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Reaktionen

Wirbel um die Rötzer „Faschingsjuden“

Die Rötzer Faschingszeitung rief am Freitag die Recherchestelle Antisemitismus auf den Plan und schlug im Netz Wellen.
Von Petra Schoplocher

Ein Bild aus dem Archiv: Ein „Faschingsjude“ verkauft die Fastnacht-Zeitung. Bisher war die Bezeichnung kein Aufreger, sagt der Vorsitzende. Foto: st
Ein Bild aus dem Archiv: Ein „Faschingsjude“ verkauft die Fastnacht-Zeitung. Bisher war die Bezeichnung kein Aufreger, sagt der Vorsitzende. Foto: st

Rötz.„Das war doch noch nie ein Problem...“ Irgendwo zwischen Sprachlosigkeit und Schrecken hat sich die Gefühlslage von Faschingspräsident Frank Gazinski am Freitagnachmittag eingependelt. Der Grund: Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) hat einen Artikel unseres Medienhauses kommentiert, der sich um die Rötzer Faschingszeitung drehte. Diese wird traditionsgemäß von den „Faschingsjuden“ verkauft.

Genau diese Bezeichnung ist es, die im Meldesystem für Alarm gesorgt hat. Wörtlich hieß es bei Twitter: „Erschreckend: Die @mz_de berichtete über die Rötzer Fasenacht, dort ,verkaufen die Faschingsjuden die Faschingszeitung’. Hier werden antisemitische Stereotypen reproduziert. Der Brauch der ,Juden’ soll laut der Organisatoren an ,deren Geschäftstüchtigkeit erinnern.’“.

Kommentar

Ein immens wichtiger Anstoß

So ist das in der digitalen Welt: Auf einmal – nach Jahrzehnten, in denen sich niemand für eine lokale Faschingszeitung und ihre Verkäufer, die so genannten...

Ein Verweis auf die Homepage

Mit derartigen Vorwürfen sei die Althistorische Rötzer Fasenacht noch nie konfrontiert worden, erklärte Frank Gazinski im Gespräch mit unserem Medienhaus. Gerade, weil man sich darüber im Klaren sei, dass die Bezeichnung falsch verstanden oder missinterpretiert werden könne, sei auf der Homepage eine Erklärung zur Geschichte und der Namensgebung zu finden. Die Bezeichnung „Jude“ sei voll und ganz als positives Merkmal gemeint, unterstreicht Gazinski und distanziert sich von allen anderen Interpretationsmöglichkeiten. Insofern stimme das Zitat aus dem Tweet, es sei gerade die Geschäftstüchtigkeit der Juden, die assoziiert werde.

„Wir wollen ganz sicher niemanden angreifen“, stellt der Faschingspräsident klar. Die Rötzer Fasenacht gebe es seit 130 Jahren und die Zeitung, seit Jahrzehnten verkauft durch „Juden“, sei nun einmal eines ihrer Herzstücke. Die „Ausspielzettel“ als Vorläufer gehen bis ins Jahr 1860 zurück.

Auch das Bayerwald-Echo hatte im Zusammenhang mit der Althistorischen Rötzer Fasenacht immer wieder über die Arbeit der Faschingszeitungs-Redaktion und die „Juden“ berichtet. Allerdings war es, wie auch die Chefredaktion bekräftigt, nie Ansinnen der Mittelbayerischen Zeitung, antisemitische Vorurteile zu schüren.

Dass die Fasenachtszeitung nun in einem schlechten Licht erscheine, stimme ihn traurig, sagte Gazinski. Nachdem das Thema bis zu besagtem Tweet am Freitag keines war, habe es bisher auch noch keine Überlegungen gegeben, den Namen zu ändern. „Aber sicher, wenn sich das zu einem Riesenproblem entwickeln würde, wäre eine Änderung denkbar“, meint Gazinski.

Recherchestelle Antisemitismus

  • Ursprung:

    2014 hat der Berliner Senat den Verein für Demokratische Kultur in Berlin (VDK) beauftragt, die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) zu gründen. Ursprünglich war Berlin das beobachtete Gebiet, insbesondere wurden Juden zu ihren Erfahrungen befragt. Meldungen und eigene Recherchen werden systematisiert und analysiert.

  • Ziel:

    Das Ziel von RIAS ist es, ein umfassendes Meldesystem für antisemitische Vorfälle zu entwickeln. Auch soll Betroffenen der Weg zu Beratungsangeboten erleichtert werden.

  • Mittel:

    RIAS twittert zu bestimmten Berichten, Themen oder Vorfällen: @Report_Antisem und nimmt Meldungen entgegen. (ps)

Im Frack und mit Zylinder

Noch detaillierter als die Homepage, auf die der Chef der Narren ausdrücklich verweisen möchte, geht Heribert Blab in einem Buch, das sich mit der Geschichte der Althistorischen Rötzer Fasenacht befasst, auf die „Juden“ ein. Darin heißt es: „Obwohl in früheren Zeiten das Fasenachtskomitee ehrenamtlich und kostenlos fungierte, gab es auch damals schon gewisse Ausgaben (...). Es wurden die sogenannten ‚Juden‘ eingeführt, deren Bezeichnung nicht diskriminierend gemeint ist, sondern an deren Geschäftstüchtigkeit und Feilschen erinnert wird, welche die ‚Fasenachtsjuden‘ allemal brauchen, um Ausspielzettel beziehungsweise Fasenachtszeitung an den Mann zu bringen. Sie mussten, so wie noch heutzutage, das gesammelte Geld dem Faschingskomitee abliefern, das damit alle Unkosten abdecken konnte. Die ‚Juden‘ gehen seit jeher im Frack und Zylinder, mit weißer Hose (...)“.

Auf der Homepage steht zudem, dass die Bezeichnung „weder diskriminierend noch despektierlich gemeint“ sei. „Dem ist wirklich nichts hinzuzufügen“, sagte Gazinski.

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