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Blaibach
Freitag, 21. September 2018 26° 3

Extremsport

Blaibach: Hochburg der Kraftpakete

Im Landkreis Cham misst sich Strongman-Champion Andreas Artmann mit seinen Freunden gerne mal im LKW-Ziehen.
Von Kerstin Hafner

Andreas Artmann in Action
Andreas Artmann in Action

Blaibach.Im Bayerischen Wald wachsen Kerle wie Bäume. Die stärksten messen sich seit Jahrhunderten im „Stoahem“, einem traditionellen Kraft-Wettbewerb, der aus dem alpenländischen Raum ins Bairische heraufgeschwappt ist. Vielleicht auch bereits mit den alten Römern, denn schon bei denen galt das Heben von Steinen als probate Leibesübung. Heute ist Blaibach im Landkreis Cham die regionale Hochburg der ganz starken Burschen und angefangen hat alles mit dem Steineheben. Mittlerweile sind die „Waidler Powerpakete“ aber vielseitiger geworden und messen sich in der Bundesliga der Strongmen mit Kraftprotzen aus ganz Deutschland in Disziplinen, die nicht nur martialisch klingen: Conan Circle, Car Flip oder Viking Press bringen Muskeln, Sehnen und Bänder an den Rand der Belastbarkeit. Mit Verletzungen müssen die Kraftsportler rechnen; im Kampf um Punkte wagt man sich zur Not auch mal über die persönliche Maximal-Leistung. Sicherheit gibt den Athleten ein möglichst breitgefächertes Training.

Im Fitness-Studio wird der Körper in Bestform gebracht

Das Fitness-Studio „Fit In Blaibach“ bietet den XXL-Sportlern ideale Bedingungen. Aushängeschild ist der amtierende Deutsche Strongman-Champion der „German Pro League“, Andreas Altmann (32) aus Warzenried bei Eschlkam. Mit ihm trainieren Andreas Breu (28), der ebenfalls in der Pro League startet, aber heuer wegen einer Verletzung nur im Mittelfeld landete (2015 war er Vierter), und Stefan Schönberger (33), der in der zweiten Bundesliga antritt. Letzterer hat keine Ambitionen auf die Pro League. „Mit Familie hat man einfach nicht mehr so viel Zeit fürs Training. Außerdem habe ich mir schon zweimal eine Bizepssehne gerissen und das ist für einen beruflich Selbständigen nicht unbedingt lustig“, erklärt er. „Aber wir drei sind schon seit der Grundschule gut befreundet und die zwei Burschen brauchen ja einen, der ihnen immer mal wieder in den Hintern tritt! Deshalb mach ich trotzdem noch weiter mit.“ Spricht’s und grinst recht breit.

„Das Schöne an diesem Sport ist, dass wir alle wie eine große Familie sind. Da verrät jeder dem anderen Tricks und Kniffe, wie eine Übung leichter von der Hand geht.“

Andreas Altmann

Zum Pro League Finale in Ruhpolding, wo der verletzte Breu nicht antreten konnte und Altmann vor kurzem die Titelverteidigung nach seinem ersten Meistertitel im Jahr 2015 gelang, fuhr Schönberger als Betreuer mit. „Das Schöne an diesem Sport ist, dass wir alle wie eine große Familie sind. Da verrät jeder dem anderen Tricks und Kniffe, wie eine Übung leichter von der Hand geht“, berichtet er. „Wir haben früher auch mal Kraftdreikampf gemacht, da ist die Atmosphäre deutlich kühler. Das macht weit weniger Spaß.“

Nach Heinz Ollesch, dem Urgestein des Strongmen-Sports und Boss der GFSA (German Federation of Strength Athletes), ist Altmann erst der zweite glückliche Titelverteidiger in der Pro- League-Geschichte. Seine Freunde ziehen den Hut: „Eine Superleistung!“ Aber es war denkbar knapp heuer. „Letztes Jahr bin ich in der Champions League ins Finale gekommen, deswegen musste ich komplett durchtrainieren und hatte keine Wettkampfpause. An Pfingsten habe ich mich dann am Rücken verletzt und konnte einen Pro League Cup nicht beenden. Weil die Cups zusammengezählt werden, haben mir diese Punkte jetzt am Schluss der Saison natürlich gefehlt. Deswegen musste ich mich beim Finale nochmal gehörig ins Zeug legen“, berichtet Altmann.

Als er das Büro des Fit In zum Interview-Termin betritt, wird es erst mal etwas dunkler im Raum – mit 1,85 Metern Körpergröße, den breiten Schultern und 135 athletisch verteilten Kilos füllt der Mann eine normale Türöffnung fast komplett aus. Im Gegensatz zu diesem gemeißelten Body ist der Typ, der drinsteckt, recht locker. Ein entspannter Gesprächspartner mit Sinn für Humor. Altmann fährt fort: „2015 hatte ich den Meistertitel mit Riesenvorsprung gewonnen. Heuer waren Raffael Gordzielik und ich in Ruhpolding nach der letzten Übung gleichauf, aber ich hatte die besseren Einzelplatzierungen, so habe ich nach dem Countback das Finale gewonnen.“ Zur Titelverteidigung hätte ihm allerdings auch der zweite Platz in Ruhpolding gereicht, aber man(n) hat ja auch seinen Stolz. Und jetzt einen weiteren Pokal.

Vom Preisgeld kann man keine großen Sprünge machen

Meriten sind im Strongman-Sport eigentlich alles, denn vom Preisgeld kann der „Stärkste Mann Deutschlands“ keine großen Sprünge machen. „Für einen Pro-League-Sieg gibt’s 600 Euro, aber Reise- oder Übernachtungskosten müssen wir selbst bezahlen.“ Nicht zuletzt deshalb nimmt Altmann gerne auch mal Einladungen zu Show- Events wie beim Donauinselfest Wien, oder auch einen TV-Auftritt bei Günther Jauch an. Er startet eigentlich lieber international, denn in der Champions League wird alles gesponsort. Apropos: Passt ein Strongman eigentlich im Flugzeug in einen Economy Sitz? „Ja, schon.“ Altmann grinst: „Aber mehrere von uns nebeneinander, das geht dann echt nimmer.“

Warum er außerdem gern in der CL antritt, verrät er gleich im Anschluss: „Es ist mental leichter, ich mache mir weniger Druck. Zuhause erwarten jetzt alle, dass ich vorne bin. Und ich erwarte es auch selbst von mir.“ Sein Freund Schönberger verrät: „In Ruhpolding war er ganz schön nervös. Er hat jetzt einfach schon einen Namen, dem er gerecht werden muss. Im Ausland ist das noch anders – er ist vorn dabei, aber noch nicht Weltspitze.“ Wie in jedem Sport kann also auch bei den Strongmen der eigene Geist dem Erfolg im Weg stehen. „Meine Schwachstelle zum Beispiel sind Überkopf-Übungen. Das weiß ich und gehe mit entsprechend Respekt an solche Disziplinen heran. Beim Log Lift sind 150 Kilo meine Bestleistung. Liegt ein Baumstamm mit 160 Kilo vor mir, wird’s mental happig. Dann hab ich einfach Angst, dass mir das Ding auf den Kopf fällt.“ Weil diese Vorsicht ein natürlicher Instinkt ist, kommt man nur schwer dagegen an.

Wo wir schon bei Bestleistungen sind: Imposante 400 Kilo packt Altmann im klassischen Kreuzheben, 460 Kilo im Autokreuzheben. Aber wenn er sein Fitnessstudio in Blaibach verlässt, zieht der muskelbepackte Kraftsportler seine kleine Trainingstasche wie ein Rollköfferchen hinter sich her – ein Bild für die Götter. Ist ihm die Tasche zu schwer? Er lacht. „Zu faul zum Tragen..., das machen wir alle so.“ Auch Strongmen haben offenbar irgendwann Feierabend. Dann werden die Muskeln geschont. Ins Auto heben klappt aber noch. Mit verstauter Tasche fährt Altmann in seinem Kombi heim ins 25 Kilometer entfernte Warzenried – zum Abendessen.

„Ich brauche nicht nur vor Wettkämpfen, sondern dauerhaft 4500 bis 4800 Kalorien pro Tag, um mein Gewicht zu halten.“

Altmann

Für die Ernährung muss er ordentlich in die Tasche greifen. „Ich brauche nicht nur vor Wettkämpfen, sondern dauerhaft 4500 bis 4800 Kalorien pro Tag, um mein Gewicht zu halten.“ Und dann folgt ein Satz, der jedem Menschen mit Figurproblemen Tränen der Verzweiflung in die Augen treibt: „Ich kann essen, was ich will, ich nehme einfach nicht zu!“ Altmann meint das ernst. „Ich würde gerne noch zehn Kilo draufpacken, weiß aber grad nicht, wie ich das bewerkstelligen soll. Mehr als vier Mahlzeiten und drei Weight Gainer Shakes pro Tag schaff’ ich einfach nicht. Das Schlimmste für mich ist nicht das körperliche Schinden, sondern die Esserei.“

Aber irgendwie ist es ja auch kein Wunder – der Mann trainiert zu Hochphasen viermal die Woche im Studio und einmal zwei bis drei Stunden lang die diversen Disziplinen. Da bleibt auch kaum Zeit für Hobbys. „Aber egal. Momentan mache ich das gerne, und wenn ich gesund bleibe, werde ich es noch eine Zeitlang durchziehen.“ Eine richtige Schwachstelle hat sein Körper noch nicht entwickelt. „Aber derzeit nerven mich immer wieder beidseitige Entzündungen im Brachialis.“ Der Brachialis ist ein Oberarmmuskel unter dem Bizeps und beugt den Ellbogen. Für einen wie Altmann sind Wehwehchen kein Grund, Pause zu machen. Schließlich steht das Champions-League-Finale noch vor der Tür. Echte Chancen auf einen CL-Sieg rechnet er sich heuer aber (noch) nicht aus. Und womit verdient der Strongman-Champion denn nun eigentlich seine Brötchen, wenn es der Sport schon nicht hergibt? „Ich habe zum Glück einen Arbeitgeber, der mich immer für die Wettbewerbe freistellt. Wir biegen in diesem Betrieb Baustahlmatten.“ Könnte ein Kerl wie er das auch ohne Maschinen? Altmann zwinkert lässig: „Schon, aber dafür zahlt mir mein Chef dann doch nicht genug.“

Im Herbst stehen wieder internationale Wettkämpfe an

Wie das wohl für die anderen ist, mit dem Champion zu trainieren? Trainingspartner Breu frotzelt: „In manchen Disziplinen kann ich ihn immer noch ärgern, zum Beispiel im Autokreuzheben. Und bis vor ein paar Jahren war ich besser im LKW-Ziehen. Das hat ihn ganz schön gefuchst. Da hat er sich dann schon reingehängt.“ Man korrigiere sich aber gegenseitig und profitiere voneinander, geben beide Andis zu. Bei Altmann geht es jetzt im Herbst mit den internationalen Kämpfen weiter, Breu konzentriert sich im Wintertraining auf Maximalkraftsteigerung und wird am nächsten Pro League Cup, der schon für die Saison 2017 zählt, vorsichtshalber lieber nicht teilnehmen. „Der ist eine Woche vor meiner beruflichen Meisterprüfung. Nicht, dass ich mich ausgerechnet da verletze.“ Aber danach will auch er wieder voll angreifen.

Zweimal wurde in und um das „Fit In Blaibach“ mittlerweile schon ein Strongman-Cup der German Pro League ausgetragen. Heuer kamen gut 700 Zuschauer. Wer den Champion und seine Konkurrenz – und übrigens auch Strongwomen – mal live in Action erleben möchte, sollte sich Blaibach für 2017 schon mal vormerken. Einen fixen Termin gibt es allerdings noch nicht, den findet man dann aber im neuen Jahr unter http://www.gfsa-online.de/termine/ im Netz. In Blaibach wird der einzige Cup in der Region sein. Es empfiehlt sich, rechtzeitig vor Ort zu sein, denn so ein Wettkampf beginnt meist mit dem LKW-Ziehen, verrät Altmann. „Das ist nicht nur spektakulär für die Zuschauer, sondern auch ein gutes Warm-up.“ Brummi-Ziehen zum Aufwärmen? Verrückte Welt!

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische am Wochenende erstmals exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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