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Zeitreise

Von Bahnhöfen und alten Betrieben

„Historische Einkehr“: 40 neugierige Besucher blickten Jahrzehnte zurück und ließen auch die Konservenfabrik auferstehen.
Von Rainer N. Heinrich

Das Autohaus Hobrack (im Bild oben) befand sich vor 50 Jahren dort, wo heute das Möbelhaus Wanninger steht. Die mächtige Anlage der Kötztinger Konservenfabrik (Bildzentrum) steht heute nicht mehr .Fotos: kni, Stadtarchiv Bad Kötzting
Das Autohaus Hobrack (im Bild oben) befand sich vor 50 Jahren dort, wo heute das Möbelhaus Wanninger steht. Die mächtige Anlage der Kötztinger Konservenfabrik (Bildzentrum) steht heute nicht mehr .Fotos: kni, Stadtarchiv Bad Kötzting

Bad Kötzting.Einmal mehr ist bei der „Historischen Einkehr“ der Blick in die Vergangenheit gerichtet worden. Der Verein Stadtmarketing Bad Kötzting und der Arbeitskreis Heimatforschung hatten dazu eingeladen. Das Augenmerk galt wieder der Vergangenheit der Stadt Bad Kötzting und ihrer Ortsteile. Dazu gab es ein feines Drei-Gänge-Menü.

40 Personen waren neugierig, was Stadtarchivar Clemens Pongratz zwischen den einzelnen Gängen des Menüs zum Thema „Rund um die Zellertalsiedlung“ servieren würde. Die Vorfreude galt freilich auch dem Menü, „Tomatencremesuppe, Sauerbraten und zweierlei Mousse“, das der Wirt des Lokals „s’Kaffee“ Stefan Neumeier mit seiner Belegschaft zubereitet hatte.

Bilder, Filme, Berichte

Die Ziegelei stand an der Straße in Richtung Lam. Dort zweigt in der Gegenwart die Zufahrt zum Seniorenresidenz St. Benediktus ab. Ein Teil der Gebäude (Bildmitte, gegenüber des modernen Baues) ist noch erhalten. Fotos: kni, Stadtarchiv Bad Kötzting
Die Ziegelei stand an der Straße in Richtung Lam. Dort zweigt in der Gegenwart die Zufahrt zum Seniorenresidenz St. Benediktus ab. Ein Teil der Gebäude (Bildmitte, gegenüber des modernen Baues) ist noch erhalten. Fotos: kni, Stadtarchiv Bad Kötzting

Als Treffpunkt war zwar der Bahnhof Zellertal vorgesehen, doch der schneidende Wind an diesem Abend – nur drei Tage vor Frühlingsanfang war der Winter zurückgekehrt – führte dazu, dass man sich auf kürzestem Weg ins Lokal begab. Und es machte dann auch keinen großen räumlichen Unterschied aus, ob Pongratz, der seinen Vortrag mit vielen Fotos und Bilddokumenten sowie einigen historischen Filmausschnitten garnierte, die Geschichte des Lokalbahnhofs vor Ort oder ein paar Meter davon entfernt zum Besten gab. Und es war letztlich eine Geschichte zum Schmunzeln, wenngleich ohne das von den Beteiligten erhoffte totale Happy End.

Und so soll sich die Gründungsgeschichte zugetragen haben: Am 22. August 1891 saßen zwei Glashüttenherren, ein Sägewerksbesitzer und ein Lehrer beim Lamer Postwirt bei einem Tarock beieinander. Auch die Eisenbahn war hier ein Thema, denn von Cham her näherte sich der Schienenstrang dem Markt Kötzting – und da hätte man gerne angeschlossen.

Jeder der Glasbarone stellte 100 000 Mark in Aussicht, der Lehrer übernahm die Werbe- und Öffentlichkeitsarbeit, der vierte im Bunde sorgte für den Schriftverkehr mit den Behörden und gewann auch den Lamer Pfarrer als Fürsprecher für das Projekt.

Das Staudinger-Gelände zwischen dem Weißen Regen und der Lamer Straße war damals noch etwas größer. Von der Brücke über den Fluss (links) wurde dann die Straße begradigt und nach links geführt. Fotos: kni, Stadtarchiv Bad Kötzting
Das Staudinger-Gelände zwischen dem Weißen Regen und der Lamer Straße war damals noch etwas größer. Von der Brücke über den Fluss (links) wurde dann die Straße begradigt und nach links geführt. Fotos: kni, Stadtarchiv Bad Kötzting

Jeder der Glasbarone stellte 100 000 Mark in Aussicht, der Lehrer übernahm die Werbe- und Öffentlichkeitsarbeit, der vierte im Bunde sorgte für den Schriftverkehr mit den Behörden und gewann auch den Lamer Pfarrer als Fürsprecher für das Projekt. Das wurde dann trotz vieler Schwierigkeiten vorangeschoben, und schon am 16. Juli 1892 rollte der erste Zug nach Kötzting – allerdings nur bis zum Bahnhof Zellertal.

Ein Grundstückseigentümer (Christoph Kollmaier: „Mir gehört der Grund bis in ’d Höll obi und bis zum Himme aufi“) hatte sich quergelegt und so den Gleisanschluss in Richtung Cham zunächst verhindert. Auf einem Notgleis mussten übrigens die Lokomotiven von einem Ochsengespann vom Bahnhof Kötzting zum Bahnhof Zellertal gezogen werden. Darum gab und gibt es zwei Bahnhöfe. Erst nach der Enteignung des Grundstücks konnte der Gesamtbetrieb zwischen Kötzting und Lam am 1. August 1893 beginnen. Durch den Anschluss an das neue Verkehrsmittel wurden nicht – wie erhofft – der Glasindustrie neue Absatzmärkte erschlossen, sondern für das Holz. Dessen Preise zogen an und bei den Kötztinger Bahnhöfen entstanden große Holzlagerplätze.

Konserven und Autos

Die Schullerer-Kreuzung war schon vor 50 Jahren ein Verkehrsknotenpunkt, wie die alte Luftaufnahme belegt. Die Bahnlinie, Lamer Straße, Reitensteiner Straße und die Staatsstraße 2140 bildeten einen „Stern“. Fotos: kni, Stadtarchiv Bad Kötzting
Die Schullerer-Kreuzung war schon vor 50 Jahren ein Verkehrsknotenpunkt, wie die alte Luftaufnahme belegt. Die Bahnlinie, Lamer Straße, Reitensteiner Straße und die Staatsstraße 2140 bildeten einen „Stern“. Fotos: kni, Stadtarchiv Bad Kötzting

Besagter Kollmaier hatte seinen Hof in der Färbergasse (heute Maimer-Anwesen am Spitalplatz) bei der nach ihm benannten Regenbrücke. Überhaupt legte er sich gerne mit seinen Mitmenschen an. Das bekam sogar der Bischof von Regensburg Ignatius von Senestrey zu spüren. Wenn jener an Kollmaiers Haus vorbeizog, „schmückte“ dieser es mit einem Schnupftuch anstatt mit einer Fahne.

Dank für die Gastfreundschaft statteten Mente Pongratz und Carola Höcherl-Neubauer (v. r.) bei Stefan Neumeier (l.) und dessen Frau ab, die im „s’Kaffee“ den Historikern ein tolles Essen servierten. Fotos: kni, Stadtarchiv Bad Kötzting
Dank für die Gastfreundschaft statteten Mente Pongratz und Carola Höcherl-Neubauer (v. r.) bei Stefan Neumeier (l.) und dessen Frau ab, die im „s’Kaffee“ den Historikern ein tolles Essen servierten. Fotos: kni, Stadtarchiv Bad Kötzting

In der Nähe des ehemaligen Gasthauses Dattler – jetzt „s’Kaffee“ – gab es einige Gewerbe- und Industriebetriebe. Die Konservenfabrik wurde 1921 als Firma Soeffing&Ehemann gegründet. In Laucha an der Unstrut hatte sie einen Zweigbetrieb, der über die doppelte Kapazität Kötztings verfügte. Die Kötztinger Konservenfabrik war vor allem in der „Hoiwa- und Schwammerlzeit“ eine begehrte Saisonarbeitsstelle. Für sechs bis acht Wochen arbeiteten dann etwa 170 Frauen dort. Jede vierte bayerische Mischpilzkonserve kam übrigens aus Kötzting, selbst in Bolivien (1962) kaufte man Kötztinger Preiselbeeren.

Biller und Hobrack besaßen das weitum bekannteste Autohaus und waren der lizenzierte Volkswagenhändler für die Landkreise Kötzting und Viechtach. In der Metallwarenfabrik Dinkelmayer (zuvor Weißenbach, heute Möbel Kurz) waren Fremdarbeiter, meist Tschechen aus dem angrenzenden Sudetenland beschäftigt, sowie Zwangsarbeiter – Kriegsgefangene aus Polen und Frankreich.

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