mz_logo

Region Cham
Samstag, 23. Juni 2018 18° 4

Messung

Warum Waldmünchen Luftproben braucht

Seit 1968 ist Waldmünchen Luftkurort. Derzeit läuft die alle zehn Jahre fällige Messung zur Verlängerung des Prädikats.
Von Petra Schoplocher

Das erste Mal wird im Zuge der Messungen, die für das Gutachten nötig sind, auch die Feinstaubbelastung ermittelt. Einmal pro Woche, ein Jahr lang. Fotos: Schoplocher
Das erste Mal wird im Zuge der Messungen, die für das Gutachten nötig sind, auch die Feinstaubbelastung ermittelt. Einmal pro Woche, ein Jahr lang. Fotos: Schoplocher

Waldmünchen.Die schlimmsten Morgenstunden sind erst einmal überstanden – aber sie kommen wieder, weiß Sigrid Frei. Denn noch fast ein Jahr lang muss jeden Freitag die Mission „Luftmessung“ erfüllt werden. Bei Wind und Wetter und somit auch im Winter.

Seit 1968 ist Waldmünchen Luftkurort – Und das soll auch so bleiben. Voraussetzung für die Weiterführung des Prädikats ist ein entsprechendes Gutachten, das alle zehn Jahre erstellt wird und nun wieder fällig ist. Erarbeitet wird es vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Grundlage dafür sind die Proben, die ein Jahr lang einmal pro Woche an zwei, vom DWD ausgewählten, Standorten Proben genommen werden.

Meist macht das Sigrid Frei. Warum ihr diese Aufgabe zufiel, weiß sie gar nicht. „Wohl, weil es am ehesten in das Ressort Fremdenverkehr fällt“, vermutet die Mitarbeiterin der Tourist-Information. Sie hat schon reichlich Erfahrung, 2007 teilte sie sich die Aufgabe mit Josef Kraus, damals musste sogar zweimal wöchentlich gemessen werden. Das war allerdings nicht der letzte Einsatz in Sachen Messungen. Weil bis dato lediglich das Stadtgebiet das Prädikat führen durfte, wurde 2010 eine Ausweitung angestrebt. Dafür war eine Zwischenmessung nötig, die Ende 2011 mit Erfolg abgeschlossen werden konnte.


              Die Ausrüstung schickt der Deutsche Wetterdienst, die Proben gehen zurück. Foto:ps
Die Ausrüstung schickt der Deutsche Wetterdienst, die Proben gehen zurück. Foto:ps

„Handschuhe ist nicht“, erzählt die Mitarbeiterin der Waldmünchener Tourist-Information, die froh ist, dass die Minustemperaturen vorbei sind. Denn das Hantieren mit den kleinen Röhrchen und Filtern erfordert Fingerspitzengefühl. Was genau zu tun ist, hat ein DWD-Mitarbeiter Sigrid Frei gezeigt, „zur Not gibt es ein Anleitungsvideo“, schmunzelt sie.

Minimum 48 Proben

48 Wochenproben müssen im Labor in Freiburg auswertbar sein, damit das Gutachten erstellt werden kann, erläutert Dr. Stefan Gilge, Leiter des Referats Lufthygiene beim DWD. Durch die zentrale Analytik, die in Freiburg für alle Luftkurorte (derzeit deutschlandweit knapp 320) abgewickelt wird, ist ein einheitlicher Standard gesichert. Der Messzeitraum von einem Jahr sei in dem Gesamtbild begründet, dass sich die Fachleute machen wollen. Im Winter etwa führe Hausbrand (die Emissionen beim Heizen) zu anderen Werten als im Sommer, in dem sich wiederum die Feinstaubablagerung anders verhält.

Jeden Freitag, ein Jahr lang, tauscht Sigrid Frei Röhrchen und Filtermaterial aus. Foto: ps
Jeden Freitag, ein Jahr lang, tauscht Sigrid Frei Röhrchen und Filtermaterial aus. Foto: ps

Die Messung an zwei Standorten sei Standard, informiert Gilge. Einmal wird im „Kurgebiet“ gemessen, einem wenig belasteten Gebiet (in Waldmünchen beim AquaFit) und einmal im Verkehrszentrum, in dem sich der Gast gelegentlich aufhält. Nicht untersucht werden Industriegebiete, da Urlauber sich dort üblicherweise nicht aufhalten. Ermittelt werden Leitsubstanzen, die sich als Indikatoren für die Schadstoffbelastung bewährt haben: Stickstoffdioxid, Fein- und Grobstaub. Wichtig ist eine genaue Dokumentation, unterstreicht der Fachmann, vor allem um die Proben eindeutig dem Messpunkt zuordnen zu können.

Im Gehäusekopf werden verschiedene Diffusionsröhrchen mit Filter eingesetzt. Foto: ps
Im Gehäusekopf werden verschiedene Diffusionsröhrchen mit Filter eingesetzt. Foto: ps

Der Wetterdienst ist dankbar für die Daten, ermöglichen sie doch eigene Analysen. Die Belastung mit Stickstoffdioxid etwa habe über einen längeren Zeitraum abgenommen, berichtet Dr. Gilge. Seit Aufnahme der Feinstaub-Messungen – ohnehin nur an den verkehrsreichen Punkten – vor knapp zehn Jahren würde dieser genau beobachtet. Das Gutachten für Waldmünchen sollte bis Juli 2019 vorliegen, bis April wird gemessen. „Drei Monate schaffen wir in der Regel“, informiert der Referatsleiter.

Für Bürgermeister Markus Ackermann ist das Prädikat „Luftkurort“ eine der Zertifizierungen, mit denen die Stadt Flagge zeigen kann. „Der Gast weiß, dass er bei uns Qualität bekommt.“ Das gelte für viele Bereiche, aber eben auch für die Luft.

Kriterium im Ballungsraum

Dies sei vor allem für Menschen aus den Ballungsräumen ein Buchungskriterium, lautet seine Erfahrung. Dass sich die Stadt einer erneuten Zertifizierung stellte, sei im Sinne der Philosophie, Qualität zu bieten, nur konsequent. Was für Vermieter vier Sterne seien, seien für das Urlaubsland Auszeichnungen wie eben der als Luftkurort. Die Kosten von rund 6000 Euro insofern gut angelegt.

Der Titel „Luftkurort“ ermögliche der Stadt, einen Kurbeitrag – derzeit 1,30 Euro pro Nacht für einen Erwachsenen – zu erheben, weist Sigrid Frei auf einen weiteren Aspekt hin. Die Einnahmen daraus fließen in touristische Projekte wie Pflege der Wanderwege oder den Kräuterlehrpfad zurück. Diejenigen, die bezahlen, erhalten wiederum Vergünstigungen durch die Gästekarte.

Und dann ist da ja noch der gesundheitliche Vorteil: Appetitanregend und schlaffördernd – Es gibt viele Gäste, die die gute Luft thematisieren, weiß Frei. „Uns ist das jedoch manchmal nicht bewusst.“

Weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham lesen Sie hier.

Erhalten Sie täglich die aktuellsten Nachrichten bequem via WhatsApp auf Ihr Smartphone. Alle Infos dazu finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht