MyMz
Anzeige

Erlebnis

Immer dem Kreuz nach zur Gottesmutter

Die Gedanken einer Wallfahrerin auf dem Weg nach Neukirchen b. Hl. Blut – von minus 3 bis 20 Grad Celsius.
Von Regina Pfeffer

Eindrücke die bleiben: Die Glocke der Kapelle in Schwarzenbach läutete beim Vorübergang des Kreuzes und der Wallfahrer.
Eindrücke die bleiben: Die Glocke der Kapelle in Schwarzenbach läutete beim Vorübergang des Kreuzes und der Wallfahrer. Foto: Regina Pfeffer

Arrach.Zum sechsten Mal bin ich mit dem Zwieseler Kreuz auf dem Weg zur Muttergottes von Neukirchen b. Hl. Blut. Einholen werde ich sie wohl nicht, diejenigen, die 25, 30, 35 oder gar 50 Mal dabei sind. Aber trotzdem: dieser Tag gehört nur mir und der Gottesmutter. Die 40 Kilometer andauernde Fußwallfahrt findet jedes Jahr am Samstag zwei Wochen vor Pfingsten statt. Der Gang zur Madonna von Neukirchen zählt seit Jahrhunderten zu den bedeutendsten, bayerischen Marienwallfahrten.

Vorsichtigen Schätzungen nach sind es diesmal über 30 Wallfahrer aus dem Lamer Winkel, die sich dem Bittgang anschließen. Es sind meine einheimischen Bayerwaldberge, durch die ich wandere und zwar mit Freunden, von denen ich die meisten nur einmal im Jahr, bei der Wallfahrt treffe. Ich starte zusammen mit Evi Gierstl und Marion Frisch aus Arrach morgens um 9 Uhr am Brennes. „Wäre das nicht auch was für dich?“ hatten sie mich vor sechs Jahren gefragt und seitdem bin ich dabei.

Ein Treffen mit Gleichgesinnten

Meinen eitrigen Großzeh gut eingecremt und bandagiert bin ich bereit für die Herausforderung. Keine hundert Pferde hätten mich davon abgehalten, auch nicht schlechtes Wetter. In Brennes treffen wir auf Gleichgesinnte und auf unseren „Wallfahrer-Sepperl“, Josef Kollmaier aus Lindberg. „Alle Jahre wieder“ sieht man sich bei der Wallfahrt. Meine Mitbeter haben schon eine weite Reise hinter sich gebracht. Startpunkt war die Pfarrkirche in Zwiesel, wo der Pilgersegen von Stadtpfarrer Martin Prellinger erteilt wurde.

Freundin Evi Gierstl und Autorin Regina Pfeffer beim Vorsingen von Marienliedern auf der Absetz. Pfeffer sagt dazu: „Das ist eine Ehre für mich.“
Freundin Evi Gierstl und Autorin Regina Pfeffer beim Vorsingen von Marienliedern auf der Absetz. Pfeffer sagt dazu: „Das ist eine Ehre für mich.“ Foto: Regina Pfeffer

Vom imposanten Geläut der Stadtpfarrkirche begleitet, setzte sich um 4.30 Uhr bei minus drei Grad der Pilgerzug in Bewegung. Der stetig ansteigende Marsch ab Arber-Hütte durch den erwachenden Tag ist ein schweißtreibendes Unterfangen. Nach kurzer Verschnaufpause nimmt uns die Wallfahrerkolonne am Brennessattel in ihre Mitte. Wegen der Schneedecke entscheidet Pilgerführer Heinrich „Heiner“ Resch, dass ein kleiner Umweg über die Forststraße nach Mooshütte genommen wird. Bei Ebensäge trifft man auf den Helferstab. Die Feuerwehr Lindberg ist wieder pünktlich mit ihrem Begleitfahrzeug zur Stelle.

Rosenkranz und Litaneien betend geht es durch die erwachende Natur nach Sommerau. „Kurz voraus“ – so die oftmalige Durchsage des Lautsprechers, wenn sich das Marschtempo zu schnell entwickelt und die hinteren nicht mehr nachkommen. Ich hänge meinen Gedanken nach, stimme in das Rosenkranzgebet und die Lieder mit ein. Man trägt seine Sorgen und Nöte mit, die Sorgen und Nöte in Familie, Freundeskreis, der Welt im Kleinen wie im Großen und man nimmt sie mit im Gebet. Die aufblühende Natur, die imposante Bergwelt unserer Heimat wirken richtiggehend meditativ.

„Die haben überhaupt keinen Respekt“

„Mutter Gottes, wir rufen zu dir“ geleitet uns abwärts nach Lohberghütte. Vorbei am Bayerwald-Tierpark, wo neugierig schauende Feriengäste unseren Zug beäugen, steigt der Weg an nach Schwarzenbach. Leises Glockengeläut dringt von Ferne zu uns. Heiner Resch bedankt sich bei der örtlichen Mesnerin der Dorfkapelle fürs Läuten. Auf der harten Teerstraße nähern wir uns Lam. Wo das grün geschmückte Kreuz vorbeikommt, bleiben die Leute stehen, verweilen in ihrem Tun, falten die Hände oder beten gar still mit. Nur wenige Zeitgenossen recken uns bei ihrem Tun im Garten gar ihre Kehrseite entgegen. „Die haben überhaupt keinen Respekt“, entfährt es Heiner Resch.

Wie freut ihn dagegen das Vergelt’s Gott der Mesnerin vom St. Anna-Kirchlein in Thürnstein. Immer, wenn im Frühjahr das Glöcklein zur Mittagszeit läutet, weiß man: Das Zwieseler Kreuz geht wieder am Dorf vorbei. In Lam wird in die Wirtshäuser und Cafés ausgeschwärmt und Mittagspause gehalten. Um 14 Uhr geht es in Richtung Engelshütt. Wunderbare Ausblicke auf grüne Wiesen und blühende Bäume wechseln sich mit lautem Traktor- oder Motorrad-Geräusch. Pferde galoppierten aufgeregt über ihre Weide, um sich dann neugierig am Zaun zu postieren.

Und dann kam sie, die gefürchtete Höhe von Buchetbühl. Zu einer Zeit, wo man mit seinen verbliebenen Kräften sehr haushalten musste, forderte sie heraus. Ausgepowert, mit deutlich roter Gesichtsfarbe und schwitzend ging es weiter auf der Straße zum Tanneneck. Hier zeigte sich wieder die Umsicht der FFW Lindberg, die den starken Verkehr absicherte. Dank meiner Freundin Evi wartete in Tanneneck ein Auto mit Kaffee, Nussecken und Kuchen auf mich. Mit Herzklopfen verzichte ich auf Kaffee und beschränke mich auf meine letzten Getränkereserven. Ein kurzes Stück durch den kühlen Wald, dann erreicht die Kolonne wieder die Staatsstraße in Richtung Neukirchen.

Jeder Tritt schmerzt

Wer weiß, wie lang die Absetz ist? Ich weiß es seitdem. Neun Strophen „Meerstern, ich dich grüße“, sechs Strophen Lourdes-Lied, vier Strophen „Maria, dich lieben“ und vier Strophen „Segne du Maria“. Mit großer Freude durfte ich zusammen mit meiner Gesangspartnerin Evi Gierstl als Vorsänger-Duo die Lieder anstimmen. Welch eine große Ehre. Mein stolzgeschwelltes Herz gab sein Bestes, wenn mir auch das Singen beim Gehen einiges abverlangte.

Eine wichtige Passage stellt die kleine Brücke am Ortseingang von Mais dar, denn hier werden die Pilger gezählt. Mehr als 200 Wallfahrer hatten sich auf den Weg zur Neukirchener Madonna gemacht. Ein Obolus für die Pilgerkerze floss in die bereitgehaltene Körbchen. Vorbei an den letzten Vorbereitungen der Maiser Ortsgemeinschaft zum Aufstellen des Maibaums nähern wir uns unserem Zielort. An den fahrigen Bewegungen einiger Mitpilger erkenne ich, dass ich nicht die einzige bin, der die Strapazen zu schaffen machen.

Die letzten Meter bis zum langersehnten Ziel, dem Marienheiligtum von Neukirchen b. Hl. Blut
Die letzten Meter bis zum langersehnten Ziel, dem Marienheiligtum von Neukirchen b. Hl. Blut Foto: Regina Pfeffer

Einen „heiligen“ Respekt bringe ich all jenen entgegen, die sich vor zwölf Stunden auf den Weg gemacht haben. Bei mir sind es „nur“ 25 Kilometer – bei ihnen 40. Das Thermometer zeigt inzwischen stattliche 21 Grad an. Endlich erhaschen wir einen ersten Blick auf die Wallfahrtskirche Neukirchen b. Hl. Blut. Das Ziel vor Augen beflügelt es die Schritte, auch wenn jeder Tritt irgendwo schmerzt.

Mit dem Rosenkranz zum Ziel

„Habts alle engan Rosnkranz dabei?“, fragt Heiner Resch leise und humorvoll, denn ein Fernsehteam des Bayerischen Fernsehens hatte sich angesagt. Gegen 16.45 Uhr erreichte die Wallfahrergruppe endlich den Ort, wo Pfarrer Georg Englmeier mit seinen Ministranten zum Empfang bereitstand. Mit der Wallfahrerkerze ging es betend über die letzte Anhöhe, die „Fleischweng“ durch den Ort zur Kirche. Beim Zwieseler Pilgerkreuz versammelten sich alle für ein kurzes Gebet.

Das Gotteshaus war gut gefüllt, als wir unter Orgelspiel mit Pilgerkreuz, geschmückter Kerze und bestickter Fahne einzogen. Wallfahrtspfarrer Englmeier spendete den Pilgersegen. Die Messe unter dem Gnadenbild umrahmte ein vierstimmiger Frauengesang mit innigen Marienliedern. Ich lasse mich von der Atmosphäre gefangen nehmen. „Geschafft“, sagt Pfarrer Martin Prellinger und sprach damit vielen aus dem Herzen. Die Wallfahrt lasse die Pilger jedes Jahr ein Stück vom Himmel erleben. Bei der Wallfahrt erlebt man eine Gemeinschaft, die miteinander auf ein Ziel zugeht, eine Gemeinschaft, die einen trägt und nicht zurücklässt. „Was sind da schon 60000 Schritt, wenn man den Himmel erlebt“, endete der Priester.

Auch in diesem Jahr konnten wieder zahlreiche Wallfahrer geehrt werden. Evi Gierstl für 25-jährige und Marion Frisch für 15-jährige Teilnahme. Mit Tränen in den Augen nahmen sie Urkunde und Anstecker entgegen. Meine persönliche Bilanz: zwei Blasen und Muskelkater, aber ein gutes Gefühl innwendig. Infiziert vom „Pilgervirus“ sollen zu den sechs Wallfahrer-Abzeichen weitere hinzukommen. „Keine Sorge wegen nächstes Jahr. Wir gehen – bei jedem Wetter“, brachte es der Geistliche auf den Punkt. (krp)

Hier lesen Sie weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht