mz_logo

Region Cham
Freitag, 21. September 2018 26° 3

Umkehr

Zeit in rechtsradikaler Szene ist vorbei

Wie Felix Bennekenstein es schaffte, ein neues Leben zu beginnen. Der Jugendrat der Stadt Cham hatte die Veranstaltung mit dem Lions Club organisiert.

Felix Bennekenstein berichtete über seinen Eintritt in die rechte Szene, sein Leben darin und seinen Austritt. Heute ist er Vorsitzender der „Aussteigerhilfe Bayern e.V.“ Foto: kmo

Cham.Nach zehn Jahren in der rechtsradikalen Szene hat Felix Bennekenstein den Ausstieg geschafft. Mit 14 geriet er durch die Nazi-Musik in die Szene hinein. Er berichtete in der zweiten Veranstaltung im Langhaussaal etwa 150 Schülern der 8. Klasse aus dem Robert-Schuman-Gymnasium und der Gerhardinger Realschule von der Nazi-Ideologie, der Gewalt, seinem Leben in der Nazi-Clique, und wie er endlich heraus kam. Der Jugendrat der Stadt Cham organisierte zusammen mit dem Lions Club diese Veranstaltung. 160 Schüler aus der Johann-Brunner-Mittelschule und aus dem Joseph-von-Fraunhofer-Gymnasium hörten den Beitrag von Ex-Nazi Bennekenstein bereits am Dienstag.

Bürgermeisterin Karin Bucher sagte, dass man Neonazis nicht auf den ersten Blick erkennen könne, weder an Kleidung noch an Frisur. Mit Felix Bennekenstein bekomme man einen Vortrag von einem, der persönliche Erfahrung habe, einen intensiven Einblick auf die subtilen Versuche, rechte Ideen zu verbreiten. Stebner, der Präsident des Lions Club sagte, dass die NSU-Morde und die Schlagzeilen zum Neonazi-Richter aus Lichtenfels zeigten, dass die Rechtsradikalität in allen Institutionen angekommen sei.

Felix Bennekenstein sagte: „Ich bin nicht im Osten aufgewachsen, war auch nicht bildungsfern, sondern im Gymnasium.“ Er hatte eine normale Kindheit mit Eltern, die ihn weltoffen erzogen, war höchstens auffällig konfliktscheu und hatte einen jüngeren Bruder mit Downsyndrom. Es war die Musik und ihre Inhalte, die ihn, unsicher, einen Platz in der Gesellschaft suchend, in die braune Szene brachte. Die Message der Lieder war: Hass auf Ausländer, die Polizei, Juden. „Die Lieder haben wir auswendig gelernt.“ Selbst spielte er Gitarre, gab später als Liedermacher der Szene Konzerte. Bald folgten Straftaten im Konflikt mit dem Jugendzentrum.

„Billige Propaganda“

Zur Vergasung und den Gräueltaten, sagte er, dass die Nazis auf alles Antworten hatten und erzählten alles anders als es war, leugneten oder verdrehten die Schuld. „Es war oft billige Propaganda, aber ich glaubte es gerne“, sagte Bennekenstein. Die Neonazis haben eine tiefgreifende Ideologie, die jede Entscheidung beantwortet.“ Man habe einen Platz und Aufgaben in Nazi-Gruppen und auch Erklärungen für das Sterben und Leben nach dem Tod.

In Erding habe er die Gewalt ge-lernt, Aktionen und Schlägereien. Er lernte organisierte Nazis kennen. Zeitgleich wurde damals die Führungsetage verhaftet. Die Kameradschaft hatte Angst, dass sie auseinanderfällt. Er sollte helfen, sie wieder aufzubauen. Deutschland war für ihn Opferland. Die vermeintlichen Wahrheiten gingen seiner heutigen Meinung nach in Richtung psychische Erkrankung. Seine große Jugendliebe habe er „aussortiert“, weil sie zu unpolitisch gewesen sei. 2005 hätten sie eine autonome Gruppe gegründet. Junge Leute wollten nicht strammer als in der Schule sitzen, also waren sie für lockere Kleidung und Sprache.

In der HDJ (Heimattreue Deutsche Jugend) würden Kinder zu Nazis erzogen. Heute sei Bennekenstein geschockt darüber, dass er das jemals gut fand. 2006 lernte er seine jetzige Frau kennen. Ihr Vater förderte sie in der Nazi-Szene. Sie wuchs damit von Kindheit an auf. Allerdings habe es einen Augenöffner gegeben, denn für Fünfjährige gebe es sicher Besseres, als Krieg zu spielen.

Konflikt in der Clique

2007 verließ er Dortmund. Ein Konflikt zwischen der Clique aus Baden-Württemberg und der Dortmunder Gruppe eskalierte. Er fand es gut, dass es Leute gab, die hinterfragten, was diese Gruppe tat. Dann wurde seine Tür eingeschlagen, Messer waren im Spiel. Er hatte Glück, weil er als Liedermacher eine Lobby hatte. Er hatte Angst und flüchtete nach München.

2008 wurde er in München verhaftet. Dann kam er mit Abschiebehäftlingen in Kontakt und schämte sich, weil die echte Probleme im Vergleich zu ihm hatten. Trotz dieser Erfahrungen fiel er wieder zurück in die rechte Szene. Dann kam zeitgleich eine CD von ihm heraus.

2009 bis 2010 hatte Bennekenstein jede Woche Auftritte. Er spielte verbotene Lieder, nahm Psychopharmaka und Alkohol, um den Nazi mimen zu können. Als sich die Exfreundin von Philipp Hasselbach in einer Disco bedroht fühlte, wollte er das klären und suchte die Konfrontation. Er bekam Flaschen auf den Kopf – Schädelhirntrauma. Nach dem Krankenhaus floh er. Die Polizei fand ihn – sieben Monate Haft. Seinen Ausstieg schaffte er mit Exit-Deutschland in Berlin.

Hilfe zur Selbsthilfe geben

Felix Bennekenstein ist heute 28 und Vorsitzender des Vereins „Aussteigerhilfe Bayern e.V.“ (www.aussteigerhilfe.de). Er sagte: „Wir helfen denjenigen, die den Rassismus überwinden wollen, die Zweifel an der Ideologie haben, geben Hilfe zur Selbsthilfe. Nicht geholfen werden kann, wenn nur Aktivitäten eingestellt werden sollen.“ Bennekenstein machte seine mittlere Reife, will das Abitur. Er möchte als Journalist arbeiten.

Stadtrat Edi Hochmuth fragte: „Wie schützt man sich vor so einem Weg?“ Man müsse kritisch sein, sagte Bennekenstein, vor allem wenn Ideologien verkauft würden. Man solle sich gegen Rassismus und Sprüche gegen Juden auflehnen. Von Schülern wurde Bennekenstein gefragt, ob er in Gefahr sei. Er bekomme hin und wieder Drohmails und Anrufe, auch sei mal ein Hakenkreuz am Bahnhof gesprayt gewesen mit dem Schriftzug „Wir kriegen dich“. Er habe die Polizei gerufen. Er habe gelernt, damit umzugehen. Der Langhaussaal sei der Tagungsort der Räte in Cham, wo demokratisch über die Zukunft Chams abgestimmt werde, sagte Edi Hochmuth, und er wünsche sich, dass sich die Jugendlichen in den Parteien der Demokratie einbringen. (kmo)

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht