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Geschichte

Weltgeschehen spiegelt sich Dorfleben

In Miltach zeichnete der Geistliche Karl Holzfurtner vor 100 Jahren wichtige Ereignisse MItten im Weltkrieg genau auf.

Eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1910 zeigt, wie Miltach damals aussah.Repro: kvg
Eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1910 zeigt, wie Miltach damals aussah.Repro: kvg

Miltach.Karl Holzgartner betreute als Priester die Expositur Miltach von 1916 bis 1924. Geboren wurde der Geistliche am 26. März 1879 in Neustadt an der Waldnaab, am 24. Mai 1903 erhielt er die Priesterweihe. 1961 ist er in Pförring gestorben. Er war ein begeisterter Heimatgeschichtsforscher. Holzgartner beschäftigte sich in seinen seelsorgerischen Einsatzorten mit Wetter, Volksmedizin, Brauchtum und Ortsgeschichte, er erstellte Stammbücher und Häusergeschichten.

Aufzeichnungen in zwei Bänden

In Miltach hinterließ der Geistliche zwei handgeschriebene Bände, die „Beiträge zur Geschichte des Expositurbezirks“ und die „Chronik der Expositur Miltach“. Letztere ist deshalb so interessant, weil darin die Verhältnisse und die Auswirkungen des 1. Weltkrieges auf das Dorf authentisch, aber auch sehr kritisch geschildert werden. Aus Datenschutz-Gründen werden in diesem Bericht nicht alle Familiennamen vollständig genannt.

Hier sind einige Auszügen über das erste Vierteljahr 1918, das der geschichtsinteressierte Geistliche vor genau 100 Jahren mit datierten Tageseinträgen festhielt. Holzgartner schrieb aber auch Ereignisse aus seinem privaten Leben in der Chronik nieder.

1. Januar 1918: Der erste Tag des Neuen Jahres war ein kalt-sonniger Wintertag. Den Nachmittag brachte ich auf dem fast ganz zugefrorenen Regen mit Schlittschuhlaufen zu.

12. Januar: Die Schneemenge nimmt unheimlich zu. Gestern waren so wenige Kinder in der Schule, dass wir sie Mittag alle nach Hause schickten. In den Oberklassen fehlten über die Hälfte, in den Unterklassen 51 von 84 Kindern.

Ein Bild auf einem Feldkreuz erinnert an Franz Heigl.Foto: kvg
Ein Bild auf einem Feldkreuz erinnert an Franz Heigl.Foto: kvg

8. Februar: Anfangs Februar ist die Nachricht eingetroffen, dass zwei schon längere Zeit vermisste Krieger der Expositur als gefallen gelten: nämlich Karl Höcherl, Sohn des hiesigen ehemaligen Müllers Höcherl, dessen Familie jetzt im Schloss wohnt. Er ist vermisst seit 16. April 1917, seit der Apriloffensive. Der Kriegsgefangene Offiz. Stellvertreter Haberl sagte nun unter Eid aus, dass Höcherl an diesem Tage durch Kopfschuss gefallen ist. Franz Heigl, Sohn des Bauern und Kirchenpflegers Heigl von Höhenried, ist bereits seit der Somme-Offensive vermisst. Der Kriegsgefangene Mittermeier sagt nun aus, dass er bei Marval an der Somme am 18. September 1916 durch Bauchschuss gefallen ist.

9. Februar: Heute war der Besitzer des Schlossgebäudes Miltach, Herr Elias Weinmann aus München, Adelgundenstraße, hier. Er bot mir den Altar in der Schlosskapelle zum Kauf an, Kosten 4 000 Mark. Heute, 2 Uhr morgens, ist der Friede zwischen dem Vierbund und der ukrainischen Republik unterzeichnet worden. Gott sei Dank! – Hoffentlich wirkt er ansteckend.

Zur Person

  • Priester

    Der Pfarrer Karl Holzgartner war von 1916 bis 1924 Priester in der Expositur Miltach.

  • Aufzeichnungen

    Seine Aufzeichnungen betreffen die Heimatgeschichte und umfassen mehrere Bände. Interessant sind Holzgartners Notizen über die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf das Dorf Miltach. Zum Teil sind die Vorgänge sehr kritisch geschildert, in jedem Fall aber genau datiert.

Der Friedensschluss

16. Februar: Wolfgang Fischer in Oberndorf hat sein Anwesen mit Grund, Vieh und Fahrnis um 10 000 Mark an einen Händler in Cham verkauft, der es jetzt einzeln veräußert.

25. Februar: Von Cooperator Auer, Moosbach, den ich gestern in Zandt traf, wohin er zum Abschiednehmen gekommen war, er ist als Benefiziant nach Dengling versetzt, hörte ich, dass bei einer Hochzeitsfeier beim Wirt in Heitzelsberg, am Tage nach Aschermittwoch, unter Grammophonbegleitung flott getanzt wurde – und das obwohl die (…Name) eine Kriegerwitwe und ihr Mann erst im April 1917 gefallen ist – obwohl Kriegszeit – obwohl Fastenzeit - W a l d l e r !!

3. März: Am 3. März 1918 wurde endlich der Friede mit Rußland unterzeichnet. Wir erfuhren es am Montag den 4. März mittags. Die Nachricht löste wohl allgemeine Befriedigung, aber keine laute Freude aus. Ich steckte unsere Fahne hinaus, hielt am Mittwoch einen schulfreien Tag, von Freudengeläute mussten wir in Miltach absehen, da uns die Glocken fehlten.

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