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Aktion

Der Direktor sperrt die Handys ein

Schüler aus Cham verabschieden sich von ihrem Smartphone – freiwillig. Ganz hergeben wollen sie es aber nicht.
Von Martin Kellermeier

In dieser Kiste bewahrt Schuldirektor Günter Habel die Smartphones seiner Schüler im Safe auf.
In dieser Kiste bewahrt Schuldirektor Günter Habel die Smartphones seiner Schüler im Safe auf. Foto: Kellermeier

Cham.Jetzt reden sie wieder miteinander. 16 Mädchen und drei Jungs der Klasse 8b am Chamer Robert-Schuman-Gymnasium haben sich von ihrem Handy getrennt. Sang und klanglos haben sie es in ein Briefkuvert verpackt und in eine durchsichtige Plastikbox gelegt. „Am Anfang war ich leicht aggressiv“, erzählt uns der 14-jährige Martin Bierl. Das waren wohl die Entzugserscheinungen.

Mehr als 2000 Euro liegen nun im Schultresor. Der ist in einem Einbauschrank im Büro von Direktor Günter Habel versteckt. Acht Handys liegen neben Personalunterlagen und Prüfungen. Die Smartphones der anderen Schüler haben die Eltern daheim konfisziert. „Ich bin stolz auf meine Kinder“, sagt Habel. Die 8b setze mit ihrer Aktion ein Zeichen: Es geht auch ohne Handy! „Die Eltern fordern von mir schon lange, dass wir die Handys einsammeln“, erzählt der Direktor. Wie er allerdings jeden Tag davon rund 700 einziehen und dann wieder austeilen soll, ist Habel ein Rätsel.

Handys sind am Schulgelände tabu

Die Schulordnung sieht generell vor: Das Handy muss auf dem Schulgelände ausgeschaltet sein! „Während des Unterrichts gibt es da aber eine Grauzone“, ist sich der Schuldirektor sicher. Überführt werden die Wenigsten. Zehn Schüler mussten im laufenden Schuljahr ihr Handy abgeben. „Nach ein bis zwei Tagen bekommen sie es dann wieder zurück“, erklärt Habel die Prozedur.

Die Klasse 8b am Robert-Schuman-Gymnasium in Cham
Die Klasse 8b am Robert-Schuman-Gymnasium in Cham Foto: Kellermeier

Die Schüler der 8b haben ihr Handy freiwillig in den Schultresor gelegt. Sie haben sogar einen Vertrag mit sich selbst geschlossen. Die Idee dazu hatte Klassenleiterin Diana Lohmer-Lößl. In den Herbstferien hat sie sich über das Zeitmanagement ihrer Schützlinge Gedanken gemacht und festgestellt: „Handys stören massiv bei den Hausaufgaben und beim Lernen!“ Außerdem bestehe gerade bei Whatsapp, der modernen SMS, ein Gruppenzwang. „Wer die Nachricht nicht gleich abruft, ist schnell bei den anderen unten durch“, so die Erfahrung von Lohmer-Lößl.

Das Projekt

  • Verzicht

    19 Schüler der Klasse 8b am Robert-Schuman-Gymnasium in Cham verzichten seit einer Woche auf ihr Handy. Am 4. Dezember endet die Aktion.

  • Internet deaktiviert

    Einige von ihnen haben auch den Netzstecker von Fernseher und Computer gezogen oder das Internet deaktiviert.

  • Tagebuch

    In einem Tagebuch dokumentieren die Jugendlichen den Projektverlauf. Hier halten sie fest, wann ihnen das Handy besonders fehlt.

  • Die Idee

    Klassenleiterin Diana Lohmer-Lößl kam in den Herbstferien auf die Projektidee. In ihren Augen lenken Handy, Computer und Fernseher ihre Schüler extrem beim Lernen ab. (rmk)

Selbst kann die Lateinlehrerin in Sachen Smartphone nicht mitreden. Ein altes Siemens, Modell A70, trägt sie in ihrer Schultasche mit sich. „Den Akku muss ich vielleicht alle drei Monate aufladen“, gerät Lohmer-Lößl ins Schwärmen. Direktor Günter Habel ist auch nicht auf dem aktuellen Stand in Sachen Mobiltelefon. Er hat ein Tastenhandy der Marke Nokia. Zuvor hat es sein Sohn schon benutzt. „Lieber gibt es Streicheleinheiten für die Frau als für den Touch-Screen“, scherzt Habel.

Aber das ist eine ganz andere Generation. Die Jugend von heute hat ein Smartphone. Mädchen oder Jungen ohne Handy in der Hand sind nur noch schwer vorstellbar. „Diese Geräte sind zu einem regelrechten Status-Symbol geworden“, findet Lohmer-Lößl. Und sie sind ein echter Killer in Sachen Zeitmanagement. Das merken auch die Schüler der 8b, seitdem sie auf Handy-Entzug sind. „Ich habe viel mehr für die Schulaufgabe in Französisch gelernt“, erzählt Elias Zapf. Die Wiesingerin Carla Schindler schwingt sich jetzt öfter aufs Fahrrad. „Und mehr Zeit für meinen Hasen Leo habe ich jetzt auch“, ergänzt sie.

In einer Woche öffnet sich der Safe

Bis zum 4. Dezember, also noch genau eine Woche, müssen die Achtklässler durchhalten. Dann öffnet Direktor Günter Habel seinen Tresor. Und er hofft, dass die Schüler dann auch weiter miteinander reden und den Zeitfresser „Handy“ enttarnt haben.

Nicht nur am RSG landen die Smartphones übrigens im Tresor. Auch bei der Firma Zollner in Zandt gilt allgemeines Handyverbot. Bei Schulungen und Seminaren wird den 233 Auszubildenden in der Früh das Handy abgenommen. „Die Freude ist da immer nicht so groß. Aber wir setzen das durch“, sagt Karin Mühlbauer, Assistentin im Ausbildungszentrum. Wird ein Azubi während der Arbeitszeit mit dem Smartphone erwischt, darf er sich von seinem Gerät für den Rest des Tages verabschieden.

Der positive Nebeneffekt von der Handy-Politik: In den Arbeitspausen wird unter den Kollegen miteinander gesprochen. „Hätten die jungen Leute da ein Handy in der Hand, würden sie wohl über SMS kommunizieren“, meint Mühlbauer. Das funktioniert bis zum Feierabend: Dann wird das Handy wieder gezückt...

So geht es den Jugendlichen ohne Smartphone

Mit einem Vertrag haben sich 19 Schüler der Klasse 8b verpflichtet, zwei Wochen lang auf das Handy zu verzichten. Das heißt: Keine Whatsapp-Nachrichten, kein Internet, keine Anrufe! Wie kommen die Jugendlichen damit zurecht? Wir haben sie gefragt.

Luise Plötz, 13 Jahre
Luise Plötz, 13 Jahre Foto: Kellermeier

Luise Plötz, 13 Jahre: Die Chammünsterin findet den Handyentzug gut. „Ohne Handy habe ich viel mehr Zeit“, sagt Luise. So hat sie zum Beispiel Zweige für den Adventskranz gesammelt. Zu spüren bekommt den Handyentzug einer: „Katze Sherlock bekommt jetzt viele Streicheleinheiten!“

Martin Bierl, 14 Jahre
Martin Bierl, 14 Jahre Foto: Kellermeier

Martin Bierl, 14 Jahre: Ohne Handy ist der 14-Jährige leicht aufgeschmissen: „Es könnte ein Problem sein, wenn man zwei Wochen keinen Kontakt zu Mädchen hat“, findet der Junge aus Gleißenberg. Über das Festnetz will Martin bei seinen Freundinnen aber auch nicht anrufen.

Sandra Weihrauch (13)
Sandra Weihrauch (13) Foto: Kellermeier

Sandra Weihrauch (13): „Wir Teenager benutzen das Handy überhaupt nicht zu viel“, verteidigt sich Sandra. Sie nutzt ihr Handy vor allem für Whatsapp-Nachrichten oder Instagram. Jetzt liegt ihr Handy im Schulsafe: „Meine Eltern finden das richtig. Für mich war das kein leichter Schritt.“

Carla Schindler, 13 Jahre
Carla Schindler, 13 Jahre Foto: Kellermeier

Carla Schindler, 13 Jahre: Die Klassensprecherin der 8b hat die Aktion am Anfang „doof“ gefunden: „Ohne Handy fühlt man sich hilflos“, sagt Carla. Sie hat Angst, dass sie in einer Notfallsituation niemanden erreichen kann. Ihre Eltern versuchen jetzt auch, aufs Handy zu verzichten – „so gut es geht“.

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