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Copperfield’s Corner

Warum hebe ich all diese Sachen auf?

Gedanken zum Rockballast: Für Musiker Tilo G. Copperfield sind CDs und Bücher Ausdruck seiner Persönlichkeit und Entwicklung.
Von Tilo George Copperfield

Wer schon mal mit seiner Plattensammlung oder seinen CDs umgezogen ist, kennt den Kampf: Kiloschwere Kisten müssen rumgeschleppt werden und das auch noch mit äußerster Vorsicht. Foto/Archiv: Wolfgang Endlein
Wer schon mal mit seiner Plattensammlung oder seinen CDs umgezogen ist, kennt den Kampf: Kiloschwere Kisten müssen rumgeschleppt werden und das auch noch mit äußerster Vorsicht. Foto/Archiv: Wolfgang Endlein

Cham.Die digitale Welt hat uns voll im Griff! Wo wir früher Unmengen an Papier gebraucht haben, läuft heute alles per E-Mail. Wo wir früher mühsam Informationen gesucht haben, genügen nun ein paar Eingaben in einer Suchmaschine. Eine Welt ohne Navigationssystem im Mobiltelefon? Undenkbar! Da ich noch die Zeit vor der großen Digitalisierung erlebt habe, kenne ich das Vorher und Nachher und verstricke mich immer wieder in leidenschaftliche Diskussionen, was nun besser und was schlechter war und ist. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen. Leider ist die Welt nicht einfach.

Der digitale Vorreiter

Copperfield´s Corner

Der Super-GAU in der Musikschule

Nicht immer, meint Tilo G. Copperfield, tun Eltern ihren Kindern einen Gefallen, wenn sie sie zum Musik-Unterricht schicken.

Aber bleiben wir bei meinem Lieblingsthema Musik. Ich betrachte gerade mein CD-Regal. Die Compact Disc war der digitale Vorreiter im Analogzeitalter. Man kam damals aus der Ära der Langspielplatte auf Vinyl und versuchte, diese Ästhetik auch bei einer CD anzuwenden. Das Cover-Artwork, die Songtexte und eine schöne Aufmachung waren die Konsumenten von der Platte her gewohnt, und dementsprechend war es in den 80er Jahren wichtig, um diese Transformation hinzubekommen, auch hier noch diesen künstlerischen und haptisch wahrnehmbaren Effekt für den Musikfan zu bieten.

Tilo George Copperfield ist leidenschaftlicher Musikfan, Komponist, Gitarrist und Sänger und hat mit seinen Bands 3 Dayz Whizkey, T.G. Copperfield und HoAß bereits über ein Dutzend eigene Alben produziert. Seine Songs laufen im In- und Ausland im Radio. Für das Bayerwald-Echo schreibt der aus Treffelstein stammende Musiker eine exklusive Kolumne. Foto: Carmen Wiendl
Tilo George Copperfield ist leidenschaftlicher Musikfan, Komponist, Gitarrist und Sänger und hat mit seinen Bands 3 Dayz Whizkey, T.G. Copperfield und HoAß bereits über ein Dutzend eigene Alben produziert. Seine Songs laufen im In- und Ausland im Radio. Für das Bayerwald-Echo schreibt der aus Treffelstein stammende Musiker eine exklusive Kolumne. Foto: Carmen Wiendl

Nicht umsonst war wohl die CD rund wie eine Schallplatte. Dann kam das Internet, die MP3, und die Musik wurde der haptischen und visuell ansprechenden Komponente beraubt. Nur noch eine Datei, die irgendwo auf einem MP3-Player oder auf einer Festplatte ihr Dasein fristet. Einmal angehört und vielleicht in Vergessenheit geraten. Wo einem die CD, die Kassette oder die Schallplatte zumindest noch vom Regal immer mal wieder zugeschrien haben „Hör mich an!“ – man hat ja dem Gegenstand immerhin einen Platz in der Wohnung eingeräumt und sich bewusst für das „Zusammenleben“ entschieden –, macht es der Datei nichts aus. Man kann sie löschen, muss sich nicht um sie kümmern und sich am Ende auch nicht mit ihr auseinandersetzen. Eine Metapher für unsere Wegwerfgesellschaft?

Eine Schallplatte akzeptiert das nicht! Wer schon mal mit seiner Plattensammlung oder seinen CDs umgezogen ist, kennt den Kampf: Kiloschwere Kisten müssen rumgeschleppt werden und das auch noch mit äußerster Vorsicht. Immerhin sind die Kleinode zerbrechlich. Echte Fans gehen damit eine Ehe auf Lebenszeit ein: Entbehrungen, Rechtfertigungen, die Suche nach immer neuen Lagerflächen, welche die Lasten noch tragen können. Musik wird zur Last, die man mit sich herumträgt.

„Da gibt es Jugendsünden, Peinlichkeiten, aber auch Schätze, die ich – und nur ich alleine – für mich entdeckt habe.“

Tilo George Copperfield

Dasselbe gilt im Übrigen für Bücher. Seit Erfindung des E-Books ist es nicht mehr nötig, meterweise Platz zu reservieren. Man kann ohne Probleme hunderte, ja tausende Bücher mit in den Urlaub nehmen. Auch hier wurde das Buch seiner Ästhetik beraubt und auf den puren Inhalt reduziert. In meinem Bücherregal steht die gebundene Ausgabe von Franz Kafkas „Das Schloss“. Ich kann sie in die Hand nehmen und über den Einband streichen, wo geprägte Lettern auf dunklem Hintergrund die Beklommenheit der Geschichte vorwegnehmen. Aber jetzt schon muss ich mir Gedanken machen, wo ich ein neues Regal hinstelle, weil mir der Platz irgendwann wieder ausgeht.

Die Sache mit der Identität

Copperfield’s Corner

Tilo und die Macht des Scheiterns

Unser Kolumnist hat sich seinen „eigenen Weg zum Traum erkämpfen müssen“. Aus Niederlagen hat er viel fürs Leben gelernt.

Warum habe ich mich noch nicht getrennt von diesem Ballast? Warum schleppe ich in einer digitalen Welt immer noch so viel mit mir rum? Ich denke, in meinem Fall hat das was mit Identität zu tun. Meine CD-Sammlung: Das bin ich! Ich und die Geschichte meines Lebens sind einzigartig; genau wie meine Sammlung. Ich behaupte einfach mal, dass es niemanden gibt, der exakt dieselben Alben besitzt wie ich. Sie sind Ausdruck meiner Persönlichkeit und meiner Entwicklung.

Da gibt es Jugendsünden, Peinlichkeiten, aber auch Schätze, die ich – und nur ich alleine – für mich entdeckt habe. Die CDs oder auch meine Bücher stehen für Lebensphasen, die mich zu dem gemacht haben, was ich jetzt bin. Sie stehen da und starren mich an. Die Geschichte meines Lebens. Jeder der meine Wohnung betritt, kann anhand meiner Sammlung Rückschlüsse auf mich ziehen. Das ist sehr intim, aber jeden lasse ich ja auch nicht in meine Wohnung. Meine Bücher, meine Platten: ein perfekter Aufhänger für Unterhaltungen; vom Smalltalk bis zur tiefgründig-philosophischen Diskussion. Nein! Ich würde diese Sammlung nie aufgeben! Es wäre, als ob man einen Teil von mir abschneiden würde.

Praktisch sind sie schon...

Praktisch sind sie ja schon ,die MP3s: beim Joggen oder Busfahren. Aber in einem technisch so fortgeschrittenen Zeitalter, in dem wir die Möglichkeit haben, Musik in atemberaubender Auflösung mit den tollsten Abspielgeräten zu genießen, entscheiden wir uns mit der MP3 auf dem Smartphone bewusst für ein Dateiformat, das nur einen klitzekleinen Bruchteil der Ursprungsinformationen enthält. Ganz als ob man beim Betrachten eines Gemäldes ein Schwarzweißfoto davon bevorzugen würde.

Wird das alles jemals den Moment ersetzen können, in dem man eine Platte zum ersten Mal aus der Hülle nimmt; oder den Augenblick, in dem man ein Buch, das man tagelang mit sich herumgeschleppt und ausgelesen hat, mit innerer Genugtuung in das Bücherregal stellt? Ich weiß es nicht. Aber für mich als alten Nostalgiker hat sich die Frage eh schon von selbst beantwortet.

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