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Spurensuche

Wenn’s Häusl erzählen könnt’

In einem rund 200 Jahre alten, heute verlassenen Wohnhaus in Grafenwiesen lebte einst Schuster Sebastian Edenhofer.
Von Heinz Pletl

Familiäres Dorfidyll vergangener Zeiten: die wohl älteste Aufnahme des alten Edenhofer-Hauses Foto: khp
Familiäres Dorfidyll vergangener Zeiten: die wohl älteste Aufnahme des alten Edenhofer-Hauses Foto: khp

Grafenwiesen.Wenn ein altes „Waidlerhäusl“ erzählen könnte…

Fährt man vom Bahnhof kommend ins Dorf Grafenwiesen hinein, fällt einem gleich bei der ersten Kreuzung linkerhand ein liebenswürdiges, offensichtlich sehr altes Holzhäuschen ins Auge.

Auf den ersten Blick kann man erkennen: Es ist nicht mehr bewohnt. Recherchen haben ergeben, dass hier früher drinnen geschustert wurde. Es hat rund 200 Jahre auf dem Buckel und darf aus Gründen des Denkmalschutzes nicht abgerissen werden.

Man kann auch ganz gut verstehen, dass so ein Kleinod unbedingt der Nachwelt erhalten bleiben muss. Der einstige Besitzer Sebastian Edenhofer, der „Wastl-Schuster“, verbrachte sein Leben genügsam darin mit der Familie. Die Größe eines Zimmers betrug etwa 20 Quadratmeter, einige waren auch kleiner.

Das Haus beherbergt Wohnstube, Schlafzimmer und Lagerräume. Aufgrund der kleinen Räumlichkeiten mit den winzigen Fenstern strahlt das Innere eine angenehme Behaglichkeit aus. Beheizt wurden die Räume – im wahrsten Sinne des Wortes nur die Küche – durch einen Holzofen. Durch die engen Raumverhältnisse verbreitete sich bald im ganzen Häuschen eine wohlige Wärme. Als Kochstelle diente in dieser Zeit ein Holzofen.

Maximal ein Paar pro Jahr

Der „Wastl“ hatte sich dem Schuhmacherhandwerk mit Leib und Seele verschrieben und war zuständig für das Anfertigen von neuen Schuhen, auch Holzschuhen. Er war Meister seines Faches und bildete einen Lehrling aus.

Der alte Wastl beim Schustern Foto: khp
Der alte Wastl beim Schustern Foto: khp

Zur damaligen überall armen Zeit konnte sich kein Bürger jedes Jahr ein Paar neue Schuhe leisten, vielmehr wurde der „Wastl“ häufig für große und kleine Reparaturen in Anspruch genommen. Das Handwerkzeug bestand in der betreffenden Zeit hauptsächlich aus Walzen, einer Nähmaschine, einem Schuhmachereisen und vielem mehr. So viel scheint sich also in der Grundausstattung nicht geändert zu haben. Die Dorfbewohner von Grafenwiesen waren überaus froh, einen „Schuh-Fachmann“ in der Nähe zu haben und schätzten ihn dementsprechend. Sie liebten ihren Schuster, der für ihre Füße Gutes tat. Trotz der Auftragsflut nahm er sich gerne Zeit für seine Kunden, um mit ihnen ein Schwätzchen zu wagen und über Freud und Leid zu diskutieren.

Vorderansicht des alten Edenhofer-Hauses Foto: khp
Vorderansicht des alten Edenhofer-Hauses Foto: khp

Viel Sonne verbreitete seine Familie unter den Leuten. So denken die Älteren aus Grafenwiesen noch manchmal liebend gerne an die Tochter des Schusters, die „Wastl Marl“, die nur so vor Lebensfreude strotzte und ihre Mitmenschen zum Lachen animierte. Keiner sah in sie hinein und konnte erahnen, dass es oft in ihrem Innern ganz anders aussah. Nur diese Lebenslust ist selten jemandem gegeben.

Das Edenhofer-Haus heute zu Fronleichnam. Foto: khp
Das Edenhofer-Haus heute zu Fronleichnam. Foto: khp

Die heutigen Besitzer, die Familie Alois Nirschl, halten das „Häusl“ hoch in Ehren und achten darauf, dass im Sommer rundherum und im kleinen Gärtchen blühende Blumen die Vorübergehenden grüßen.

Am Hochfest Fronleichnam ist es jahrzehntelange Tradition, dass vor dem „Holzhäusl“ einer der vier Altäre aufgebaut wird, auf dem der Pfarrer das Evangelium liest. In diesem Jahr war der gewohnte Platz an der Vorderseite des Hauses wegen Straßenbauarbeiten nicht zugänglich.

So war es für den Nirschl Alois, dem Enkel vom „Wastl“, Pflicht und Selbstverständlichkeit, einen neuen Altar zu bauen, der bei der Fronleichnamsprozession Bewunderung fand und auf der Rückseite des Hauses seinen Platz fand. Überaus glücklich war das Ehepaar Alois und Christa Nirschl über das Marienbild aus dem „Häusl“, das in der Mitte des Altars platziert wurde. So bleibt durch einen Gegenstand wie das wunderschöne Bild das „Waidlerhaus“ in guter Erinnerung.

Die Erinnerung bleibt

Viele lustige Begebenheiten, die sich in all den Jahren im und um das „Wastl-Haus“ ereigneten, könnten den Interessierten noch heute erheitern und neugierig machen.

Standen doch in seinem Garten zwei große Apfelbäume mit den kleinen, extrem harten „Holzäpfeln“. Da konnte der spitzbübische und immer zu Späßen aufgelegte „Wastl“ nicht umhin – meistens kamen mehrere Leute am Haus vorbei – die Vorübergehenden zu „tratzen“: Er schmiss ein Äpfelchen nach dem anderen in gewissen Abständen auf die Straße.

Es gefiel ihm zu gut, wenn alle stehen blieben, nach oben schauten und suchten, wo die kleinen Dinger denn herkamen. Selbstverständlich tat der „Wastl“ das Gleiche, mischte sich unter die leute und schaute fleißig unschuldig nach oben.

1969 verließ der „Wastl“ mit 81Jahren das Irdische. Durch das alte „Waidler-Holz-Häusl“ wird den Dorfbewohnern der „Wastl“ in Erinnerung bleiben.

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