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Politik

Wenn „Nazis“ gegen „Gutmenschen“ stehen

Dr. Christian Boeser-Schnebel beklagt in Cham einen fatalen Teufelskreis in der politischen Debatte. Aber er weiß Rat.
Von Ernst Fischer

Dr. Christian Boeser-Schnebel stellte bei der Chamer Volkshochschule auch sein Buch vor: „Politik wagen“. Foto: Fischer
Dr. Christian Boeser-Schnebel stellte bei der Chamer Volkshochschule auch sein Buch vor: „Politik wagen“. Foto: Fischer

Cham.Wie die kleinen Kinder im Sandkasten! Wenn Mama den Hansi fragt, warum er den Paul geschlagen hat, dann sagt der Hansi: Weil der Paul mit dem Eimer auf mich geworfen hat.“ Genau so führen wir uns auf, wenn‘s um Politik geht heutzutage in diesem unserem Lande.

Dr. Christian Boeser-Schnebel sagt das. Der Mann lehrt als Pädagoge an der Universität Augsburg und ist Leiter des Netzwerks politische Bildung Bayern. In dieser Funktion tourt er durchs Land, um uns von kleinen Kindern zu mündigen Demokraten zu erziehen. Am Donnerstagabend hielt er seinen „Workshop“ bei der Volkshochschule in Cham.

„Streitet Euch!“ So heißt das Thema von Dr. Boeser-Schnebel. Aber nicht so wie die kleinen Kinder! Stammtischparolen und Populistensprüche bestimmen nach seiner Analyse heute die politische Debatte. Die einen sind „Nazis“, die anderen „Gutmenschen“ und „Mitglieder der linksversifften Merkel-Republik“. Und eine Stammtischparole steht über allem: „Die wollen doch nur unser Geld und kriegen alles!“ Die Flüchtlingsfrage spaltet unser Land. Dr. Boeser-Schnebel zitiert aus der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier: „Wir müssen wieder lernen, zu streiten, ohne Schaum vorm Mund, und lernen, unsere Unterschiede auszuhalten. Wer gar nicht spricht und erst recht nicht zuhört, kommt Lösungen kein Stück näher.“

Die Taktik der Populisten

Populismus hört nicht zu. Er ist rechthaberisch und erhebt den „Anspruch, für das Volk zu sprechen“. So macht es Trump als US-Präsident. So macht es Erdogan in der Türkei. Und so macht es auch ein Andi Scheuer als deutscher Verkehrsminister. Dr. Boeser-Schnebel zitiert ein Wort von ihm zum Tempolimit: Das sei „wider jeden gesunden Menschenverstand“. Das Volk lässt grüßen.

„Schuld sind immer die anderen!“ So verhärten die Fronten in unserer Gesellschaft. Der Referent dekliniert es an einem Beispiel durch: Politikverdrossenheit und ihre zwei Seiten. Für die Bürger rangiert Poltiker ganz am Ende der Rangliste mit den Berufen, die am meisten Vertrauen verdienen, noch hinter den Versicherungsvertretern. In einem Workhop von Dr. Boeser-Schnebel haben junge Leute fast einmütig erklärt: Poltiker sind „Schweine, die gut reden können, aber nur Lügen erzählen.“

Der Referent

  • Persönlich

    Dr. Christian Boeser-Schnebel ist Projektleiter des Netzwerks Politische Bildung Bayern und akademischer Oberrat am Lehrstuhl für Pädagogik mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung der Universität Augsburg.

  • Projekt

    Mit Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer, Dr. phil. Karin B. Schnebel und Florian Wenzel hat er ein Argumentationstraining gegen Stammtischparolen entwickelt.

Und wenn man die Frage umdreht? Zitate aus dem Buch „Der kleine Wählerhasser“ von Hintergrundgesprächen mit Politikern: Da stehen Sätze wie diese: „Der Wähler is a Sau“, „Vox populi, vox Rindvieh“ oder: „Das verstehen die Leute eh nicht.“ Fazit: „Politikerverdrossenheit der Bürger gegen Bürgerverdrossenheit der Politiker“, das ist heute der Teufelskreis, in dem unsere Gesellschaft festsitzt. Oder ganz brandheiß: „Skepsis gegenüber Muslimen kontra Skepsis gegenüber Christen“.

Wie kommen wir daraus? Genau: „Streiten lernen!“ So wie es uns der Bundespräsident zu Weihnachten ins Gewissen gesprochen hat. Dr. Christian Boeser-Schnebel sagt es so: „Jetzt bin ich selbst in der Verantwortung.“ So geht Streiten gegen Populisten und Stammtischparolen für ihn: „Aufhören mit: Die müssen mal! - Anfangen mit: Was können wir selber machen?!“

Da kommt es auf „Haltung“ an, nicht auf emotionale Spontanreaktionen. Nicht wie beim Grizzlyprogramm sofort in Panik fallen, wenn plötzlich ein Bär zur Tür reinkommt. Es könnte ja gleich dahinter der Dompteur folgen und uns überzeugen, dass es ein harmloser Tanzbär ist.

Also, erstmal Pause machen, wenn uns jemand mit einer Stammtischparole überfällt. Den anderen fünf bis acht Minuten reden lassen, darauf konzentrieren, ihn zu verstehen! Offene W-Fragen, nicht selbst argumentieren!

Die „Rote Linie“ beim Verstehen

Und wenn jemand eine Rote Linie verletzt mit Parolen, die auch mal an Grundwerte gehen? Dann rät Dr. Boeser-Schnebel zur „notwendigen Distanzierung, aber nicht aggressiv“. Frage am Schluss: Fallen ihm spontan Politiker ein, die sich an seine Regeln halten? Antwort: „Es ist sogar noch schlimmer, mir fallen gar nicht so viele Menschen ein.“ Dann sagt er noch dazu: „Es gibt Politiker, die machen das, ...aber nicht öffentlich!“ Wir könnten das ändern. Dr. Boeser-Schnebel: „Je mehr Reflexionsfähigkeit in der Bevölkerung, umso mehr Spielraum haben die Politiker zum Handeln.“

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