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Heimatgeschichte

Auch Adenauer war am Bahnhof in Miltach

Wo einst die Dampflok pfiff, sind nun Radler unterwegs. Der alte Fahrplan existiert noch – in der Schublade eines Zeitzeugen.
Von Rosi Stelzl

Ein Dampfzug unterwegs von Wies nach Konzell Streifenau, vorbei an Arbeitern im Kornfeld
Ein Dampfzug unterwegs von Wies nach Konzell Streifenau, vorbei an Arbeitern im Kornfeld Repro: kts

Miltach.Heute sind hier Radler unterwegs, auch Spaziergänger oder Läufer suchen den Weg in unberührte Natur. Die Freizeit-Idylle war nicht immer so: Dieser Radweg war einmal eine Nabelschnur für den Bayerwald in die weite Welt hinaus – eine direkte Bahnverbindung nach Straubing und in die Landeshauptstadt München.

Diese Bahnstrecke wurde im Juni 1905 offiziell mit einem feierlichen Festakt eröffnet. Schon um die Wende zum vorigen Jahrhundert war mit dem Bau des Streckenabschnittes der Eisenbahnlinie Miltach-Konzell Süd begonnen worden, von den Waldlern mit Sehnsucht erwartet.

Ein Fahrplan aus alter Zeit: Hans Klement hat ihn gut aufbewahrt.
Ein Fahrplan aus alter Zeit: Hans Klement hat ihn gut aufbewahrt. Repro: kts

Ein alter Fahrplan mit An-und Abfahrtszeiten an den jeweiligen Stationen existiert heute noch, sorgfältig aufbewahrt von Hans Klement aus Bartlberg. Der Fahrplan zeigt auf, dass man nun nicht nur nach Straubing, Kötzting, Cham oder nach Lam fahren konnte, sondern sogar bis nach München! Welch eine Freude!

Bauern hatten Angst vor dem Zug

Es konnten jetzt auch Waren und Güter transportiert und kleine „Sugerl“ vom Straubinger Saumarkt geholt werden, um sie dann in einer Kiste mit dem Schubkarren von der Bahnstation aus heimzuschieben, in Vorfreude auf einen fetten Weihnachter!

1953: Prominenter Besucher am Bahnhof Miltach: Kanzler Konrad Adenauer mit Landrat Rudolf Nemmer
1953: Prominenter Besucher am Bahnhof Miltach: Kanzler Konrad Adenauer mit Landrat Rudolf Nemmer Repro: kts

In Vieh-Waggons wurden Tiere zu Märkten verladen, die „ARA-Quarzitwerke“ Altrandsberg, genannt die „Quetsch“ verschickte Schotter, Steinplatten und dergleichen, die für Flughäfen und Bahnhöfe verwendet wurden. Der Fremdenverkehr begann zu florieren, und Schüler konnten zu weiterführenden Schulen bequem hin fahren.

In Altrandsberg und in Konzell-Süd befanden sich vor dem Bahnhofsgebäude große Brunnen, aus denen die Dampfloks Wasser für die Weiterfahrt tanken konnten. Eigentlich war die Trassenführung ja von Konzell-Streifenau aus nach Weihermühle und über Schwarzenbühl zum Schotterwerk in Altrandsberg geplant gewesen.

Zugunglück im Jahr 1930 in Altrandsberg
Zugunglück im Jahr 1930 in Altrandsberg Repro: kts

Aber nicht alle Leute waren damals überhaupt für den Bau einer Eisenbahn, denn mache Bauern befürchteten, dass durch den Rauch, den die Dampfloks ausstießen, ihre Erdäpfel in den Feldern neben der Trasse schwarz würden! Aber ihre Sorgen waren unbegründet, kein einziger Kartoffel wurde dann, als es soweit war, schwarz!

Der damalige Altrandsberger Bürgermeister Steinbauer setzte sich sehr für die jetzige Trasse mit der Bahnstation in der Ortschaft Altrandsberg ein, obwohl die Kosten erheblich höher waren wegen des Felsendurchbruches in Wies/Rattenberg. Um den finanziellen Mehraufwand zu bewältigen, führte der findige Mann damals einen sogenannten „Bierpfennig“ ein, eine Art Steuer für verkauftes Bier, zugunsten des Eisenbahnbaues.

Die Schinderei beim Eisenbahnbau

Leopold Deser aus Hochfeld arbeitete beim Bau der Bahn im Jahr 1900 mit.
Leopold Deser aus Hochfeld arbeitete beim Bau der Bahn im Jahr 1900 mit. Repro: kts

Leopold Deser aus Hochfeld (mein Großvater) hatte einst als junger Mann beim Bau der Eisenbahnlinie mitgeholfen, er starb 1952 im Alter von 71 Jahren. Er erzählte oft, was es für eine Schinderei war bei Arbeiten, besonders in Wies für den tiefen Einschnitt in die hohe Felsformation, die durchbrochen werden musste.

Außer Einheimischen waren damals auch Fremdarbeiter, hauptsächlich aus Italien, am Bahnbau beschäftigt, ist aus Erzählungen überliefert. Diese schliefen in einer Scheune in Konzell-Streifenau, am „Höningerhof“, und nach Feierabend sangen die Männer oft Lieder in ihrer Sprache, deren Text niemand verstand. Bestimmt hatten sie oft Sehnsucht nach ihrem Heimatland.

Das ist die Bahntrasse heute: Ein Radler durchfährt die tiefe Felsen-Schlucht bei Rattenberg-Wies. Foto: kts
Das ist die Bahntrasse heute: Ein Radler durchfährt die tiefe Felsen-Schlucht bei Rattenberg-Wies. Foto: kts

Einst war diese Bahnstrecke, eröffnet vor 111 Jahren, eine Lebensader, hinein in den Bayerischen Wald und auch hinaus, aber sie war für die Bahn nicht mehr rentabel, wurde vor Jahren schon stillgelegt und zu einem Radweg umfunktioniert. Nun freuen sich Radler und Freizeitsportler, ebenso Wanderer und Spaziergänger die Ruhe, Stille und Abgeschiedenheit lieben, sehr darüber.

Natur und Kultur am neuen Radweg

Auch andere Attraktionen findet man am jetzigen Radweg, der das Regental mit dem Donau-Radweg verbindet. In Miltach und Altrandsberg öffnet sich ein Blick auf die einstigen Hofmarkschlösser. Im Miltacher Schloss befindet sich eine Töpferei und im Schloss Altrandsberg schon lange ein sehenswertes Museum der ARA-Kunst, mit Replikaten aus vielen Epochen.

Eine Spaziergängerin mit Hund am Radweg bei Altrandsberg mit Blick auf das einstige Schloss Foto: kts
Eine Spaziergängerin mit Hund am Radweg bei Altrandsberg mit Blick auf das einstige Schloss Foto: kts

Die Strecke führt weiter über Rattenberg-Wies, wo es durch eine tiefe, bizarre Felsenschlucht geht. Über Konzell-Streifenau, die Ortschaft Konzell seitwärts liegend lassend und dann immer leicht fallend oder eben bis ins Donautal. Seltene Blumen und Pflanzen erfreuen einem beiderseits des Radweges, besonders im Frühling und im Frühsommer.

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