mz_logo

Region Cham
Donnerstag, 26. April 2018 15° 3

MZ-Serie

Warum Angst schlechte Noten gibt

Diesmal schreibt Alexander Metz: Mit dem neuen Internatsleiter waren Schläge und Kollektivstrafen bei den Domspatzen vorbei.
Von Alexander Metz

„Einpassieren“ nannten es die Domspatzen, wenn sie ins Internat nach Regensburg kamen. Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz

Cham.Es gibt einen Rhythmus im Leben, glaube ich, der im Alten Testament als die sieben fetten und die sieben mageren Jahre beschrieben wird. Man könnte sie auch die sieben guten und die sieben weniger guten Jahre nennen.

Mein Leben begann 1946 mit den sieben mageren Jahren. Bis 1955 folgten sieben etwas glücklichere. Im Jahr 1955 kündigte sich der Wechsel zu den nächsten sieben, na sagen wir mal, nicht ganz so prickelnden Jahren an. In diesem Jahr musste ich mich von meiner über alles geliebten Chamer Pflegemutter, der Mama, trennen. Ich kam ins Internat und in die Vorschule der Regensburger Domspatzen nach Etterzhausen.

1961 war wieder ein Jahr der Veränderungen und des Wechsels. Ehe sich aber nach den sieben weniger guten Jahren die besseren einstellten, musste ich gerade in diesem Jahr noch ein paar für mich schmerzhafte Veränderungen und Erfahrungen hinnehmen.

Gut war schon mal, dass ich endlich mit über 14 Jahren in den Stimmbruch gekommen war und wir im selben Jahr einen neuen Internatsleiter, den Nitsche, bekommen hatten. Für uns war er ein Segen; denn der weltoffene und -erfahrene Mann brachte neuen Wind und vor allem Frieden in unsere Hallen. „Sollte ich lebend und gesund nach Hause zurückkehren“, hatte er als junger Soldat in der Gefangenschaft gelobt, „so werde ich mein Leben Gott weihen.“

Das Klassenziel nicht erreicht

Ewige Angst vor Strafen ist nicht leistungsfördernd: Das zeigt sich auch am Zeugnis des Domspatzen-Schülers Alexander Metz zu Zeiten der „schwarzen Pädagogik“. Mit einem neuen Internatsleiter wurden auch seine Noten besser.

Er war zwar nicht gesund – sein Magen machte ihm immer Probleme –, aber lebend in seine Heimat zurückgekehrt und hatte als gottesfürchtiger Mann und als Mann des Wortes sein Gelübde eingelöst. Wie alle Lehrer, die offen über ihre Kriegserlebnisse redeten, hatte auch er das Herz am rechten Fleck. Er verstand unsere Nöte und pubertären Schwierigkeiten, ließ uns vieles gewähren, setzte aber auch klare Grenzen. Die Zeiten der Schläge und der Kollektivstrafen waren mit seinem Erscheinen ein für alle Mal vorbei. Und auch die anderen Präfekten passten sich dem neuen Führungsstil an und behandelten uns eher wertschätzend. Selbst die Kobra wurde zahm wie eine Blindschleiche.

Für mich begann das Jahr 1961 mit der bitteren Erkenntnis, dass ich die 9. Klasse des Gymnasiums nach dem Halbjahreszeugnis nicht mehr weitermachen konnte. Meine schulischen Leistungen waren am unteren Ende angekommen. Und ich war nicht der einzige, der das Klassenziel nicht schaffen sollte. Auch der Läppschi mit den Segelohren stand vor dem Aus. Uns wurde angeboten, freiwillig zurückzutreten und die achte Klasse zu wiederholen. Der Schultyrann Dr. Cyrill Barden meinte wieder einmal, ich wäre ohnehin nicht für das Gymnasium geeignet. Für mich brach eine Welt zusammen. Schule und Internat verlassen zu müssen, war der Absturz in die Hölle, ins Nichts. Was würde die Tante Maja dazu sagen, und meine Mutter? Das war meine größte Sorge.

Nach vielen schlaflosen Nächten und Gebeten zu allen möglichen Heiligen ging ich in meiner Verzweiflung zum Nitsche. Zu ihm hatte ich Vertrauen gefasst. Ich klingelte an Nitsches Tür. Er ließ mich eintreten, bot mir einen Platz an, ihm gegenüber. Er saß vor seinem Schreibtisch, mir zugewandt.

Zögernd trug ich ihm all mein Leid vor: „Ich habe immer gelernt. Aber es ist, als ob mein Kopf leer wäre. Ich lerne und lerne und wenn ich ausgefragt werde oder bei der Schulaufgabe sitze, bin ich so aufgeregt, dass ich nichts mehr weiß. Gar nichts mehr.“

Diese Blackouts hatte ich seit damals, als der Bulldogg in der Aula die unregelmäßigen Verben abgefragt hatte und jeden mit Schlägen auf die Hand bestrafte, der auch nur ein Wort nicht aufsagen konnte.

Der Nitsche hörte mir geduldig zu, sagte lange nichts, nahm dann meine Hände und betrachtete nachdenklich meine angeknabberten Fingernägel. Wieder sagte er nichts, hielt nur meine Hände. Das tat mir gut. Nach einer Weile meinte er ganz ruhig und schaute mir dabei tief in meine Augen: „Hm. Was meinst du dazu, wenn du in die achte Klasse zurückgehen würdest?“

Und nach einer Pause setzte er fort: „In dieser Klasse ist doch auch dein Freund, der Werner.“

Die neue Chance

Aber würde das etwas ändern an meinem Aufgeregtsein und dem Vergessen des Gelernten? Und die Schande vor meiner Mutter und meiner Tante, die überall erzählte, ich würde nur Einser schreiben! In meinem Kopf fuhren die Gedanken Karussell.

„Du hast die Chance, auf dem aufzubauen, was du bereits kannst, und Lücken zu schließen. Das gibt dir Sicherheit“, fuhr der Nitsche fort. „Denk mal darüber nach!“ Seine Stimme klang beruhigend. Zum ersten Mal erfuhr ich Wertschätzung, was meine schulischen Fähigkeiten betraf. Er sagte nicht, dass ich für das Gymnasium nicht geeignet sei. Er ermutigte mich weiterzumachen, er gab mir Hoffnung und Zuversicht. „Aber ich verliere doch ein Jahr! Und dann darf ich auch nicht mehr am Abend im Fernsehen die Serie über das Dritte Reich anschauen.“ Solche Gedanken kamen mir in den Sinn.

Alle Serienteile finden Sie hier.

„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer

Wir durften einmal in der Woche ab der 9. Klasse um 20.15 Uhr nach der Tagesschau eine Dokumentation über das Dritte Reich sehen. Dieses Privileg gab uns, die wir zur Mittelstufe zählten, das Gefühl, zu den Großen zu gehören. Darauf war ich irgendwie stolz. Worauf hätte ich sonst noch stolz sein können? Ich hatte doch nichts mehr vorzuweisen, womit ich mich in irgendeiner Weise von den anderen, den guten Musikern und Schülern, hätte abheben können. Mit dem Zurücktreten in die achte Klasse würde ich wieder zu den Kleinen der Unterstufe zählen. Welche Schande! „Eine Ausnahme kann ich da nicht machen“, sagte der Internatsleiter verständnisvoll auf meine Bedenken eingehend, „aber denk mal darüber nach, wie es sich anfühlt, wieder ein guter Schüler zu sein und gute Noten zu schreiben.“ Und als Mann, der viele Jahre seines Lebens in sibirischer Gefangenschaft verloren hatte, beruhigte er mich, ein Jahr im Leben nicht zu wichtig zu nehmen und dieses Jahr keinesfalls als verloren anzusehen.

Er hatte mich ja schon fast überzeugt. Und er würde auch mit meiner Mutter reden, bot er an. Das tat er zwar auch, aber es kam für mich doch noch ein schlimmer Hieb. Ich erhielt einen Brief von meiner Tante Maja, einen geharnischten. Sie meinte, ich hätte mich mehr auf die Schule konzentrieren müssen. Nicht Dummheit, sondern Faulheit sei die Ursache meines Versagens. Sie hätte mich wohl zu sehr verzogen, ich solle mich schämen. Den Brief schloss sie mit den Worten: „Und Du machst das Abitur, und wenn Du dabei 25 Jahre alt wirst!“ Ich zeigte den Brief tief betroffen, verunsichert und bestürzt dem Nitsche. Der bestätigte, was mir wohltat: „Das ist wie Salz und Pfeffer auf deine Wunde!“ Später erfuhr ich, dass meine Mutter die Tante Maja zu diesem Schreiben angestiftet hatte, weil sie mich ihrer Meinung nach zu sehr verwöhnt hatte.

Am 25. Januar erhielt ich die letzte Nachhilfestunde in Latein, die ohnehin nichts mehr brachte. Die Regeln, die mir der Nachhilfelehrer beizubringen sich bemühte, waren für mich wie dumpfe Paukenschläge. Ich konnte einfach nichts mehr aufnehmen.

Der Autor und sein neues Buch

  • Kindheit:

    Ludwig Alexander Metz wurde 1946 in Cham geboren und hier als uneheliches Kind bei einer Pflegemutter „versteckt“. Die Mutter war die Tochter aus einem Landshuter Brauerei-Gasthof der Vater ein Zwangsarbeiter aus Serbien.

  • Resonanz:

    „Der versteckte Bua“, so lautete der Titel eines Buches, in dem Metz seine Kindheit der Nachkriegszeit in Cham beschreibt. Eine Serie mit diesen Geschichten hat viel Resonanz gefunden.

  • Versöhnung:

    „Der zerbrochene Engel“ schildert seine Erlebnisse bei den Domspatzen von 1955 bis 1966. Dabei sieht er sich nicht als Kronzeuge der Missbrauchsaffäre, die gerade aufgedeckt wurde. Metz sagt: „Ich will versöhnen, nicht anklagen“

  • Buchhandel:

    Das Buch ist erschienen bei Books on Demand (BoD) und in einer Paperback-Ausgabe (11,99 Euro) erhältlich im Buchhandel.

Am Mittwoch, den 8. Februar 1961 ging ich eine Klasse zurück, in die achte, nachdem mich Dr. Cyrill Barden, der Schulleiter, zu sich gerufen, mir das Bestätigungsschreiben meiner Mutter vorgelesen und mir, o Wunder, alles Gute gewünscht hatte. Ich schämte mich sehr und hatte Angst vor dem nächsten Besuchssonntag.

Die Angst vor meiner Mutter war aber völlig unbegründet. Sie hatte in ihrer Art und mit ihren Lebenserfahrungen das Malheur ziemlich emotionslos hingenommen. Für sie war klar, dass sie nun ein Jahr länger für die Kosten von Schule und Internat aufkommen musste, und sie hatte sich damit bereits abgefunden. Sie redete mit dem Internatsleiter und stand vor dem Direktorat der Schule an, um auch mit dem Schulleiter zu sprechen. Danach schlug sie vor, zusammen essen zu gehen. Ins Hotel National in der Maximiliansstraße. Und weil sie auch schon Hunger hatte und im Grunde genommen kein Kind von Traurigkeit war, leistete sie uns ein Taxi. Ich aß mit Genuss, wie meine Mutter, ein Wiener Schnitzel. Sie trank ein kleines Bier dazu, und bevor sie zum ersten Schluck ansetzte, sagte sie, das Glas in meine Richtung erhebend: „Auf ein Neues!“ Ich erkannte, dass auf meine Mutter im Notfall immer Verlass war. Jedenfalls, wenn es um die Sache ging.

Und die Noten wurden besser

Eigentlich wollte sie schon mit dem Zug um 13.15 Uhr zurück nach Landshut fahren. Da der Zug, den sie ausgesucht hatte, aber ein Werktagszug war und am Sonntag nicht fuhr, lud sie mich nach einem Spaziergang durch Regensburg ins Café Fürstenhof zu einer Schokolade und einer Schwarzwälder Kirschtorte ein.

Ich brachte meine Mutter erleichtert zum Bahnhof, ging aber nicht ins Kaff zurück, sondern ins Kino, was eigentlich auch unter Nitsches Führung nicht erlaubt war. Es lief der Film „Der brave Soldat Schwejk“ mit Heinz Rühmann. Ihm gehörte meine volle Sympathie; denn irgendwie hatte ich mich bisher wie der Soldat Schwejk durchs Leben gewurstelt.

Nach der sonntäglichen Abendandacht in der Hauskapelle schrieb ich noch folgende Zeilen in meinen Kalender, den ich seit meiner schulischen Misere als Tagebuch benutzte: „Mutti hat mich nicht geschimpft. Ich bin so froh. Sie war sehr freundlich zu mir. Ich habe mir vorgenommen, ab morgen ein neues Leben zu beginnen. Ab morgen bin ich ein guter Schüler und ich werde mich immer melden, wenn wir ausgefragt werden.“

Und tastsächlich änderte sich vieles für mich zum Guten. Ich schrieb in Griechisch und in Mathematik sogar Einser und Zweier, nur in Latein blieb ich bei einer Drei. Mein Selbstbewusstsein stieg von Monat zu Monat. Und selbst der Dr. Cyrill Barden zeigte offen seine Verwunderung über meine schulischen Erfolge.

Mehr Nachrichten zu Bucherscheinungen finden Sie hier.

Erhalten Sie täglich die aktuellsten Nachrichten bequem via WhatsApp auf Ihr Smartphone. Alle Infos dazu finden Sie hier.


Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht