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Heimat

Chams digitaler Hausmeister

Manfred Pfeiffer wacht über die Facebook-Gruppe „Du bist ein echter Chamer“. Er scrollt durch vier Jahre Heimat im Netz.
Von Michael Gruber

Manfred Pfeiffer – das Gesicht hinter Chams Facebook-Gemeinde
Manfred Pfeiffer – das Gesicht hinter Chams Facebook-Gemeinde

Cham.Am Telefon spricht Manfred Pfeiffer wie ein Wasserfall, kein Punkt, kein Komma. Reden, das ist überhaupt so Neunziger, wenn Wort für Wort über die Zunge muss – das ist Schneckenpost, das ist Steinzeit. Die Message muss raus, dafür reicht dem 47-Jährigen normalerweise ein Daumen vor dem Screen, da ist der Chamer zu Hause, da ist er quasi Hausmeister: „Pling“ macht das Smartphone, Anfrage annehmen? Okay. Bestätigen.

Wieder einer mehr, der sein Portal „Du bist ein echter Chamer, wenn“ auf Facebook geliked hat. 5358 Mitglieder sind es jetzt und es kommen immer noch Daumen hinzu, obwohl seine Gruppe bald ins fünfte Jahr geht. Fotos vom Marktplatz, Kleinanzeigen, Zeitungsartikel, alte Klassenbilder, wieder Fotos vom Marktplatz. „Lasst uns in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen“, schrieb Manfred Pfeiffer in die Gruppeninfo, als er 2013 der Stadt eine zweite Heimat im Internet gegeben hat. Deswegen haben wir ihn angerufen – wir wollten wissen, was der digitale Heimatpfleger so alles weiß über den Chamer im Netz: wie der so tickt, was der so klickt.

„Puh, ich hab die Seite jetzt bestimmt drei oder vier Stunden lang runtergescrollt, das dauert ewig, sind ja schließlich vier Jahre.“

Manfred Pfeiffer

Nach einigen Facebook-Anfragen hatten wir Pfeiffer am Hörer, und er legte los: „Puh, ich hab die Seite jetzt bestimmt drei oder vier Stunden lang runtergescrollt, das dauert ewig, sind ja schließlich vier Jahre ... also was die größten Aufreger waren? – Hmm, schwierig“, sagt er in einem Atemzug und holt Luft. Moment, ah ja, doch. Ihm fällt da was ein. Der Netz-Rassismus.

Hatespeech – Hassrede: Mit diesem Phänomen ist Manfred Pfeiffer inzwischen bestens vertraut. Menschen, die andere Menschen aufgrund ihrer Herkunft beleidigen und diskriminieren, die gab und gibt es in seiner Chamer Facebook-Gruppe selbstverständlich auch, erzählt der Administrator. Schon des Öfteren hat sich diese Hetze gegen Asylsuchende gerichtet, aber darin sieht Pfeiffer nicht den springenden Punkt. „Ein paar Monate nachdem ich die Gruppe gegründet hab, war das“, erinnert sich der 47-Jährige. „Da hat mich der Pächter eines Chamer Wirtshauses im Netz angefeindet und einen Shitstorm losgetreten, weil ich doch kein echter Chamer wär“, sagt Pfeiffer empört.

Der Kleinstadt-Rassismus

Auf die Welt gekommen ist Chams Facebook-Hausmeister nämlich in Nabburg. Neun Monate alt war Pfeiffer, als er nach Chammünster kam, später zog er mit seinen Eltern direkt in die Stadt. Anfang der 70er eröffneten die Pfeiffers das „Hofmark-Stüberl“, gleich gegenüber der Post, später betrieben sie das Bistro „Go In“ in der Ludwigsstraße, am Ende am Steinmarkt „Inges Stuben“. „Ich arbeitete bei einigen alteingesessenen Firmen“, schreibt uns Pfeiffer über Facebook. „Geht noch mehr „Chamer“? ;-)“ Nur fängt die Sache mit der Diskriminierung oft eben schon am nächsten Gartenzaun an. „Das ist doch schon Kleinstadt-Rassismus“, sagt Pfeiffer über die Hetzredner, die seiner Vermutung nach eine konkrete Absicht verfolgten. Daten sind das neue Gold. Und wer wie Pfeiffer schon drei Monate nach dem Start über 3000 Chamer Mitglieder in der Gruppe vereint hatte, sitzt auf einer Schatztruhe.

„Ich verdiene kein Geld mit der Gruppe.“

Manfred Pfeiffer

Um diese Masse auf einmal zu erreichen – dafür müssen Gastronomen und alle anderen werbetreibenden Unternehmen normalerweise tief in die Tasche greifen. Diese Hintergedanken hatte Pfeiffer bei der Gründung von „Du bist ein echter Chamer, wenn“ aber nicht. „Ich verdiene kein Geld mit der Gruppe“, sagt Pfeiffer. Auf die Idee kam er, weil er auf der Suche nach alten Schulkameraden/innen war – und Erinnerungen an einen Ort teilen wollte, in dem er seine Heimat sieht. Anfangs postete er Fotos und Texte über seine Jugend in den 80er und 90er Jahren. Erinnerungen an eine Zeit, als er in seinem ersten Auto, einem weißen Mercedes 200er saß, und Stadtrunden durch Cham, Furth, Waldmünchen und Kötzting drehte oder mit Freunden Lagerfeuer-Partys am Satzdorfer See feierte. In wenigen Monaten hat sich die Gruppe zu einem Dreh- und Angelpunkt für Nachrichten, Fotos, Videos und Veranstaltungshinweisen entwickelt, der für viele Chamer bis heute ein digitaler Marktplatz ist.

Alle Teile unserer Heimat-Serie finden Sie bei uns im Netz.

Der Schneeballeffekt

Weshalb diese – und andere „Du bist ein echter XY“-Gruppen so erfolgreich sind, dafür hat Pfeiffer nur eine Erklärung: „Weil Facebook eben so funktioniert, wie es funktioniert.“ Je mehr Follower hinzukommen, desto mehr Follower werden erreicht – ein Schneeballeffekt. So förderte die wachsende Community auch kleine Perlen zu Tage, Hobbyfotografen wie Michael Cizek zum Beispiel, die auf Facebook ihre Spielwiese entdeckten und zu einer neuen Leidenschaft fanden. Und: Sie verbindet die Chamer, auch wenn sie nicht mehr hier leben – so wie Manfred Pfeiffer. Der gelernte Kaufmann und IT-Spezialist lebt heute mit seiner Frau in Maxhütte-Haidhof. Mit 30 hatte er die Kreisstadt verlassen, der Beruf habe ihn für einige Zeit ins Ausland geführt, sagt er. Dank Internet ist Cham aber überall und für Pfeiffer ist das ausschlaggebend, wenn es um die Frage nach der Heimat geht. „In meinen 30ern hätte ich mit – Heimat ist da, wo ich lebe – geantwortet“, sagt Pfeiffer. „Jetzt sage ich – Heimat ist da, wo ich mit meiner Frau wohne und lebe und mich gerne auch erinnere, wo ich mich früher herumgetrieben habe.“

Was aber macht nun den digitalen Chamer aus? Nichts anderes, als jeden anderen Facebook-User auch, findet der Administrator. „Man schimpft leichter über etwas, als dass man was Gutes hervorhebt. Das ist wie in den Nachrichten. Katastrophen verkaufen sich besser als gute Nachrichten.“ Seltsamerweise klopfen auch immer wieder Asiaten bei dem Facebook-Hausmeister an. „Weil es wohl einen Ort oder Begriff dort gibt, der ebenso „CHAM“ heißt“, sagt der 47-Jährige. Auch wahr: Nicht immer ist Heimat leicht zu googeln.

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