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Zeitzeugen fleißiger Frauenhände

Gudrun Linn sammelt Textilien und die Mode aus alten Zeiten. Ihr Museum in Blaibach verrät viel über das Leben der Frauen.
Von Steffi Bauer

  • Das ABC-Tuch, das die Ur-Ur-Urgroßmutter von Gudrun Linn, Rosina Hübner aus Breslau, anno 1846 im Alter von 14 Jahren bestickt hat Foto: Simon Tschannerl
  • Die historischen ReinigungsmittelFoto: Simon Tschannerl
  • Stickereien aus dem Museum „Frauenfleiß“ Foto: Tschannerl

Blaibach. Faszinierend, wie viel Textilien über die Lebensumstände der Frauen erzählen können, die sie genäht, bestickt, ausgebessert, gehäkelt, getragen und gewaschen haben. Früher handelte es sich nicht um Wegwerfartikel, wie es heute oft der Fall ist. Kleider waren dazu bestimmt, ein Leben lang zu halten. Manchmal sogar über Generationen hinweg.

Gudrun Linn sammelt historische Textilien

Gudrun Linn sammelt seit einem halben Jahrhundert alles, was im weitesten Sinn mit historischen Textilien zu tun hat. Begonnen hat alles mit einem ABC-Tuch, das ihre Ur-Ur-Urgroßmutter mütterlicherseits, Rosina Hübner aus Breslau, anno 1846 im Alter von 14 Jahren bestickt hat. Über 300 solcher Mustertücher hat Gudrun Linn heute in ihrem Besitz. Gudrun Linn sammelt historische Textilien und die Mode vergangener Zeiten. Sie verraten viel über das Leben der Mädchen und Frauen.

Was genau nun ein ABC-Tuch ist, wird den jüngeren Lesern vermutlich nicht geläufig sein. Dabei nahm noch im letzten Jahrhundert das Sticken eine große Rolle im Leben der Frauen ein. Bis 1945 stand zum Beispiel auf dem Lehrplan, dass jedes Mädchen ein ABC-Sticktuch anfertigen musste. Darauf zu finden musste sein, wie der Name schon sagt: das Alphabet; außerdem der Kreuzstich, der Name der Schülerin oder ihr Monogramm, die Jahreszahl, gegebenenfalls eine Zahlenreihe und dazu, wenn gewünscht, Blumen und andere Motive. Schon in der vierten Klasse mussten die Mädchen den Kreuzstich üben.

Ein Leben lang Handarbeiten

Der Handarbeitsunterricht war ein Hauptbestandteil der Mädchenerziehung: „Knöpfe, Haken, Ösen und Säume nähen, das haben Frauen ihr Leben lang gebraucht“, so Linn. Ein gesticktes Monogramm zeigte an, wem ein bestimmtes Kleidungsstück gehörte. Außerdem verschönerten die Frauen später ihr Heim mit zahlreichen Stickereien auf Decken, Kissen oder einem Wandbehang. Und so sind Schulhandarbeiten der Schwerpunkt der Sammlung, Mustertücher in allen Techniken wie Sticken, Flicken, Nähen, Häkeln und Stricken, und daneben zahlreiche Altartücher. Irgendwann erweiterte die Sammlung sich um die Ausrüstung, sprich das Nähzubehör, wie Fingerhüte, Scheren und die kleinen Blechschachteln aus den Nähmaschinen. Antike Bügeleisen gehören ebenso dazu wie Kleidungsstücke, Hüte, Waschmittel, alte Schnittmuster, Gobelin-Bilder, Schulbücher und Postkarten mit Abbildungen von handarbeitenden Frauen.

Zur Person und zur Sammlung

  • Die Vita:

    Gudrun Linn ist am 28. Dezember 1948 in Bad Tölz geboren und war nach ihrem Studium in München als Sonderschullehrerin tätig, ebenfalls in der Landeshauptstadt. Sie war 25 Jahre verheiratet, bevor sie nach ihrer Ehe in den Bayerischen Wald „auswanderte“. Das war vor 20 Jahren.

  • Das Museum:

    Vor vier Jahren wurde sie in Blaibach sesshaft und führt dort sehr erfolgreich das Museum „FrauenFleiss“, das wechselnde Sonderausstellungen zeigt; derzeit ist eine Trachtenausstellung zu sehen. Zum Museum gehört ein gleichnamiges Café.

  • Die Textilien:

    Gudrun Linns Leidenschaft für historische Textilien begann schon im Alter von 18 Jahren. Die 67-Jährige ist auch Museumspädagogin und Kulturführerin und hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Gestickte Sprüche aus der guten alten Zeit“, das derzeit leider vergriffen ist. 2013 hat sie einen Museumsverein gegründet, der mittlerweile rund 40 Mitglieder zählt.

  • Die Öffnungszeiten:

    Museum und Café „FrauenFleiss“ sind sonntags, montags und dienstags von 14 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Informationen gibt es unter Tel. (09941) 9088407, mobil 0160-6801830 oder unter www.museum-frauenfleiss.de.

Zu sehen ist all das im Museum „FrauenFleiss“, das die 67-Jährige in Blaibach betreibt. Dazu gehört ein gleichnamiges Café im Stil eines alten Wiener Kaffeehauses, und die Gäste haben die Möglichkeit, in den Genuss einer Führung zu kommen, bei der Linn im historischen Gewand durch die Ausstellungsräume führt. „Das ist ein Geben und Nehmen“, sagt sie. „Ich bekomme so viel zurück an Lob, an Feedback und an Geschichten von Menschen, bei denen meine Sammlung Erinnerungen an längst vergangene Zeiten wiedererweckt.“

Dass sie ihren Besuchern heute so viel über die Stücke erzählen kann, ist zu einem großen Teil ihrer Großmutter zu verdanken. „Sie hat mir sehr viel vererbt und auch immer kleine Zettel mit Infos dazugelegt“, erzählt die 67-Jährige. Gerta Steinberg, die Großmutter, die ein stattliches Alter von 103 Jahren erreicht hatte, war und ist immer noch das große Vorbild. „Sie hat mich gelehrt, die Dinge wertzuschätzen, zu achten und zu wahren“, sagt Linn. Nach der Scheidung der Eltern – für damalige Verhältnisse mehr als unüblich – wuchs sie bei ihrem Vater und ihrer Großmutter auf. Diese stammte ursprünglich aus Sankt Petersburg, hatte schwedische Vorfahren und eine adlige Herkunft. Außerdem sprach sie fünf Sprachen, war sehr belesen und eine für die damalige Zeit überaus emanzipierte Frau.

Zeugen der Hausfrauen-Arbeit

Was in Linns Museum zu sehen ist, besitzt großen kulturellen Wert. „Das sind alles Zeitzeugen“, sagt sie über die Ausstellungsstücke. „Wie viel die Frauen anno dazumal arbeiten mussten, wird einem beim Betrachten dieser Dinge ganz deutlich. Zum Beispiel: Wenn Frauen sich einmal hinsetzten, haben sie oft gehandarbeitet – sonst hätte es geheißen, hast du nichts zu tun?“ Deutlich wird das auch, wenn man den Ausstellungsraum „Waschküche“ betritt. In den Zeiten der Einwegwindeln kann man sich kaum vorstellen, dass Mütter die Stoffwindeln mühevoll mit der Hand waschen mussten.

Gudrun Linn sammelt historische Textilien

Aber es gibt auch viel Glamouröses in der Sammlung. Das älteste Stück sind perlenbestickte Brauthandschuhe aus dem Jahr 1795. Und verschiedene Brautkleider, die auch im letzten Jahrhundert noch schwarz waren, auf dem Land bis in die 1940er Jahre hinein. In der Stadt setzte sich schon ab den 1920ern weiß als Zeichen der Braut und der Jungfräulichkeit durch, berichtet Linn.

Ein ganz besonderes Stück ist eine Leder-Schatulle, die einst der Kaiserin Elisabeth, „Sissi“, gehörte. „Sie verschenkte sie an eine ihrer Freundinnen, diese wiederum an ihre Tochter, welche sie dann meiner Großtante schenkte, von der ich sie geerbt habe“, so Linn. Auf der Suche nach neuen Stücken für ihre Sammlung ist sie auf Flohmärkten unterwegs – heute im Landkreis, früher in ganz Europa. Sie hat zwei große Wünsche. Der eine: ein russisches oder griechisches ABC-Tuch in kyrillischer Schrift. „Kein Tag ohne Ebay“, sagt sie – und trotzdem hat sie noch keins. Der zweite: Eine Nachfolgerin. „Es ist mir wichtig, zu gegebener Zeit jemanden zu finden, der das, was ich hier aufgebaut habe, einmal mit genauso viel Herzblut wie ich weiterführen wird“, sagt sie. „Ich habe so viel Zeit investiert und möchte nicht, dass die Stücke in einem Fundus verschwinden.“ Wer ihre Sammlung gesehen hat, weiß, wie unsäglich schade das wäre.

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