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Historie

Zeugen der Chamer Filmgeschichte

Vor 60 Jahren wurde der in Cham gedrehte Film „Die Brücke“ uraufgeführt. Vier Zeitzeugen erzählen von dem Ereignis.
Von Elisabeth Angenvoort

Moderator Rudolf Heinz (Mitte) führte durch die Gesprächsrunde mit den Zeitzeugen Helmut Maurer, Friedrich Zenk, Otto Becht und Josef Zipperer (von links). Foto: Angenvoort
Moderator Rudolf Heinz (Mitte) führte durch die Gesprächsrunde mit den Zeitzeugen Helmut Maurer, Friedrich Zenk, Otto Becht und Josef Zipperer (von links). Foto: Angenvoort

Cham.Es war ungewöhnlich still im Kinosaal 1 nach Ende der Vorstellung. Die Eindrücke des soeben gezeigten Films wirkten nach, sodass jedes gesprochene Wort zu viel schien. Im Schweigen offenbarte sich die Betroffenheit: denn die Botschaft von Bernhard Wickis Anti-Kriegsfilm „Die Brücke“ ist heute aktueller denn je.

Aufgrund des großen Interesses wurde während der Gesprächsrunde vor der Filmvorführung auf dem Podium in Saal 1 ein weiterer Saal zugeschaltet. Bürgermeisterin Karin Bucher freute sich, dass nicht nur viele ältere Mitbürger ihr Interesse zeigten, die selbst noch Erinnerungen an die Dreharbeiten hatten, sondern auch zahlreiche jüngere Menschen.

Erschreckende Aktualität

Björn Schulz, Kommandeur der Panzerbrigade 12 (Mi) mit Vize Klaus-Peter Berger und Bürgermeisterin Bucher
Björn Schulz, Kommandeur der Panzerbrigade 12 (Mi) mit Vize Klaus-Peter Berger und Bürgermeisterin Bucher

Insbesondere begrüßte sie den Kommandeure der Panzerbrigade 12, Oberst Björn Schulz, und dessen Stellvertreter, Oberst Klaus-Peter Berger, die mit einer „starken Abordnung“ gekommen waren, den Chef der Chamer Polizei, Alfons Windmaißer sowie als Vertreter des Stadtrats Claudia Zimmermann und Frank Aumeier. Buchers besonderer Dank an dieser Stelle galt Stadtarchivar Timo Bullemer für sein herausragendes Engagement sowie Stadtmarketingleiterin Kerstin Hecht für die Organisation des Abends .

Geschichte

Einzigartige Bilder des Brücke-Drehs

Als Cham vor 60 Jahren Drehort für den Film „Die Brücke“ wurde, war Helmtrud Schmitt mit ihrem Fotoapparat dabei.

Chamer Bürger als Statisten beim Brücke-Dreh im Sommer 1959  Foto: Schmitt/Stadtarchiv
Chamer Bürger als Statisten beim Brücke-Dreh im Sommer 1959 Foto: Schmitt/Stadtarchiv

Durch diesen Film werde offensichtlich, „wie Ideologien Menschen verblenden können und letztlich zum Untergang führen“, sagte Bucher. Die erschreckende Aktualität der Thematik spiegelte sich in der Tatsache wider, dass sich in den letzten Jahren eine Stimmung verbreitet habe, die „durch Angst-Machen den Hass gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen schürt“. Vier Chamer Bürger, die vor 60 Jahren sozusagen hautnah am Filmset waren, konnte Moderator Rudolf Heinz (Bayerischer Rundfunk) auf dem Podium begrüßen.

Die Brücke während der Dreharbeiten Foto: Schmitt/Stadtarchiv
Die Brücke während der Dreharbeiten Foto: Schmitt/Stadtarchiv

Otto Becht, Friedrich Zenk und Helmut Maurer waren damals, wie viele andere, als Statisten von Regisseur Bernhard Wicki ausgewählt worden. Josef Zipperer erinnert sich noch genau, wie Wicki vor 60 Jahren während der Englischstunde ins Klassenzimmer „stürmte“ und die Jugendlichen aufforderte, sofort aufzustehen. Von den 20 männlichen Schülern habe er keinen einzigen ausgewählt, jedoch zwei der Mädchen. „Ich bin wegen meiner schwarzen Haare und dunklen Augen beim Casting durchgefallen“, sagte Zipperer. Doch war er, so oft es ging, „als Randfigur“ bei den Dreharbeiten vor Ort und hat dabei gelernt, wie beeinflussbar Menschen sind, wie sehr man oft „zum Narren gehalten wird“.

Zeitgeschichte(n)

Chamer Kinder, die mit Krieg spielten

Chamer erinnern sich an die Dreharbeiten zum Film „Die Brücke“: Eine Frau verlangte Schadenersatz von Regisseur Wicki.

Nachhaltige Wirkung

Chamer Stadtleben zur Zeit der Dreharbeiten im Sommer 1959 Foto: Helmtrud Schmitt/Roswitha Dworzak
Chamer Stadtleben zur Zeit der Dreharbeiten im Sommer 1959 Foto: Helmtrud Schmitt/Roswitha Dworzak

Wicki habe damals in Cham wohl „alles auf den Kopf gestellt“, sagte Heinz, was Becht bestätigte: „Der Film verfolgt mich seit 60 Jahren-“ Fritz Wepper sei mit Sicherheit nicht so oft interviewt worden wie er, der „nur für drei Sekunden“ im Film zu sehen ist. Die Rolle des damals 14-jährigen Becht war es, „ein Schüler zu sein“. Wicki sei mit seinem Team an die Schule gekommen, um Komparsen auszusuchen: „Ich hatte Glück und Pech zugleich“, erzählte Becht, Pech: weil er mit seinen 1,80 Metern zu groß war, und Glück, weil man entschied: „Der ist zaundürr, den nehmen wir-“ Friedrich Zenk war als damals Neunjähriger hingegen zu klein und musste darum immer „ganz hinten“ bleiben. „Fünf Mark hätte ich als Gage bekommen sollen“, sagt er, aber er kann sich nicht daran erinnern, jemals Geld erhalten zu haben. Doch hatte er nach Beendigung der Dreharbeiten die Gelegenheit, den Film (der erst ab 16 Jahren freigegeben ist) „in Etappen“ zu sehen, da er als „Wochenschau-Bote“ Zugang zu den Vorführräumen des Kinos hatte.

„Ich hab für mich gedacht: Die jungen Schauspieler sind auch nicht mehr als wir... Die waren damals ja auch noch nix!“ Helmut Maurer, Zeitzeuge und Statist

„Richtig gut verdient“ hat Helmut Maurer während der Dreharbeiten. Der damals 16-Jährige erhielt für seine Rolle als Soldat einen täglichen Lohn von 16 Mark. Als Lehrling musste er neben den Dreharbeiten allerdings weiterhin arbeiten und zur Berufsschule gehen; so kam es vor, dass er während des Unterrichts eingeschlafen ist, da er die Nacht zuvor am Set verbracht hatte. Damit dies nicht wieder passierte, ist sein Bruder für ihn eingesprungen: „Wir haben uns dann abgewechselt.“ Die Stadt war damals fraglos in einem Ausnahmezustand; verändert hatte sich durch die Dreharbeiten, zumindest kurzfristig, auch das Spielverhalten der Kinder, erinnerte sich Zenk.

Die im Jahr 1995 neu erbaute Florian-Geyer-Brücke heute. Foto: Angenvoort
Die im Jahr 1995 neu erbaute Florian-Geyer-Brücke heute. Foto: Angenvoort

Prägten vorher harmlose „Fuzzy-Filme“ das Rollenspiel, so habe man nachher Krieg gespielt: „Ob das optimal war, sei dahingestellt.“ Ein Nachspiel hatte auch das kulissenbedingte Stutzen und Entlauben der Bäume rund um die Florian-Geyer-Brücke. „Die Allee zum Kolpinghaus, das war die Chamer Promenade, die war dann einfach weg“, erzählte Zipperer. Darüber seien viele Bürger nicht nur unglücklich, sondern verärgert gewesen. Den Prozess der Stadt gegen die Filmgesellschaft habe man allerdings gewonnen.

Erinnerung

Als in Cham der Krieg spielte

Vor 60 Jahren wurde der Antikriegsfilm „Die Brücke“ gedreht. Ein Reporter-Kollege war dabei. Seine Fotos haben überlebt.

Ein kleines Schild erinnert an den Regisseur des in Cham gedrehten Anti-Kriegsfilms. Foto: Angenvoort
Ein kleines Schild erinnert an den Regisseur des in Cham gedrehten Anti-Kriegsfilms. Foto: Angenvoort

Dass Bernhard Wicki polarisiert hat, ist bekannt. Becht schilderte ihn in seiner Erinnerung als geradezu „brutalen Regisseur“, der oftmals zu drastischen Maßnahmen griff, damit die jungen Schauspieler authentisch wirkten und tatsächlich weinten. „Aber er musste wohl so sein.“ Zipperer ergänzt, er habe damals gelernt, dass Schauspielen mehr bedeutet als „nur zu lächeln“. Wicki habe von seinem Team „äußerste Disziplin“ verlangt; manches sei für ihn als Beobachter „unvorstellbar“ gewesen.

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