erreichen, deshalb stieg ich in Prosdorf aus. Als Fuhrlohn gab ich dem Kutscher mein Päckchen Zigaretten, das ich kurz vorher bei der Entlassung erhalten hatte. Ich suchte einen Bauern auf und bat ihn, ob ich nicht im Heustadel schlafen könnte. Von den Bauersleuten bekam ich in der Stube noch ein oder zwei Tassen Milch und ein großes Stück Brot. An der Wand hing ein großes Soldatenbild mit Trauerflor, scheinbar der Sohn, auch gefallen für Führer, Volk und Vaterland. Ich schwieg und fragte nicht…

Der Schlaf im Heu tat mir gut, nach 14 Tagen unter freiem Himmel. Am nächsten Tag durfte ich sogar im Hause frühstücken. Zu Fuß ging es dann weiter durch die Stadt Waldmünchen, Richtung tschechischer Grenze. Am Schlagbaum in Höll standen amerikanische Soldaten und tschechische Grenzbeamte. Ich zeigte den Amerikanern meinen Entlassungsschein, weil ich mir sicher war, dass die Tschechen ihn nicht lesen konnten. Ich durfte passieren. Nach einer knappen Stunde war ich zu Hause. Mutter und Vater konnten ihren Sohn in die Arme schließen. Die Freude war groß, der Krieg zu Ende.

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