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Wer kennt noch einen „Kirwisch“?

Hans Rädlinger aus Zenching sammelt vergessene Dinge, die man früher gut brauchen konnte. Und er kennt die Namen dafür.
Von Steffi Bauer

Johann Rädlinger blättert in alten Zeitschriften.
Johann Rädlinger blättert in alten Zeitschriften. Foto: Simon Tschannerl

Arnschwang.Wer weiß heute noch, dass an der Unterseite eines echten Bauernbrotes gerne ein paar Tannennadeln kleben? – Und warum? Dieser Mann kann uns das erzählen: Wenn die dürren Buchenscheite, die im Backofen angerichtet und angezündet wurden, verglüht sind, werden deren Reste mit einer sogenannten Brotkrücke mit einem langen hölzernen Stiel ausgeräumt. Und danach kommt der „Kirwisch“ zum Einsatz, eine Art Besen, der am vorderen Ende Tannennadeln trägt, um das noch Verbliebene herauszukehren. Dabei bleiben immer ein paar Nadeln liegen, und diese finden sich dann später an den Brotlaiben.

Eine Brotkrücke und einen Kirwisch, wie sie in der Mitte des letzten Jahrhunderts verwendet wurden, hat Johann Rädlinger in seiner „Ameishütte“, einer Holzhütte am Ameisberg in Zenching, an der Wand hängen. Dort sammelt er landwirtschaftliche Geräte aus vergangenen Tagen.

Johann Rädlinger, der Raritäten-Sammler aus Zench

Mit etlichen davon hat der 64-Jährige schon in seiner Kindheit gearbeitet. „Mit dem Kirwisch haben sie mich als Buben immer zum Ausräumen in den Backofen geschickt“, erzählt er und erinnert sich noch heute gut an die dort herrschenden Temperaturen. Es waren andere Zeiten damals – aber trotz der vielen harten Arbeit, die er schon in ganz jungen Jahren leisten musste, hat er eine regelrechte Leidenschaft für diese alten Geräte entwickelt.

Der Platz, wo alles zu sehen ist

Johann Rädlinger blättert mit Autorin Steffi Bauer in alten Zeitungen.
Johann Rädlinger blättert mit Autorin Steffi Bauer in alten Zeitungen. Foto: Simon Tschannerl

Dem Dialektliebhaber sind auch noch alle Begriffe geläufig. Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm der „Nostrangara“, ein großer Rechen, mit dem die Getreidehalme zum Strang zusammengefasst wurden, um sie dann, wiederum händisch, auf das Fuhrwerk aufzulegen. Dafür gab es dann immer eine kleine Belohnung – auch für jedes fertige Kornmandl, und zwar immerhin fünf Pfennig. „Und irgendwann hatte ich fünf Mark zusammen und bin damit auf den Weißenregener Kirta gegangen“, erzählt Rädlinger.

Aufs Feiern versteht er sich auch heute noch. Am dritten Freitag nach Pfingsten findet nach dem Patrozinium an der Kapelle Herz Jesu, die am Hügel bei der Ameishütte steht, ein gemütliches Beisammensein statt. Bis zu 300 Leute finden sich dann in und bei der Hütte ein, die sich auf einem wunderschönen Fleckchen Erde befindet, mit Blick auf die Obstbäume, die Rädlinger gepflanzt hat.

Eine alte Windmühle
Eine alte Windmühle Foto: Simon Tschannerl

Dort können die Gäste die stetig wachsende Sammlung des Zenchingers begutachten. Rostige Baumsägen gehören dazu, auch hier musste er als Bub mit anpacken. Genauso mit der „Grossergabel“, mit der man im Winter in den Wald gegangen ist und das Tannenreisig zusammengetan hat, um dann Kränze daraus zu binden. „Früher hat es noch viel mehr Tannen gegeben bei uns“, erinnert sich Rädlingers Ehefrau Birgit. Und früher hat man noch keine Pestizide gegen Unkraut gespritzt. In den Zeiten, in denen man bei der Feldarbeit noch weit entfernt war von Glyphosat und Co., kam der „Distelstecher“ zum Einsatz - auch ein solcher Stiel mit einer Spitze aus Eisen findet sich in der Hütte. Wenn die Disteln überhand genommen haben auf dem Feld, wurde jede einzeln ausgestochen.

Zur Person und zur Sammlung

  • Johann Rädlinger

    Johann Rädlinger ist am 22. Mai 1952 in Kreuzbach in der Gemeinde Blaibach geboren. Seit 1976 wohnt er in Zenching und betreibt dort eine Landwirtschaft. Er ist seit fast 40 Jahren mit seiner Frau Birgit verheiratet und hat drei erwachsene Söhne. Bis 1991 hat das Ehepaar einen Gemischtwarenladen betrieben, in dem man Lebensmittel, Ballenstoffe, Stricke, Petroleum, Zigaretten und mehr erwerben konnte; daher auch der Hausname „Kramer-Hof“.

  • Rädlingers nächstes Projekt

    Er will altes Zubehör und Gegenstände, die im Laden verkauft wurden, in den Schaufenstern ausstellen.

  • Die Strategie

    „Zuerst war es ein Aufheben, dann ist es ins Sammeln übergegangen“, sagt er. Die Sammlung umfasst alte landwirtschaftliche Geräte, Zeitungsausschnitte, Zeitschriften und Kaugummi-Bilder.

Ein Schleifstein
Ein Schleifstein Foto: Simon Tschannerl

Sicheln, eine alte Egge – noch aus Holz, erst später wurden diese aus Eisen gefertigt, ein Ochsengeschirr und ein Maulkorb für die Tiere – „die haben nicht gebissen, sondern sie haben das während der Feldarbeit getragen, damit sie nur so viel fressen konnten, wie da durchpasst“, erklärt Rädlinger. Mit der Kleegeige, die man sich umhängte und deren Äußeres an eine Geige erinnert, konnte man verschiedenes Saatgut, nicht nur Klee, auf den Feldern ausbringen. Heuleitern, Stoßeisen, Brotkörbe, auch eine alte Skiausrüstung zieren die Wände…

Nachrichten aus alten Zeiten

Daheim, in seinem Wohnhaus, hat Rädlinger noch eine weitere Sammlung: Auch alte Zeitungsausschnitte haben es ihm angetan. Schon fast ein Jahrhundert alt, aber immer noch aktuell, befasst die Tageszeitung sich 1924 mit dem „Bauernsterben“, also mit der Tatsache, dass immer mehr Landwirte ihren Beruf aufgeben.

1952 lautet eine Schlagzeile: „Es werde Licht in der Gemeinde Zenching“ – die Elektrizität hält Einzug im Dorf. In einer Ausgabe von 1956 kann man nachlesen, dass sich das Feuerwehrgerätehaus im Rohbau befunden hatte, und 1972 wurde festgestellt, dass die „Zenchinger Bauern gute Milchlieferanten“ sind und dass die FFW Zenching von der Gemeindereform betroffen ist.

Johann Rädlinger, Raritäten-Sammler aus Zenching

Johann Rädlinger blättert in alten Zeitungen.
Johann Rädlinger blättert in alten Zeitungen. Foto: Simon Tschannerl

Auch Rädlinger selbst war schon mehrmals abgebildet: 1976, in der neuen Vorstandschaft der JU Blaibach, wo er herstammt, oder 1983 beim Theaterspielen. Viele alte Ausgaben bekannter Zeitschriften, vom „Spiegel“ oder dem „Stern“, oder auch dem „Kicker“ – 1969 mit Uwe Seeler oder 1972 mit den Olympischen Spielen in München, gehören ebenfalls mit dazu. Das älteste „Landwirtschaftliche Wochenblatt“, das sich darunter findet, ist von 1931, und sogar eine „Bravo“ aus dem Jahr 1972 hat es in die Sammlung geschafft.

Von einem guten Freund, dem ehemaligen Lehrer Karl Trenner, hat er viel Material bekommen, zum Beispiel einen Lehrplan für die Volksschulen von 1953/54. Auch alte Zeugnisse finden sich darunter. Darin kann man unter „Bemerkungen“ nachlesen, dass einmal bestimmte Klassenziele nicht erreicht werden konnten, weil die „Kartoffelernte verlegt worden ist“. Und dann hat Rädlinger noch eine kleine Schachtel, in der er Hunderte kleiner „Kaugummi-Bilder“ aufbewahrt, die meisten sind rund 60 Jahre alt. Sie sind vergleichbar mit Panini-Stickern und zeigen Schauspieler wie Audrey Hepburn, Musiker wie Elvis Presley und Fußballer, auch hier wieder Uwe Seeler.

Weitere Teile unserer Sammler-Serie finden Sie hier.

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