MyMz
Anzeige

Mein Abstieg in die Tiefen der Erde

MZ-Autorin Jana Wolf erkundet für die Serie „Geheime Orte“ die sagenumwobenen Schrazellöcher in Waffenbrunn.
Von Jana Wolf

Waffenbrunn.Ich stehe vor dem Abgrund. Ein dunkles Loch liegt vor mir – und ich habe keine Ahnung, was jetzt kommt...

Der Zugang zu den Schrazellöchern liegt genau in der Mitte zwischen der alten St. Martins Schlosskapelle und der Pfarrkirche in Waffenbrunn. Auf einem grünen Hügel unter dem sattblauen Frühlingshimmel tut sich ein Betonschacht auf. Dort unten liegen unterirdische Gänge, von denen keiner weiß, warum es sie gibt. Tote Seelen hätten dort auf ihre Auferstehung gewartet – so heißt es in der Sage. Obwohl ich nicht abergläubig bin, weckt das meine Neugierde. Werde ich dort unten eines Besseren belehrt? Wartet ein spirituelles Erlebnis auf mich?

Thomas Frank, ein Gemeindearbeiter, hat den schweren metallenen Deckel aufgeschraubt. Er ist professionell ausgerüstet, trägt einen neonorangen Overall und hat eine Leiter mitgebracht. Seine Ausstattung gibt mir ein Gefühl von Sicherheit: Der hat die Sache im Griff. Jetzt können die Geister kommen.

Auf uns allein gestellt

Aber: Frank kommt gar nicht mit. „Das ist nichts für mich“, sagt er. Er meidet lieber die Enge und Dunkelheit der Schrazellöcher. Na, wunderbar! Wir sind ganz auf uns alleine gestellt. Zum Glück ist Kameramann Simon Tschannerl dabei, der die Fotos zu diesem Text geschossen hat. Auch wenn Simon genauso wenig Ahnung hat wie ich, steigen wir die ersten zweieinhalb Meter über die Leiter hinunter. Hier ist noch Platz genug, um aufrecht zu stehen.

Geheime Orte: Das sind die Schrazellöcher

Entdeckt wurden die Waffenbrunner Schrazellöcher zum ersten Mal 1830 beim Abbruch eines alten Bauernhauses. Doch der sonderbare Fund geriet bald wieder in Vergessenheit. Es dauerte 92 Jahre, bis die Schrazellöcher, die in der Forschung auch Erdställe genannt werden, 1922 bei Bauarbeiten wiederentdeckt wurden. Der damalige Bürgermeister von Waffenbrunn, Franz Göttlinger, ließ den Eingang mit Steinen und Eichenbohlen befestigen. Weitere 39 Jahre später, im Jahr 1961, stieß der Lehrer Grundei auf das Geheimnis unter Tage. Auf Entdeckungstour mit neugierigen Schülern trieb er eine Eisenstange in den Boden und fand so den Gang unter dem Pfarrgarten.

Heute kommt uns zugute, dass die Zugänge damals gesichert wurden. Von dem Bodenplateau, auf dem ich stehe, führen zwei Schupflöcher weiter in die Tiefe. Ich wähle das linke mit 45 Zentimetern Durchmesser und klettere mit den Füßen voran hinein.

Es geht nur kriechend vorwärts

Durch den Gang, in den ich dort gelange, komme ich nur kriechend vorwärts. Er hat eine geschätzte Breite von 60 Zentimetern und eine Höhe von 80 Zentimetern. Meine Stirnlampe wirft einen schwachen Lichtkegel voraus.

Die Wände sind nicht befestigt, nur loses Erdwerk ist jetzt um mich herum. Durch die Feuchtigkeit hat sich an manchen Stellen Schimmel gebildet – und so riecht es hier auch: modrig und muffig. Muss ich wirklich erst durch diesen Morast kriechen, bis der erleuchtende Moment kommt? Meine Neugierde treibt mich weiter vorwärts. Nach etwa drei Metern macht der Gang einen Knick, und es geht vertikal nach oben. Aus welcher Zeit die Schrazellöcher stammen, kann bis heute keiner sagen. Die neuere Forschung datiert ihre Entstehung auf das frühe Mittelalter (circa 8. bis 10. Jahrhundert).

Auch ihr Zweck ist nicht eindeutig geklärt. Als Vorratsräume, Bergwerke oder Wohnhöhlen können sie nicht genutzt worden sein. Dafür sind die Gänge zu eng und verschachtelt, das Klima darin zu feucht und kalt. Deswegen gehen einige Forscher heute davon aus, dass es sich um unterirdische Kultstätten handelt. Manche deuten die Schrazellöcher sogar als Leergräber und Heiligtümer aus vorchristlicher Zeit.

Erde rieselt von den Wänden

Am Ende des Ganges treffe ich auf eine Mauer aus Natursteinen.
Am Ende des Ganges treffe ich auf eine Mauer aus Natursteinen. Foto: Tschannerl

Jetzt wird mir mulmig. Ich bin gerade etwa vier Meter unter der Erde. Um mich herum ist es dunkel, kalt und eng. Erde rieselt von den Wänden und von oben hängen mir Wurzelfäden ins Gesicht. Die Vorstellung, dass ich mich gerade in einer Heimstatt für tote Seelen befinde, spendet mir da nicht gerade Trost. Aber jetzt bin ich schon so weit gekommen. Auf den letzten Metern gebe ich bestimmt nicht auf. Und wer weiß, was am Ende noch auf mich wartet? Der Schacht, der jetzt nach oben führt, hat 43 Zentimeter Durchmesser. Ich richte mich auf, zwänge mich durch die Öffnung und stemme mich mit den Armen nach oben. Am Ende des Ganges schließt eine Mauer aus Natursteinen die Erdkammer ab. Laut der Sage haben hier die Seelen auf die Auferstehung gewartet. Ich bin mittlerweile erschöpft – und gottesfroh, dass ich den Weg zurück zum Tageslicht kenne. Am Ende der Tour weiß ich: Ich bleibe lieber auf dem Boden der Tatsachen.

Mehr zum Thema Erforschung der Erdställe finden Sie hier.

Geheime Orte

  • Die Serie

    In unserer Serie besuchen wir geheime Orte rund um Cham. Wir nehmen Sie, unsere Leser, mit auf eine Entdeckungstour zu verstecken Winkeln, unterirdischen Gemäuern und geheimnisvollen Räumen in der Gegend.

  • Wir wollen Ihnen in dieser Serie nicht nur trocken Fakten vermitteln, sondern Sie auf einen persönlichen Ausflug mitnehmen.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht