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Menschen

Zum Studium von Indien nach Michelsdorf

Seit 2016 leben vier indische Studenten in Michelsdorf. Der Anfang war holprig. Doch die Nachbarn halfen bei der Integration.
Von Magdalena Hechtel

Auf zwei Stockwerke verteilt bewohnen die vier Studenten ein Mehrfamilienhaus. Foto: Magdalena Hechtel
Auf zwei Stockwerke verteilt bewohnen die vier Studenten ein Mehrfamilienhaus. Foto: Magdalena Hechtel

Cham.Schon vor dem Haus am Ortsrand von Michelsdorf duftet es nach Curry. Steffin Paulson, kräftige Statur und Lockenkopf, öffnet die Haustür. Er weist den Weg ins Dachgeschoss. „Wir kochen gerade“, sagt Sreeja Gadhiraju. Kurz darauf stoßen noch Tony Nethala und Aswitha Polumuri dazu. Sie sind gerade von ihrer Arbeit bei der Firma Zollner nach Hause gekommen. Mit ihrem Haus in Michelsdorf, daran gibt es für die vier keinen Zweifel, haben sie das große Los gezogen.

Angefangen hat alles im September 2016. Damals startete am Technologie-Campus Cham der Masterstudiengang „Mechatronische und cyber-physische Systeme“, für den sich die vier beworben hatten. Sreeja fand die Anzeige für das Haus im Internet. „Das war eine schwierige Situation, ich war weit weg in Indien und konnte nicht zur Besichtigung kommen“, erklärt sie. Zugesagt hat sie trotzdem. Sie bot die übrigen Zimmer anderen Studenten an, es meldeten sich Steffin, Tony und Aswitha.

Sehen Sie in der Karte, von wo die Michelsdorfer Inder kommen

Vermieter kümmerte sich intensiv

Der Vermieter erwies sich schon bald als Glücksfall. Mitten in der Nacht holte er die Studenten vom Flughafen in München ab, in den ersten Tagen kochte seine Frau für die neuen Hausgäste. Danach kümmerte er sich um Möbel für die Studenten, Sreeja brachte er sogar das Fahrradfahren bei. Ohne diesen Einsatz wäre das Einleben der vier in Deutschland schwierig geworden. Denn Fallen lauerten überall. „Am Anfang dachte ich, die Gehsteige seien Fahrradwege“, sagt Steffin. Ein Mobilfunkanbieter, bei dem er eigentlich nur eine SIM-Karte kaufen wollte, legte ihm stattdessen einen Vertrag vor, den er mit seinen damaligen Deutschkenntnissen nicht verstand. Steffin unterschrieb, die Monatsbeiträge musste er trotzdem zahlen.

Sehen Sie in der Bildergalerie Fotos, die Hobbyfotograf Tony gemacht hat

Tony Nethalas Blick auf Cham

Auch bei den Banken und im Rathaus war niemand auf die vier vorbereitet. Kein Wunder, sie zählten zu den ersten internationalen Studenten überhaupt, die nach Cham kamen. Mit offenen Armen empfangen wurden sie nicht immer. In einem Bus etwa reagierten gleich mehrere Fahrgäste abweisend auf die Frage Aswithas, ob sie sich auf den leeren Platz neben ihnen setzen dürfe.

Doch warum kommen junge Menschen aus Indien, die bereits einen Bachelorabschluss in der Tasche haben, zum Studieren nach Deutschland? „Für uns ist Deutschland das Land der Forschung“, sagt Aswitha. „Das Hybridfahrzeug zum Beispiel wurde in Deutschland entwickelt und glaube mir, das ist die Zukunft.“

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Allerdings haben sie und ihre Mitbewohner schnell gemerkt, dass sie in deutschen Firmen weniger gut mit Englisch durchkommen als in ihrer Heimat. Aber: „Es ist wichtig, dass Unternehmen uns eine Chance geben. Nur so können wir die Sprache lernen“, sagt Aswitha. „Sie sollen uns einfach etwas Technisches fragen, wenn wir es wissen, geben sie uns den Job, wenn nicht, dann eben nicht.“

Mittlerweile verstehen die Studenten sehr gut Deutsch, mit Bayerisch hapert es noch etwas. Abhilfe wollen ihre Nachbarn schaffen. „Sie kümmern sich wirklich sehr um uns, viele von ihnen haben sogar Englisch gelernt, damit sie übersetzen können“, sagt Sreeja. Und auch vor dem ein oder anderen Fettnäpfchen wurden die Inder von ihren Nachbarn bewahrt. Im Winter räumte der Mann von gegenüber den Gehsteig vor dem Haus der Inder einfach mit. Zu diesem Zeitpunkt wusste keiner der Studenten, dass es in Deutschland dafür eine Pflicht gibt.

Das gefällt den Studenten an Deutschland

  • Sreeja Gadhiraju:

    „Ich finde es toll, dass Eltern ihr Wissen an ihre Kinder weitergeben. Zum Beispiel darüber, wie man etwas repariert. Wenn in Indien etwas kaputt geht, rufen wir sofort einen Monteur an. Hier versuchen die Leute, sich selbst zu helfen.“

  • Tony Avinash Nethala:

    „Die Deutschen nehmen sich Zeit für schöne Dinge. Freizeit ist ihnen wichtig. Ich habe einmal einen Angler getroffen. Als nach Stunden etwas angebissen hatte, warf er den Fisch zurück. Er war zu klein, um gefangen zu werden. Solche Regeln finde ich unglaublich.“

  • Steffin Paulson:

    „Der Verkehr hier ist unglaublich geordnet. Die Leute haben Respekt füreinander. Wenn ich in Indien über einen Zebrastreifen gehen will, muss ich die Autos vorher irgendwie anhalten. Hier bleiben die Autofahrer automatisch stehen.“

  • Aswitha Polumuri:

    „Die Zeiteinteilung in Deutschland ist unglaublich. Bei meinem Arbeitgeber Zollner gibt es eine Pause von zehn Minuten. Alle Angestellten wissen genau, wann diese Pause beginnt, danach fangen sie pünktlich auf die Minute wieder mit der Arbeit an.“

Und auch das System der Müllabfuhr erklärten Nachbarn den Neuzugängen aus dem Ausland. Der begeisterte Hobbyfotograf Tony wurde bereits zweimal zu Rundflügen über Cham eingeladen, damit er sein neues Zuhause aus der Luft fotografieren konnte. „Cham ist eine tolle Stadt“, sagt er. Das sehen seine Mitbewohner mittlerweile genauso.

Gibt es trotzdem etwas aus ihrer Heimat, das die Studenten vermissen? „Das Essen“, sagen sie. Und weil es in der Region kaum indische Restaurants gibt, steht in der Küche das Curry schon auf dem Herd.

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