MyMz
Anzeige

Das PS-Monster mit der Boxer-Schnauze

Kein Berg im Bayerwald bildet ein Hindernis: Die 600 Pferdestärken des „Terra Variant 600“ strahlen eine unbändige Kraft aus.
Von Christoph Klöckner

Der rote Holmer „Terra Variant 600“ mit Boxerschnauze und Ameisenspiegeln
Der rote Holmer „Terra Variant 600“ mit Boxerschnauze und Ameisenspiegeln Foto: Klöckner

Cham.Wer das auf dem Kopf stehende, silberne Doppeldreieck auf dem riesigen Kühlergrill in seinem Rückspiegel sieht, dürfte erst einmal einen gehörigen Schrecken bekommen. Doch das rote Monster mit gelbem Riesenrucksack auf dem Buckel ist äußerst zahm – auch wenn seine 600 Pferdestärken eine unbändige Kraft ausstrahlen. Um die Power des Holmer „Terra Variant 600“ in die richtige Spur zu lenken, hat Helmut Hauser das Lenkrad mit Links unter Kontrolle, während er mit der rechten den Joystick bedient als wäre es ein Computerspiel. Zudem blinken rechts vier Computerbildschirme. „Die zeigen dir alles, was falsch läuft“, sagt er, der heute die Felder des Hofes von Siglinde Preis aus Obertraubenbach bearbeitet.

Der Mensch wird klein – bei solch einem Giganten mit allein etwa 1,50 Meter hohen Reifen.
Der Mensch wird klein – bei solch einem Giganten mit allein etwa 1,50 Meter hohen Reifen. Foto: Klöckner

Der 35-Jährige aus Frieding ist einer von vier Zuchtmeistern, die den Monstertruck auf Feld, Wiese und vor allem auch auf der Straße im Zaum halten. Neben ihm lenken noch Andreas Malterer, Franz Schlögl und Karl Steinkirchner den modernsten Naturdüngerverteiler auf dem Markt im Auftrag der Chamer Güllegemeinschaft. Das sind 26 Landwirte, die sich diese Hightech-Maschine angeschafft haben und etwa 37 000 Kubikmeter jährlich damit ausbringen. 500 000 Euro kostet der voll ausgerüstete Gülletruck, so Christian Nachreiner vom Maschinenring, der die Terminplanung für die Gemeinschaft übernommen hat.

Am Maximum des Möglichen

Der Holmer wiegt – wenn er sich über sein automatisch gelenktes Saugrohr aus den Begleittanks vollgesaugt hat – rund 40 Tonnen. Das sei die Maximalgrenze für das Land, das er bearbeitet. „Sonst wird’s zu schwer“, so Nachreiner – trotz der Reifen, die meterbreit sind. Dann werde der Boden zu sehr verdichtet. Wobei der Holmer etwas kann, was einen die Augen am Feldrand reiben lässt: den Hundegang. Damit drehen sich die Felgen und Reifen vorne und hinten versetzt. Das sieht aus, als wäre die Achse gebrochen, doch wird so vermieden, dass die Maschine zwei Mal über die gleiche Spur fährt und den Acker mehr belastet, als es sein muss. Wie der Holmer so kratzen heute alle Riesenmaschinen der Landwirtschaft in Länge, Breite oder Gewicht am Maximum dessen, was möglich, erlaubt und sinnvoll ist.

Zahlen und Fakten

  • Gülletruck

    Wer kennt’s nicht? Lange Schlangen hinter Bulldogs, Häckslern oder Güllefässern? Doch was fährt da vor mir? Demnächst, wenn Sie wieder hinter einem Fahrzeug herzockeln, können Sie ihren Beifahrern erzählen, was da für ein Gigant der Landwirtschaft vor ihnen fährt, wofür man ihn braucht und was er alles kann. Heute geht’s um den ultimativen Gülletruck.

  • Technischen Daten

    Gelb-rot mit etwa 1,50 Meter hohen und einen Meter breiten Reifen kommt der „Terra Variant“ der Firma Holmer daher. Der drei Meter breite Koloss kann 21 Kubikmeter Gülle auf den Rücken laden.

  • Geruchslos

    Der V8-Turbodiesel hat rund 600 PS bei einem Hubraum von fast 16 000 Kubikzentimeter, die den Truck auf maximal 40 km/h beschleunigen. Allein 100 PS frisst die Pumpe für die Verarbeitung der Gülle. Er verteilt sie in weniger Minuten – je nach Anhänger auf dem Feld oder auf der Wiese – und zwar so, dass man später nichts sieht und nichts riecht.

  • Extra-Tanks

    Bis zu 160 Kubikmeter schafft der Gigant pro Stunde laut Hersteller, so dass zwei Extra-Tanks mit je 15 000 Liter Fassungsvermögen mit Bulldogs zum Nachladen im Einsatz sind. (ck)

Das Tonnengewicht im gelben Tank spürt Helmut Hauser hoch oben auf drei Metern im klimatisierten Cockpit nicht. Da mache ihm mehr die Verantwortung zu schaffen, damit nichts an das Glanzstück der Bauern kommt. Man müsse Respekt vor dem Gerät haben, könne nicht jeden auf den Bock lassen, sagt Hauser, der privat einen Audi lenkt. Denn die teure Maschine zu lenken und wieder heil nach Hause zu bringen, ist das erste Gebot. Eine halbe Million durch die Gegend zu kutschieren, ist nichts für Draufgänger. Wobei es keinen Extraführerschein dafür gibt – die Klasse T reicht. Ab 18 Jahren dürfen damit Fahrzeuge bis 60 Tonnen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h gefahren werden.

Ein Gigant der Landwirtschaft

Drei Computer kontrollieren ständig die Spur, das Fahrzeug und den Tank – schalten und sonstiges macht Helmut Hauser mit dem Joystick. Der Riesentruck reagiert auf kleinste Korrekturen.
Drei Computer kontrollieren ständig die Spur, das Fahrzeug und den Tank – schalten und sonstiges macht Helmut Hauser mit dem Joystick. Der Riesentruck reagiert auf kleinste Korrekturen. Foto: Klöckner

Wie auf einem Thron sitzt Hauser vor seinem Lenkrad hoch über dem Boden, die Computerbildschirme im Blick und schaltet per Knopfdruck in einen der 18 Gänge – wie bei einem Formel-1-Boliden. Kein Berg im Bayerwald bildet da ein Hindernis für das Kraftpaket, sagt Hauser mit normaler Stimme. Denn von Motor und Maschine hört man fast nichts im Cockpit. Es ist ein gemütliches Dahinarbeiten mit komfortabler Rundumsicht – wenn auch nur für Minuten, weil der Computer bald schon wieder den leeren Gülletank signalisiert.

Gnadenlos effizient

Mit einer Breite von 7,50 Metern furcht die Scheibenegge tief durch den Acker und haut über armdicke Rohre den Flüssigdünger in den Boden. Danach wird die Furche wieder geschlossen.
Mit einer Breite von 7,50 Metern furcht die Scheibenegge tief durch den Acker und haut über armdicke Rohre den Flüssigdünger in den Boden. Danach wird die Furche wieder geschlossen. Foto: Klöckner

Christian Nachreiner sieht hier die Landwirtschaft auf dem richtigen Weg, wirtschaftlich zu arbeiten, wo möglich. Der Holmer ist gnadenlos effizient. Durch die GPS-genaue Lenkung wird keine Furche zweimal mit Dünger bedient. Gerade auch nachts macht die Arbeit keine Probleme. Zudem hat der Truck eine zuschaltbare Rund-um-Festbeleuchtung wie Flutlicht im Fußballstadion. Und das Genialste an der Arbeit des Giganten ist das, was man nicht mitbekommt: Nach dem Ausbringen der braunen Fracht, wo sonst mancher im Umkreis die Nase rümpft, liegt nichts Ruchbares in der Luft und ist nichts Sichtbares auf dem Acker. Mit dicken Rohren und Scheibeneggen wird der Dünger gleich unter die Erde verfrachtet. „Das was man sonst riecht, soll eigentlich in den Boden!“, sagt Nachreiner. Deshalb würden ab 2020 Verteilungsmethoden mit Schwanenhals oder Prallteller aus dem Verkehr gezogen. Zu viel des Guten gehe bei solcher Arbeit verloren. Auch das macht der Holmer besser.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht