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Sport

Ein Hauch von Campo Bahia

Christian Eidenhardt, Fußball-Jugendleiter des ASV, bereitet sich seit Donnerstag im Sauerland auf das Abenteuer EM vor.
Von Frank Betthausen

Ein Selfie aus Elspe: „Wir haben jetzt schon einen richtig guten Teamspirit“, sagt Christian Eidenhardt (vorne). Foto: Eidenhardt
Ein Selfie aus Elspe: „Wir haben jetzt schon einen richtig guten Teamspirit“, sagt Christian Eidenhardt (vorne). Foto: Eidenhardt

Cham.Zwischen dem legendären WM-Quartier Campo Bahia und dem Ferienhof Rüßmann in Lennestadt liegen tausende Kilometer – und auch sonst Welten. Am einen Ort, in der noblen Hotelanlage an der brasilianischen Atlantik-Küste, wappnete sich das millionenschwere, in allen Lebenslagen vom Glück verfolgte Team von Fußball-Bundestrainer Jogi Löw 2014 für den WM-Titel. Am anderen, im beschaulichen Sauerland in Nordrhein-Westfalen, starten Christian Eidenhardt aus Cham und seine Teamkollegen – alles Freizeitkicker, mit denen es das Schicksal nicht immer gut meinte – ins Abenteuer Europameisterschaft.

Schweini & Co. residierten und lebten vom ersten Tag an weltmeisterlich und bekamen alles, was sie brauchten, in Hülle und Fülle gestellt. Eide, wie ihn daheim alle nennen, und „seine“ Jungs genießen den ehrlichen Charme auf dem Land. Das Umfeld erinnert ein wenig an ein Ferienlager. Nach der EM in den Niederlanden müssen die Spieler ihre offizielle Sportkleidung wieder abgeben. Alles nur geliehen!

Er trägt die Nummer 13

Das Schierer-Team verabschiedete Christian Eidenhardt in dieser Woche in den Urlaub und zur EM (rechts Seniorchef Max Schierer, links Prokurist Josef Schmidberger, 2. v. l. Abteilungsleiter Philipp Wagner). Foto: Eidenhardt
Das Schierer-Team verabschiedete Christian Eidenhardt in dieser Woche in den Urlaub und zur EM (rechts Seniorchef Max Schierer, links Prokurist Josef Schmidberger, 2. v. l. Abteilungsleiter Philipp Wagner). Foto: Eidenhardt

Und doch: Eide, der die Tasche, die Ausstattung und das Trikot mit der Nummer 13 erhielt, schwärmt. Eide ist glücklich, Eide ist voller Euphorie. Denn: Sein Fußballtraum wird wahr! Der 31-jährige Chamer mit Waldmünchner Wurzeln, Fußball-Jugendleiter des ASV, spielt ab 25. Juli in Zeist für Deutschland. Als Innenverteidiger gehört er dem Kader der Nationalmannschaft für Fußballer mit Cerebralparese (CP) an. In dem Team laufen Fußballer mit einer cerebralen Bewegungsstörung auf. Die Aktiven sind seit ihrer Geburt von Handicaps betroffen oder haben einen tragischen Lebenseinschnitt meistern müssen; einen Schlaganfall, ein Schädel-Hirn-Trauma oder – so wie Eidenhardt 2011 – eine Hirnblutung.

Im Juni hatte er von Nationaltrainer Conny Fritsch aus Landshut erfahren, dass er bei dem Turnier mit ihm plant. Der Wettbewerb findet vom 22. Juli bis 6. August auf dem Gelände des niederländischen Fußballverbands KNVB statt – Auftakt für die deutsche Nationalmannschaft ist am kommenden Mittwoch gegen den Gastgeber.

„Wir werden nicht den Fehler machen wie die Nationalmannschaft und sagen: Wir wollen Europameister werden.“

Christian Eidenhardt

Am Donnerstagmorgen brach Eide mit dem bayerischen „Teambus“, seinen drei Spielerkollegen und den drei Coaches aus dem Freistaat, ins Sauerland auf. In Lennestadt hatte kein DFB-Orga-Komitee alles penibel für die Mannschaft vorbereitet. Es waren die Eltern von Kapitän Robin Meyer, der aus dem Stadtteil Elspe stammt, die sich um vieles kümmerten. Sie organisierten die Unterkunft, sorgten dafür, dass Fritsch und seine Mannen beim SSV Elspe trainieren und ihre Besprechungen abhalten können – und luden die Spieler am ersten Abend zum Essen nach Hause ein. Auch um die Mittagsverpflegung zwischen den Teamsitzungen und Trainingseinheiten kümmern sie sich.

Parallelen zu 2014

Eide trägt bei der EM die Nummer 13. Foto: Eidenhardt
Eide trägt bei der EM die Nummer 13. Foto: Eidenhardt

Campo Bahia geht anders. Und doch zieht Christian Eidenhardt – „auch wenn es blöd klingt“ – Parallelen zu 2014. Es gibt kleine Wohngruppen wie in Brasilien, und die Spieler kümmern sich um ihren Alltag selbst. „Die Unterkunft ist hervorragend“, sagt Eidenhardt, der halbtags als Groß- und Außenhandelskaufmann bei der Firma Max Schierer arbeitet.

„Das Gänsehaut-Feeling kommt immer mehr.“ Die Stimmung sei sehr gut. „Wir haben jetzt schon einen guten Team-Spirit und sind auf dem Weg, die Einheit zu werden, die wir brauchen“, berichtet er am Freitag unserem Medienhaus. Für das Gespräch fiel für Eide sogar eine Abmachung, die sich die Spieler wie andere Regeln bei ihrer ersten Teamsitzung gegeben hatten. „Wir haben eigentlich ein Handyverbot“, sagt der 31-Jährige. Die Kicker sollen sich auf den Teamgedanken konzentrieren.

Der Spielplan des deutschen Teams

  • Regeln:

    CP-Fußball wird von Menschen mit cerebraler Bewegungsstörung betrieben. Gespielt wird mit sieben Spielern pro Team auf einem verkleinerten Fußballfeld mit kleineren Toren. Ein Team besteht aus sechs Feldspielern und dem Torhüter. Die Abseitsregel gibt es nicht. Die Spieldauer beträgt zweimal 30 Minuten.

  • Klassifikation:

    Für die Spieler gilt eine festgelegte Klassifikation, die eingehalten werden muss. So muss immer mindestens ein Aktiver mit der Klassifikation FT 1 auf dem Feld stehen. Und: Es darf höchstens ein Sportler mit der Klassifikation FT 3 spielen, wie es auf der Internetseite der CP-Nationalmannschaft heißt.

  • Vorklassifizierung:

    Christian Eidenhardt hat bei der Vorklassifizierung in Deutschland den Status FT 2 erhalten. Das heißt: Seine Hauptbeeinträchtigung betrifft nur seine Füße. Durch seine Hirnblutung vor sieben Jahren hat er heute auf dem Platz koordinative Schwächen und Gleichgewichtsstörungen.

  • Einteilung:

    Aktive der Klassifikation FT 1 kämpfen laut Eidenhardt mit einer schweren Beeinträchtigung von Händen und Füßen. Spieler mit dem Status FT 3 haben kaum Beeinträchtigungen. Vor der EM werden alle Spieler erneut klassifiziert.

  • Vorrunde:

    Bei dem Turnier in den Niederlanden trifft das deutsche Team am 25. Juli (19 Uhr) auf den Gastgeber. Am 27. Juli (16 Uhr) geht es gegen Nordirland, am 29. Juli (12 Uhr) gegen Irland und am 30. Juli (16 Uhr) gegen Dänemark. Alle Spiele werden vom niederländischen Fußball-Verband live hier gezeigt: www.knvb.nl. (bf)

Dieser „Geist von Lennestadt“ sollte am Wochenende weiter reifen. Am Freitagabend stand auf dem Kunstrasenplatz des SSV Elspe ein Testspiel gegen die A-Jugend des Vereins an – nach CP-Regeln. Eides Truppe behielt mit 8:3 die Oberhand, zwei Vorlagen steuerte der Chamer bei.

Alle Teile von Eides EM-Tagebuch lesen Sie hier

Nach weiteren Trainingseinheiten ging es am Sonntag in die Niederlande. Dort werden alle zehn EM-Teams auf dem Gelände des KNVB in Zeist untergebracht sein und ihre Partien bestreiten.

„Wir wollen so weit wie möglich kommen“, sagt Eide bescheiden. „Wie weit das ist, werden wir sehen.“ Mit Blick auf die großen Vorbilder aus dem Campo Bahia, die heuer in Russland heftig auf dem Boden der Tatsachen aufschlugen, schiebt er nach: „Wir werden nicht den Fehler machen wie die Nationalmannschaft und sagen: Wir wollen Europameister werden“.

Ein Chamer bei der Fußball-EM

Weitere Informationen zur EM gibt es auf der englischsprachigen Seite des niederländischen Fußballverbands:

www.knvb.com

Hier werden alle Spiele der CP-Europameisterschaft live im Internet zu sehen sein:

https://www.knvb.nl/competities/oranje/ek-cp-voetbal-2018/ek-cp-live

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