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Abstieg in das Reich der Genüsse

Für die Serie „Geheime Orte“ steigen wir in die alten Bierkeller Bad Kötztings hinab – hinein in eine Zeit der Gastlichkeit.
Von Daniel Haslsteiner

Bad Kötzting.Für unsere heutige Reise sollten Sie, lieber Leser, zuerst dringend den Kopf einziehen. Denn es geht hinab unter die Innenstadt von Bad Kötzting. Nur ein paar Meter – aber die haben es in sich. Der Preis für diese Reise ist die Entdeckung einer Welt, die vor fast hundert Jahren untergegangen ist – als im Sommer aus fast jedem Haus der Pfingstrittstadt die Gastlichkeit lockte.

Gastlich wirkt auf den ersten Schritten unseres Ausflugs wenig: Im Hinterhof von Clemens Pongratz’ Elternhaus am Platz vor Sankt Veit steigen wir eine kleine Treppe in das Untergeschoss des Anwesens hinab. „Die ersten Meter unbedingt den Kopf unten halten“, warnt Pongratz wohl aus Erfahrung. Der Abstand zur Decke ist auf den schmalen Stufen überschaubar, die natursteinernen Wände kommen bedrohlich nahe. Doch mit etwas Mut geht es weiter bis zur ersten Halbetage, die nur dazu dient, uns um eine Rechtskurve die kleine Treppe aus alten Holzbalken hinab und durch eine Holztüre auf die nächste Halbetage zu schicken. Und da: Platz.

Lagerkeller wird Party-Hochburg

Über mehrere Treppen und um einige Kurven geht es in die Lagerkeller hinab: geradeaus der neue, zur linken der alte.
Über mehrere Treppen und um einige Kurven geht es in die Lagerkeller hinab: geradeaus der neue, zur linken der alte. Foto: Tschannerl

Ein langer Raum breitet sich vor uns aus. Zur Linken hin Lagerfläche. Zumindest früher. Heute steht hier nur noch ein verwaistes Regal. Doch Clemens Pongratz winkt uns zur Treppe an der rechten Stirnseite des Raums. Das große Geheimnis des Kellers sei erst einige Stufen weiter hinab zu finden. Dort, auf der dritten Halbetage, gabelt sich der Weg. Pongratz drückt auf einen Schalter. Deckenleuchten tauchen zwei riesige Kellerräume in goldgelbes Licht. „Das sind sie“, sagt Pongratz, „unsere Bierkeller“.

Geheime Orte

  • Die Serie

    In unserer Serie besuchen wir geheime Orte rund um Cham. Wir nehmen Sie, unsere Leser, mit auf eine Entdeckungstour zu verstecken Winkeln, unterirdischen Gemäuern und geheimnisvollen Räumen in der Gegend.

  • Wir wollen Ihnen in dieser Serie nicht nur trocken Fakten vermitteln, sondern Sie auf einen persönlichen Ausflug mitnehmen.

Der Lichtschein schickt uns unerwartet auf eine Zeitreise: Mitte Juni 1853 liegt in den beiden 18 Meter langen und vier Meter breiten Kellerräumen noch immer Eis aus dem vergangenen Winter. Es hält das Bier frisch, das – in den kalten Monaten im Kommunbrauhaus gebraut – nun sieben Meter über der Decke die hitzegeplagten Gäste des Gasthauses Rötzer erfrischen soll. Es gibt viele Gasthäuser in der Marktstraße und der umliegenden Innenstadt. Auch dort sind Keller – etwa 40 insgesamt.

Geheime Orte: In Bad Kötztings alten Bierkellern

Aus dem lichten Glanz der Vergangenheit treten wir wieder in die Gegenwart: Pongratz erzählt, dass das Haus, bevor es sein Großvater 1925 kaufte, eine der beliebtesten Gaststätten Kötztings war. Dann machte es seine Familie zur Bäckerei. Heute beherbergt es ein Lokal und eine kleine Bar. Der Bierkeller war aber seit gut 100 Jahren sinnlos geworden.

Einige Flaschen im Keller von Clemens Pongratz standen hier schon vor seiner Geburt. Nur einen Wein aus seinem Geburtsjahrgang hat er herausgenommen.
Einige Flaschen im Keller von Clemens Pongratz standen hier schon vor seiner Geburt. Nur einen Wein aus seinem Geburtsjahrgang hat er herausgenommen. Foto: Tschannerl

Für sich entdeckt hat Pongratz diese einstige Heimstätte besten Kötztinger Gerstensafts in den frühen 70ern. Wieder lagerte hier dann Bier. Den Weg hinauf in die zur Bäckerei verwandelte Gaststube musste es aber nicht mehr nehmen. Die Gäste kamen lieber runter. „Ab da hatte ich einen Partykeller“, sagt Pongratz. Ein paar Jahre stiegen hier Feten. 1975 feierte er in den Kellern ein letztes Mal mit den Kötztinger Burschen. Ex-Bürgermeister Wolfgang Ludwig war da noch Stadtoberhaupt in spe und gerade Pfingstbräutigam geworden.

Der Keller-Beisitzer Clemens Pongratz (r.) führt MZ-Reporter Daniel Haslsteiner durch das Gemäuer.
Der Keller-Beisitzer Clemens Pongratz (r.) führt MZ-Reporter Daniel Haslsteiner durch das Gemäuer. Foto: Tschannerl

Nach der Party fielen die Keller wieder in einen Dornröschenschlaf. „Bis meine Töchter 30 Jahre später den Partykeller für sich entdeckten.“ Sie besserten allzu marode Stufen aus gestampftem Erdreich aus, machten einige Durchgänge breiter – lieber Leser, Sie erinnern sich ja an unser Platzproblem vom Textanfang, das war früher tatsächlich noch enger – und schütteten abgesenkte Gänge zwischen den Bierfasslagern in den Kellern mit Kies aus. Ein paar Jahre lang waren die alten Bierkeller wieder Partyörtlichkeiten mit ganz besonderem Flair. Bis die Töchter zu alt für Kellerpartys wurden. Seitdem „grabelt“ wieder alles in Stille vor sich hin.

Die Maurer kamen wohl aus Italien

Die Jahrzehnte haben den Keller mit einem Film überzogen.
Die Jahrzehnte haben den Keller mit einem Film überzogen. Foto: Tschannerl

„Grabeln“ –also „modern“, für unsere norddeutschen Leser – ist überhaupt das Stichwort. „In den beiden Kellern ist die Luftfeuchtigkeit durch Erdreich und Naturstein so hoch, dass alles schnell fault“, erklärt uns der Besitzer. Nur den Mauern scheint das nichts auszumachen. Echte Handwerkskunst. Dafür habe man damals – vermutet Pongratz – wohl extra „Welscher Maurer“ geholt. Besonders der neuere, 1842 erbaute Braukeller deute auf Untertagebau-Profis hin. Im Gegensatz zum alten, mit Naturstein gemauerten Keller wurden hier Klinkerwände auf den natürlichen Felsen gesetzt. Wie gesagt, eben echte Handwerkskunst. Und für die sind die „Welscher Maurer“ im Bayerwald ja berühmt.

Der verwitterte Türrahmen könnte Auskunft über das Baujahr des alten Bierkellers geben.
Der verwitterte Türrahmen könnte Auskunft über das Baujahr des alten Bierkellers geben. Foto: Tschannerl

Wie alt der Natursteinwandkeller ist, das kann Pongratz nicht sagen. Und das, obwohl er als Stadtarchivar Bad Kötztings das fleischgewordene Universallexikon der Stadtgeschichte ist. „Es gibt dazu keine Unterlagen“, sagt er. Doch wo Papier versagt, kann uns der Keller selbst vielleicht das Geheimnis verraten. Zwischen der ersten und zweiten Halbetage ist ein alter Türrahmen aus Holz. „Mit einer Kernbohrung müsste sich das Alter bestimmen lassen. Ich möchte das irgendwann machen“, sagt Pongratz. Vorerst aber nicht. Und so müssen wir, liebe Leser, dem Keller noch ein paar Geheimnisse übrig lassen. Vielleicht kommen wir ja irgendwann zurück, wenn die Gastlichkeit wieder unter die Bad Kötztinger Innenstadt lockt. Dahin, wo stets die Genüsse auf Gäste warteten.

Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie „Geheime Orte“: Ein Abenteuer-Ausflug in die Waffenbrunner Schrazellöcher

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