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Region Cham
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Natur

Wenn der Otter nichts übrig lässt

Bis heute wartet der Besitzer eines Weihers bei Cham auf Entschädigung. Die Otter fressen gerade den nächsten Weiher leer.
Von Christoph Klöckner

Das Bild ist erst wenige Tage alt, doch schon hat sich wieder etwas verändert: die Fischerhütte ist weg. Teich- und Landwirt Max Zollner hat sie weggerissen, da Vandalen an ihr mehrfach im Jahr ihre Wut auslassen oder einbrechen. Der große Weiher bei Haidhäuser ist seit 2016 leer, da hier im Fischbestand eine ganze Otterfamilie gewütet hat und der Inhaber noch immer auf Schadensersatz wartet. Foto: Klöckner
Das Bild ist erst wenige Tage alt, doch schon hat sich wieder etwas verändert: die Fischerhütte ist weg. Teich- und Landwirt Max Zollner hat sie weggerissen, da Vandalen an ihr mehrfach im Jahr ihre Wut auslassen oder einbrechen. Der große Weiher bei Haidhäuser ist seit 2016 leer, da hier im Fischbestand eine ganze Otterfamilie gewütet hat und der Inhaber noch immer auf Schadensersatz wartet. Foto: Klöckner

Cham.Drei Generationen sitzen am Tisch im Chamer Ortsteil Scharlau. Eigentlich ein Bild, das man sich wünscht und das noch etwas von dem widerspiegelt, was Landwirtschaft einmal war und eben zeitweise noch ist: eine Familiensache. Doch auf den Gesichtern der Familie Zollner – ob bei den Senioren, den aktuellen Hofinhabern Max und Gertraud Zollner oder dem Nachfolger, Sohn Florian – liegen Sorgenfalten.

Die Familie, die neben Acker- und Grünland auch Teichwirtschaft als Standbein hat, fühlt sich alleingelassen mit ihren Sorgen. Und die haben ihnen 2015 eine Otterfamilie aufgebürdet, die Halt machte in ihrem Weiher, dem Haidweiher bei Haidhäuser.

Fische ohne Kopf und Innereien

Die Otter holten einen Fisch nach dem anderen heraus, fraßen Kopf und Innereien, erzählt Max Zollner und zeigt Bilder. Er verständigte das Landratsamt – die Fachleute hätten Otter als Ursache festgestellt – und er habe einen Schadensersatz beantragt. Der Schaden betrug 30000 Euro. Wobei es einen staatlichen Topf für Otterschäden 2015 noch nicht gab. Dennoch glaubten sie an einen Ausgleich.

„Aschermittwoch hatten wir nicht einmal eigenen Fisch auf dem Tisch!“

Florian Zollner

Denn Otter sind hochgeschützt und vom Staat gewollt – da müsse es doch Möglichkeiten geben, Betroffenen zu helfen. Wenn die Gesellschaft solche Tiere wolle, müsse sie dafür zahlen, so Max Zollners Sicht der Dinge. Doch bisher wartet die Familie vergebens. „Vom Landratsamt hat sich keiner mehr gerührt“, sagt Max Zollner. Währenddessen haben Otter begonnen, die Fische, die Zollners zur Überwinterung in ihren anderen ihrer vier Weiher haben, zu fressen. „Aschermittwoch hatten wir nicht einmal eigenen Fisch auf dem Tisch!“, sagt Florian Zollner. Der junge Landwirtschaftsmeister hat wenig Optimismus, dass sich hier etwas tut.

Der Haidweiher war ein extra großen Weiher, doch aktuell liegt er leer neben der Bundesstraße 85. 2017 hat Max Zollner hier Mais ausgesät, statt Fische zu setzen. Er habe alles für einen Schadensersatz probiert, sagt Zollner. Sogar mit dem Bayerischen Landwirtschaftsminister habe er gesprochen. Getan habe sich nichts. Auch 2018 soll der Weiher leer bleiben, haben die Zollners beschlossen. Und noch mehr: Zwei weitere von den übrigen Weihern sind bereits abgelassen und stillgelegt worden. Denn auch bei der Bank haben sie den Kopf geschüttelt, als er 15000 Euro für neuen Fischbesatz wollte. „Die haben gesagt, das passiert sicher wieder und wir bleiben auf dem Kredit sitzen“, sagt Zollner. Es sei nicht mehr fünf vor zwölf, sondern bereits fünf nach 12.

Was sagt der Landrat?

  • Teichwirtschaft

    Landrat Franz Löffler sieht die großen Schäden, mit denen die traditionelle Teichwirtschaft in der Oberpfalz durch die Otter zu kämpfen hat: „Aufgrund seiner rasanten Vermehrung und ohne natürliche Feinde gefährdet der Fischotter neben Kormoran und Biber zunehmend den Fischbestand in der Teichwirtschaft.“

  • Artenvielfalt

    Fraßschäden von 80 und gar 100 Prozent in Fischteichen seien nicht mehr selten. Letztlich leide auch die Artenvielfalt, wenn Fischbestände ausgerottet und das Leben in und am Teich verschwinde, so Löffler. Auch unsere Kulturlandschaft mit Fischteichen würde sich verändern.

  • Ungleichgewicht

    Hier sei in der Natur ein Ungleichgewicht entstanden, wo regulierende Eingriffe des Menschen möglich sein müssten. Die Teichwirtschaft ist in der Oberpfalz nicht nur ein Wirtschaftszweig, sondern auch Kulturgut. Der Fischotter müsse als geschützte Art erhalten werden, doch müsse er reguliert werden.

  • Konsequenzen

    „Ich bin deshalb mit den zuständigen Ministerien in Kontakt, um, ähnlich wie beim Biber, in besonders betroffenen Regionen artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigungen zur Entnahme von Tieren im Einzelfall zu ermöglichen“, so Landrat und Bezirkstagspräsident Löffler.

Er wie seine Frau Gertraud sehen auch den Umweltschutz in der Pflicht. Wenn die den Otter wollten, könnten sie dafür Spenden sammeln, um Schäden abzudecken. Er weiß von anderen Teichwirten, die mittlerweile auf 60 Hektar Mais statt Fisch ernten. „Der Oberpfälzer Karpfen stirbt aus!“, resümiert Gertraud Zollner. Denn Feinde hat der Otter nicht und abhalten von seinem Jagdfieber lässt er sich nur selten. Und den Weiher auffüllen und ohne Fische stehen zu lassen? Das sei keine Lösung, sagt Zollner. Werde es heiß im Sommer, kippe er um, weil Algen und anderes dann ungestört wachsen könnten – dann seien die Probleme noch größer.

„Leere Teiche kein Ziel“

Der Fischotter hat einen großen Jagdtrieb, den er in Fischweihern manchmal bis ins Extreme auslebt. Foto: dpa
Der Fischotter hat einen großen Jagdtrieb, den er in Fischweihern manchmal bis ins Extreme auslebt. Foto: dpa

Im fischlosen Teich sieht auch der Fachberater für Fischerei beim Bezirk, Dr. Thomas Ring, keine Lösung. Das Thema Otter sei heikel. Vor allem auch die Konsequenz, die Weiher abzulassen und anderweitig zu nutzen. Eine so genannte Sömmerung, also das Ablassen des Gewässers für drei Jahre, sei erlaubt. Es sei aber nicht die „gute, fachliche Praxis“, einen Weiher längerfristig leerstehen zu lassen.

„Ein offizielles Gewässer kann man nicht einfach wegmachen!“, sagt er. Wobei ein Otterschutz für solch einen großen Teich wie den Haidweiher unmöglich machbar sei. „Der Teichwirt hat hier keine Chance“, sagt er klipp und klar.

Er habe im aktuellen Fall zum Haidweiher eine neue Besprechung des Landratsamtes mit den Betroffenen empfohlen, um eine Lösung zu finden und den Streit nicht eskalieren zu lassen. Dr. Ring beklagt auch, dass trotz Aufstockung auf 300 000 Euro der Ausgleichstopf des Freistaats viel zu klein sei: „Bei großen Weihern entstehen gleich 40000 Euro Schaden. Da ist der Topf schnell leer.“ Das gehe an die Existenz. Zudem gefährde der Otter die heimische Zucht, denn der Otter fresse mit dem Laichfisch in den Winterungsteichen auch die Genetik auf: „Und Fremdfische dann von irgendwoher einzukaufen, ist nicht gut!“

Langfristig sieht er nur Möglichkeiten, wenn der Otter beim Auftreten am Teich als Einzelfalllösung legal weggefangen oder getötet werden kann. Anderseits muss sich der Otter nach EU-Auffassung erst überall verbreiten und in seinem Überleben sicher sein, bis er jagdbar sein wird. Wie viele Existenzen es bis dahin kostet, wird die Statistik der Teichwirtschaft ausweisen.

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