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Industrie

Wasser und Bahn lockten einst Investoren

Die Teilnehmer der „historischen Einkehr“ waren diesmal unter anderem in dem „nostalgisch modernisierten“ Elektrizitätswerk am Regenstein.
Von Alois Dachs

  • Angelika Wanninger (Mitte) erklärte den Besuchern das Elektrizitätswerk in Regenstein. Foto: Dachs
  • Das Anwesen „Steinbach Nr. 1“ – hier ein Foto von Lehrer Bock aus dem Jahr 1942 – war ein Holz-Schleifbetrieb.

Bad Kötzting.Einem Gewerbebereich, der längst seinen wirtschaftlichen Glanz von einst verloren hat, aber dennoch eine interessante Nachnutzung erfährt, galt am Samstag die „historische Einkehr“. Hauptpunkte des Abends waren dabei eine Führung von Angelika Wanninger durch ihr „nostalgisch modernisiertes“ Elektrizitätswerk am Regenstein und ein gemeinsames Abendessen mit Vortrag von Stadtarchivar Clemens Pongratz im Hotel „am Steinbachtal“.

Schon der Besuch im Elektrizitätswerk von Angelika Wanninger am Regenstein wurde für die 38 Teilnehmer (das ist Rekord seit Einführung der „historischen Einkehr“!) zu einem besonderen Erlebnis. Ein kleiner Stehempfang mit Sekt im Hof ging der Besichtigung des ehemaligen Kesselhauses voraus, das mit gelben, extra angefertigten Ziegelsteinen neu aufgebaut wurde und nun den Generator und die computergesteuerten Kontrollanlagen beherbergt, während eine liegende Kaplan-Turbine die Energie des Wassers zur Stromerzeugung nutzt.

Computersteuerung am Wehr

Schwer beeindruckt zeigten sich die Teilnehmer auch von der kleinen Oldtimer-Sammlung von Franz Wanninger jun. in der Halle, die mit neuen Instrumenten im Stil früherer Elektrizitätswerke ausgestattet ist. Am Vorrechen erklärte Angelika Wanninger, dass computergesteuerte Fühler den Wasserstand im Kanal über das rund 500 Meter in Richtung Spatilleweg liegende Klappenwehr mit Fischtreppe regeln. Wenn sich zuviel Laub und Treibgut vor dem Vorrechen sammelt, wird automatisch der Reinigungsrechen in Betrieb gesetzt.

Zu Fuß gingen die Teilnehmer danach über die Brücke zum Hotel „am Steinbachtal“, wo Clemens Pongratz als Referent und Carola Höcherl-Neubauer für den veranstaltenden Verein Stadtmarketing die Teilnehmer begrüßten. Sie dankte den Familien Wanninger und Hartmannsgruber mit kleinen Geschenken für die erwiesene Gastfreundschaft.

Fotos und Pläne beeindruckten

Ein Teil des Restaurants im Hotel „am Steinbachtal“ erwies sich danach als idealer Vortragsraum, in dem die Gäste auf einer Großleinwand intensiv die aus dem Nachlass von Lehrer Bock stammenden Fotos und die zahlreichen Pläne studieren konnten, die Clemens Pongratz im Laufe der Jahre im Staatsarchiv Landshut kopiert und für das Kötztinger Stadtarchiv gesichert hatte.

Zwei Faktoren waren ausschlaggebend für de Gründung der Industriebetriebe in Regenstein, Harras und Steinbach: Einerseits versprach das Wasser des Weißen Regens und des Steinbachs eine günstige Energiegewinnung, andererseits sollte die erwartete Bahn den Abtransport der Waren und die Anlieferung der Rohstoffe günstig machen. Der positiven Entwicklung der Pappenfabrik in Regenstein stand aber von Anfang an das Fehlen der Bahnverbindung entgegen. Die gesamte Pappenproduktion musste mit Fuhrwerken bis nach Cham oder Konzell-Süd transportiert werden, um sie auf die Bahn verladen zu können.

Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 tat ein Übriges, um die Wirtschaftslage beträchtlich zu verschlechtern und letztlich habe sich gezeigt, dass Maximilian Schmidt, dem der König den Namenszusatz „genannt Waldschmidt“ verliehen hatte, nicht viel von der Führung eines Pappenwerkes verstand, schließlich sogar seine Geschäftspartner betrog, denen er in Verträgen eine hohe Rendite für ihr eingesetztes Kapital zugesichert hatte. Die Eisenbahn kam erst 40 Jahre später nach Kötzting und wegen der Weigerung des Grundbesitzers Kollmaier, die Bahnstrecke durch seine Wiese bauen zu lassen, gab es Jahre lang eine Lokalbahn Lam-Kötzting, deren Schienen am Bahnhof Zellertal endeten und die Bahnstrecke Cham – Kötzting, deren Gleise an Prellböcken am Kötztinger „Hauptbahnhof“ aufhörten.

Dieter Schmidt berichtete von Erzählungen seines Urgroßvaters, der als „Condukteur“ den ersten Dampfzug von Cham nach Kötzting begleitete. Weil der Pfarrer die Bahn als „Werk des Teufels“ bezeichnet hatte, sei der erste Zug lediglich vom damaligen Bürgermeister erwartet worden, andere Schaulustige trauten sich nicht zum Bahnhof.

Viehdrift musste gesichert werden

Im Zuge der Genehmigung für die Pappenfabrik Regenstein musste beim Bau des Triebwerkskanals auch die Viehdrift für die Orte Gehstorf und Gradis gesichert werden. Laut Clemens Pongratz ist nicht genau klar, was unter „Viehdrift“ zu verstehen ist, möglicherweise habe es sich um eine Sicherung der Wegstrecke zu den Ochsenmärkten gehandelt. Das Werk in Regenstein habe im Laufe der Jahre verschiedene Eigentümer und Betreiber gehabt, erklärte Pongratz, unter anderem gehörte es einmal einem Bankier Weinmann. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die jüdische Familie Grünhut Betreiber der Fabriken in Regenstein (Eigentümer war damals Michael Staudinger, ebenso von Steinbach) und Harras.

Nach der so genannten Reichspogromnacht sei die Familie Grünhut verhaftet worden, später aber in die Schweiz ausgewandert. Eine große Rolle in dieser frühen Zeit der Industrialisierung habe die Familie Windorfer gespielt, so Clemens Pongratz. Zum Beispiel betrieb Franz-Xaver Windorfer auf der Hammermühle einen „Waffenhammer“. Sein Bruder sicherte schon damals in Harras mit einer doppelwandigen Uferverbauung aus Holz den Bestand des Triebwerkskanals für Jahrzehnte.

„RAD-Maiden“ im Garteneinsatz

Eine Besonderheit in der Zeit des Dritten Reichs war auch das „Maidenlager“ des Reichsarbeitsdienstes (RAD) am Schinderbuckel. Aus dem Nachlass von Lehrer Bock existieren davon noch Fotos von der Anlage, in der 120 Mädchen und junge Frauen für den Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft geschult werden sollten. Dieter Schmidt, dessen Familie einen Teil des ehemaligen Lagergeländes als Baugrund gekauft hatte, konnte noch genaue Beschreibungen von der Funktion der einzelnen Gebäude geben, die laut einer im Stadtarchiv vorliegenden Originalrechnung von einem Betrieb aus der Bodenseeregion in Fertigbauweise errichtet worden waren.

1958 hatte Hans Dattler das Gelände mit den Gebäuden des ehemaligen RAD-Lagers gekauft. Wie Clemens Pongratz berichtete, gab es Pläne, hier ein städtisches Hotel zu errichten. Für Erheiterung bei den Gästen sorgte dabei, dass viele verstanden, ein „städtisches Bordell“ sei geplant gewesen.

Herrenhäuser und eine Kantine

Eines der RAD-Gebäude sei später von Friedrich Bieber als Fertigungshalle für seinen Betrieb gekauft worden, eine weitere Halle wurde nach Grub verkauft. Clemens Pongratz räumte bei dieser Gelegenheit auch einen „historischen Irrtum“ aus: Der Name „Schinderbuckel“ kommt seiner Meinung nach nicht von der Tätigkeit des Abdeckers, der früher für die Verwertung von Tierkörpern zuständig war, sondern von der Steillage, auf denen sich Fuhrwerke schinden mussten. Der Abdecker sei über Jahrhunderte in Reitenstein angesiedelt gewesen.

Friedrich Bieber, der nach dem Zweiten Weltkrieg in der Waldschmidtstraße einen Betrieb für Holzspielwaren gründete, war von 1937 bis 1945 Betriebsleiter in Regenstein. Er hatte sich 1937 bei der Familie Grünhut beworben, sein damaliger Wohnsitz war in Warschau. Hans Friese informierte die Teilnehmer, dass sein Großvater Otto Friese von 1909 bis 1929 die drei Industriebetriebe in Steinbach, Regenstein und Harras geführt hatte. Er baute auch die kleine Villa in Regenstein, die später von Fritz Röhrl und seiner Frau erworben worden und nach deren Tod von einer Erbengemeinschaft an den neuen Eigentümer aus Viechtach verkauft worden war. Alte Pläne beschrieben auch die Herrenhäuser in Harras und Regenstein, wo außerdem eine Kantine für die Arbeiter geplant war.

Gemeinde vergab den Namen

Das heutige Regenstein war bis zur Firmengründung des Waldschmidt 1869 eine „namenlose Gegend“. Erst als Maximilian Schmidt seine Fabrik dort genehmigen ließ, entschied die zuständige Ortsgemeinde Weißenregen, dass dieser Teil des Gemeindegebietes Regenstein heißen sollte. Das damalige „Industriedreieck“ gehörte zu drei verschiedenen politischen Gemeinden. Während für Regenstein die Gemeinde Weißenregen zuständig war, gehörte der Betrieb in Harras zur Gemeinde Blaibach. Steinbach, das noch 1934 nur aus vier Arbeiterwohnhäusern und der Fabrik bestand, gehörte wie das Gelände nordöstlich des Weißen Regens zur Marktgemeinde Kötzting.

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