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Leben

Warum Landeier in die Stadt wollen

Unsere Autorin hat Altersgenossen aus Cham und anderen ländlichen Regionen Bayerns befragt, warum es sie nach Berlin zieht.
Von Katrin Dirscherl

 Katrin Dirscherl (20) stammt aus dem Markt Stamsried
Katrin Dirscherl (20) stammt aus dem Markt Stamsried

Cham.Katrin Dirscherl (20) stammt aus dem Markt Stamsried. Im Jahr 2015 zog sie zum Studieren nach Berlin.

„Ich bin ein Dorfkind. Geboren und aufgewachsen auf dem Land. Wie die meisten hier in Bayern. Mein Aufbruch in ein neues Leben hat mich vor knapp drei Jahren nach Berlin geführt. 500 Kilometer entfernt. Und ich bin nicht die Einzige. Immer mehr Jugendliche strömen in die Großstadt und kehren ihrer Heimat den Rücken. Meine Beweggründe waren simpel: Ich wollte raus und fand Berlin schon immer anziehend. Die Atmosphäre, die Anonymität, die scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten... Die Großstadt schrie fast danach, von einem Landei entdeckt zu werden. Und ich habe es nicht bereut.“

Sabrina Taj (19) stammt aus Afghanistan. Sie kam mit zwei Jahren nach Deutschland und ist in Cham aufgewachsen.

Sabrina Taj (19) aus Cham
Sabrina Taj (19) aus Cham

„Ich lebe seit April 2017 in Berlin und studiere hier Humanmedizin an der Charité. Meine Gründe, hierher zu ziehen? Es ist hauptsächlich der entspannte Lebensstil, der mir gefällt. Jeder kann machen, was er will und niemand wird deswegen verurteilt. So viele Charaktere und Kulturen bewirken ein ganz wunderbares Miteinander. Das findet man sehr selten an anderen Orten. Deswegen habe ich mich in Berlin verliebt. – Heimat ist für mich etwas, das stark mit Familie zusammenhängt. Ich denke, Berlin könnte erst eine Heimat für mich werden, wenn ich meine eigene Familie gründe. Ansonsten bleiben Cham und Regensburg eher meine Heimat. Da habe ich meine Brüder, meinen Vater und meine Stiefmutter. Das Gefühl, wenn man zu ihnen „nach Hause“ kommt, ist für mich Heimat.“

Judith Müllner (24) kommt aus Thurndorf in der Oberpfalz. Sie ist seit August 2016 zum Studieren in Berlin.

Judith Müllner (24) aus Thurndorf
Judith Müllner (24) aus Thurndorf

„Ich habe vor meinem Umzug nach Berlin ein Jahr in Chicago gelebt und dann in Deutschland die Großstadt vermisst. Das Mindset in Berlin ist ganz anders. Ich hatte zu Hause oft das Gefühl, dass ich mit meiner kleinen Verrücktheit nicht mehr richtig reinpasse. Wenn ich etwas erzählt habe, das nicht ganz der Tradition entsprach oder etwas „spacig“ war, stieß ich auf Unverständnis. Das passiert mir hier nicht. Außerdem fehlten mir zu Hause die vielen Möglichkeiten. Einfach mal nach 20 Uhr einkaufen gehen, mitten in der Nacht coole Leute treffen oder schlichtweg außergewöhnliche Arbeitsplätze entdecken... Ob ich meine Heimat vermisse? Nicht wirklich. Wobei ich bei einem Heimatbesuch doch immer merke, wie gut die Ruhe manchmal tut und wie gut das Leitungswasser bei uns ist!“

Die Autorin

  • Katrin Dirscherl

    Die Autorin ist 20 Jahre alt und stammt aus dem Markt Stamsried. Im Jahr 2015 zog sie zum Studieren nach Berlin. Sie wollte sich einmal journalistisch betätigen und ist mit ihrem Thema an unsere Lokalredaktion herangetreten.

Sarah Bracher (21) ist in der Schweiz geboren und in Miesbach aufgewachsen. Sie kam 2016 nach Berlin.

Sarah Bracher (21) aus Miesbach
Sarah Bracher (21) aus Miesbach

„Ich bin im Oktober 2016 für mein Studium (Kommunikations-Design) nach Berlin gezogen. Meine Liebe für die Stadt ist früh erweckt worden. Ich war mit 15 Jahren auf einem Kurztrip hier und sofort hin und weg! Die Atmosphäre, die Energie und das Multikulti haben mich immer begeistert. Es gibt so viele coole Projekte, junge Menschen und es ist immer etwas los. Die Stadt sprüht vor Leben und Individualität. Was ich hier vermisse? Klingt komisch, aber ich vermisse manchmal die Geräusche. Den Miesbacher Regen… Mein Heimatort ist super regnerisch, das geht mir teilweise ab. Dann logischerweise meine Eltern und Freunde. Und: Obatzten, den findet man in Berlin einfach nicht!“

Lisa Streng (25) ist in einem 500-Seelen-Dorf im Landkreis Fürth aufgewachsen. Seit April 2017 lebt sie in Berlin.

Lisa Streng (25) aus dem Landkreis Fürth
Lisa Streng (25) aus dem Landkreis Fürth

„Die Großstadt hat mich anfangs etwas abgeschreckt. Die Größe, die Fülle an Angeboten und die Ruhelosigkeit... Trotzdem freue ich mich, das hier alles als Studentin kennenzulernen und besonders die Sommer sind wahnsinnig aufregend. Berlin selbst scheint so anonym, es ist fast Zufall, ein bekanntes Gesicht zu treffen. Was speziell der Reiz für mich war, kann ich nicht genau sagen. Irgendwie liebhasse ich Berlin manchmal. Mehr lieben als hassen. Und hassen eigentlich nur, weil ich gefühlt ständig unter Strom stehe. Und wenn ich Berlin meiner Heimat gegenüberstelle? Dann ist die Stadt entspannter und weniger umständlich. Einfach so gar nicht spießig. Aber wenn es um das Thema Herzlichkeit geht, kann sich Berlin eine Scheibe von zu Hause abschneiden.“

Josef Graßl (20) kommt aus Lam. Er ist 2017 nach Berlin gezogen. In die Stadt hatte er sich bald verliebt.

Josef Graßl (20) aus Lam
Josef Graßl (20) aus Lam

„Hierher gezogen bin ich wegen meines Studiums und weil ich mich zuvor schon in Berlin verliebt habe. Ich war nach dem Abi mit Freunden in Europa unterwegs und die Stadt hat mich von Anfang an gefesselt. Sie ist einfach das komplette Gegenteil von Lam. Berlin ist eine Weltmetropole. Riesengroß und international. Ich fühle mich auch nach einem Jahr noch wie der kleine Bayer, der die Großstadt erkundet. Die Kunstszene ist total faszinierend und die Menschen sind viel weltoffener. Wieder nach Hause zurückzuziehen? Wenn ich älter bin, kann ich mir das sicher vorstellen. Vor allem – sollte ich Kinder haben – möchte ich, dass die auf dem Land aufwachsen. Ich denke, ich bin jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort, allerdings muss ich zugeben: Der Osser ist und bleibt ein krasser Magnet.“

Julian Arend (20) stammt aus Regen. Im Oktober 2017 zog er für sein Studium nach Berlin.

Julian Arend (20) aus Regen
Julian Arend (20) aus Regen

„Nach meinem Studienabbruch absolviere ich ein Praktikum, um im Wintersemester Soziale Arbeit studieren zu können. Wodurch sich Berlin von meiner Heimat abhebt? Ganz klar: durch das Weltbild der Menschen! Hier ist man freier, spürt den Fortschritt, die Ideen, es werden alle möglichen Themen durchdacht. Zu Hause steht gefühlt alles still. Ich habe mich zusätzlich der Musik verschrieben und auch daher keine bessere Stadt gefunden. Berlin kommt mir manchmal vor wie ein Rohbau, immer bereit, sich zu verändern oder zu verbessern. Das nimmt man irgendwann für sich an. Wieder zurückzukehren, das kann ich mir vorstellen, allerdings mache ich mir darüber noch keine Gedanken. Wer weiß, wo es mich hinzieht oder ob ich nicht sogar hierbleibe. Nur falls ich eine Familie gründen sollte, könnte ich es mir direkt vorstellen, zurückzukehren.“

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