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Straight Edge

Das Kreuz der Null-Promille-Punks

Laut, wild und keusch wie die Klosterschüler: Hardcore-Punk und der Verzicht auf Drogen sind für Edger kein Widerspruch.
Von Michael Gruber

Das X als Zeichen für Verzicht: Straight Edger trinken nicht, rauchen nicht und lieben nur aus Liebe.
Das X als Zeichen für Verzicht: Straight Edger trinken nicht, rauchen nicht und lieben nur aus Liebe. Foto: Gruber / Peh

Cham.Daniel gibt Gas. Samstagnacht ist nur einmal die Woche. Auf der Rückbank hinter ihm ploppen die Bierflaschen, aus den Autoboxen brüllen laute Gitarren. Er und seine Kumpels waren gerade in München auf einer Hardcore-Punk-Show, pogen, moschen, sich irgendwie im Takt anrempeln. „Und? Sicher etwas getrunken dabei, oder?“, hakt der Polizeibeamte nach, als neben Daniels Wagen das Blaulicht zur Verkehrskontrolle leuchtet. „Nein, wieso, seh‘ ich so aus?“ kontert Daniel. „Ganz ehrlich...ja“. Seine Kumpels müssen lachen - auch heute noch, wenn sie von dieser Nacht erzählen. „Don’t drink, don’t smoke, don’t fuck!“. So lautet das Gelübde, das der 28-jährigeChamer vor rund zehn Jahren abgelegt hat. Daniel Meindl lebt Straight Edge, übersetzt, im nüchternen Vorteil. Er verzichtet auf Nikotin, Alkohol und Drogen und auf „herumhuren“, wie er sagt, also auf Sex ohne eine feste Beziehung. Der Leitspruch seiner Abstinenz hat nichts mit der Bibel, dem Koran, der Talmud oder anderen heiligen Schriften zu tun. Die Bergpredigt der Straight Edger dauert genau eine Minute Zwanzig, ist wild, schnell und klingt wie ein landender Düsenjet. Sie stammt von der amerikanischen Hardcore-Punk-Band Minor Threat. Mit ihrem Song „Out of Step“ legten sie in den 80er-Jahren den Grundstein für die Straight-Edge-Bewegung, die sich strikt gegen das Motto Sex, Drugs und Rock’n‘Roll ausspricht. Daniel ist einer von aktuell rund 10 000 Edgern in Deutschland, für die Tattoos, ohrenbetäubende Gitarren und der freiwillige Verzicht auf Drogen kein Widerspruch sein müssen.

Keine Regel ohne Ausnahme –Egal, ob Punk oder nicht

„Im Prinzip“, erklärt der gelernte Industriekaufmann heute, „war ich schon ein Edger, bevor ich überhaupt wusste, wie man das schreibt.“ Alkohol und Tabak haben ihn nie besonders gereizt, gesteht Daniel. Aber so ganz ohne „Edge-Break“, wie der Regelverstoß in der Szene heißt, ging es dann doch nicht. Zu seinem 18. Geburtstag ließ er sich von seinen Kumpels zum Trinken überreden er zog sich regelmäßig Wein, Bier und Schnaps rein – bis Silvester. Dann kam die Notbremse. „Ich bin aufgewacht und lag in Unterhosen am Wohnzimmerboden. Keine Ahnung, wem die Wohnung gehörte oder in welchem Dorf ich gerade bin.“, erklärt Daniel und lacht. „Da dachte ich mir: Mal ehrlich, was soll daran bitte so toll sein.“ Er nimmt einen kräftigen Schluck von seiner Coke Zero, wirbelt mit seinen beiden Füßen auf den Bassdrum-Pedalen herum, während sein Bandkollege Valentin seinen Gitarrenverzerrer aufheulen lässt. Dan, wie seine Kumpels ihn nennen, zählt mit seinen Sticks ein, der Bass wummert, dann röhrt rauer Hardcore-Punk durch die alte Möbelfabrik in Chamerau, wo er heute mit seiner Band „The Rogues“ probt. Unter den fünf Musikern ist Daniel der einzige, der nüchtern bleibt, wenn es auf Konzerte geht. Nach ihrer Gründung 2014 geht es für die Fünf bereits hoch hinaus. Vor kurzem haben sie in München als Vorband eines großen Headliners gespielt, bald geht es nach Frankfurt und noch zu einem anderen Konzert in Hessen. Ob er mit seiner Straight Edge-Einstellung beim Rest der Rogues nicht manchmal aneckt? „Hier und da musst dir natürlich einen blöden Spruch anhören lassen“, sagt Daniel. - „Irgendeiner muss ja fahren“, wirft Frontmann Johannes Zankl als Beispiel ein und lacht. „Mal ernsthaft, solange Dan kein Military-Edger wird, ist alles in Ordnung“.

Auch Nazis mischen sich unter das Hardcore-Volk

So werden die Hardliner unter den Abstinenzlern genannt, die gegen Trinker und Raucher lauthals die Moralkeule schwingen– im Extremfall auch die Fäuste sprechen lassen. Eine amerikanische Straight-Edge-Band, mit der die Rogues im Chamer L.A. auf der Bühne standen, bestand zum Beispiel auf einen strikt drogenfreien Bereich, erinnert sich Frontmann Johannes: “Wenn Du ihnen mit einem Bier zu nahe gekommen wärst- es hätte wirklich gekracht.“ Überhaupt, was die Auslegung des Straight-Edge-Gedanken betrifft, scheiden sich rund 30 Jahren nach der Entstehung die nüchternen Geister. Die Vegan-Straight-Edger setzen tierische Produkte auf ihren Index, Hare-Krishna-Edger mischen ein bisschen Esoterik hinzu und für die orthodoxe Hardliner der „neuen Schule“ steht der vorehelichen Geschlechtsverkehr genauso auf der roten Liste wie Homosexualität. „Am schlimmsten sind die Red-Edger und die Nazi-Edger“, erklärt Daniel. „Für mich haben sie in der Szene nichts zu suchen. Der Toleranzgedanke, die „Open-Mindedness“ zählt für mich genauso zum Straight-Edge sein, wie der Verzicht auf Drogen. Und an sich ist die Bewegung unpolitisch.“ NS-Hardcore heißt der rechtsradikale Auswuchs der Bewegung, die sich im Dunstkreis der Neonazi-und Kameradschaftsszene herausgebildet hat. Ihre Anhänger begründen die drogenfreien Lebensweise mit dem Volksgesundungsgedanken und vermischen Konzepte des Tierschutzes mit radikalem Antisemitismus.

„Sex geht nicht ohne Liebe“

Es ist egal welche Glaubensrichtung, ihr zweites Zuhause haben die Edger im Internet auf unterschiedlichsten Plattformen, Foren und Facebook-Gruppen: „Straight-Edge-Germany“ heißt die größte von ihnen. Matthias Kuchler kommt aus Bad Kötzting und ist wie Daniel Mitglied der keuschen Punk-Community. „ Wer meinen Lebensstil nicht akzeptiert, den brauch ich nicht als Freund“, sagt der 19-Jährige Industriemechaniker, der sich schon auf seinem Facebookprofil als Matze X Edge vorstellt. Daniel hat er letztes Jahr bei einem Hardcore-Konzert in München kennengelernt, seitdem geht er im Chamerauer Proberaum der Rogues ein und aus. „Ich hab mit 15 angefangen zu rauchen und zu trinken, dann war die eine Nacht in Bad Kötzting in der Disco“, erklärt Matze, „Ich weiß nichts mehr. Nur, es war Doppeldecker, Zwei zum Preis von einen.“ Anfangs haben sich seine Freunde erst an seinen neuen Lebensstil gewöhnen müssen, als er sein Coming-Out als Edger hatte. „Klar, gerade in Bayern, wo Bier zum guten Ton gehört ist es nicht immer leicht.“ Dass Matthias damit eine Entscheidung fürs Leben getroffen hat, steht fest. Ans Innere seiner Unterlippe hat er sich die Buchtstaben sXe tätowieren lassen, das Kürzel der Straight-Edge-Bewegung - er will den Rest seines Lebens nüchtern bleiben, erklärt er dazu. Das X ist das Erkennungssymbol der Szene. Damit die Barkeeper der frühen amerikanischen Hardcore-Konzerten wussten, wem sie Alkohol ausschenken dürfen, wurde den minderjährigen Fans am Einlass in Kreuz auf den Handrücken gestempelt. Matthias ist nicht nur strikt Abstinent, was Alkohol, Rauchen und Drogen betrifft, auch Fleischprodukte lehnt er als Vegetarier ab. Das dritte Gebot der Edger, don‘t fuck, sieht allerdings auch er nicht zu dogmatisch: „Sex muss für mich ganz einfach etwas mit Liebe zu tun haben.“ Es gibt wenige Sünden, die den beiden Edger noch einen Grund für eine freiwillige Fastenzeit geben würden. Nur eine Sache, auf die Daniel und Matthias, wie sie sagen, auf gar keinen Fall verzichten könnten. Musik.

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