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Der Jäger der unglaublichen Details

Können Andachtsbildchen spannend sein? Sie können. So sehr, dass man davon träumt, weiß Hans Wrba aus Cham.
Von Christoph Klöckner

Cham.Es sind die Kathedralen des Glaubens, die ihn faszinieren – so wie der Kölner Dom –, ähnlich filigran, doch viel, viel kleiner. Bei beidem stehen wir mit offenem Mund davor und fragen uns, wie Menschen das damals hinbekommen haben. Ohne große Maschinen, ohne Hilfen. Diese detailverliebten Strukturen abzubilden in einer Genauigkeit, als wären Roboter am Werk gewesen. Was im Großen gilt, gilt umso mehr für die religiösen Andachtsbildchen, die Hans Wrba von klein auf verfolgen. Das gehe bis in den Schlaf, ja bis in den Traum, beschreibt er seine Sammelleidenschaft. Manch schlaflose Nacht kommt dazu. Die meisten kennen Wrba als Bewahrer von Geschichte und Geschichten, als Kreisheimatpfleger, der um Denkmäler kämpft und Brauchtumsüberbleibsel erhält. Ruhig und gemütlich kommt er bei den Zuhörern an.

Und dieser Eindruck täuscht nicht. Es sei denn, er ist auf der Jagd. Hat auf einer Auktionen oder im Internet etwas erspäht, das ihm fehlt. Ein lange vermisstes und länger gesuchtes Bildchen, das eine Lücke füllt. Das letzte „Steinchen“ in Pergament, Papier, manchmal auch anderes Naturmaterial wie Blatt oder Rinde. Dann kommt Hans Wrba in Bewegung. Es packt ihn das Jagdfieber. „Das muss ich haben“, sei der Gedanke, der sich verfestige. Dazu ein Kribbeln und sich aufbauende Aufregung – bis man es in den Händen hält, das neue Bild.

Aufgewachsen in Kirchenkunst

Als Jäger und Sammler religiöser Andachtsbildchen ist er unterwegs. Ihn haben von Jugend an diese Ureigenschaften des Menschen bewegt. „Zunächst habe ich alles gesammelt, alles, was irgendwie alt aussah, jeden Dreck“, beschreibt der 64-Jährige die Entwicklung. Ab etwa 1960 habe sich sein Interesse auf religiöse Andachtsbildchen verengt. Geprägt worden sei er durch seinen Dienst als Ministrant in Chammünster, „teils noch in vorkonziliarer Zeit“. Also, als die Messe noch mit viel Prunk und in Latein gefeiert wurde.

Wenn Hans Wrba ein neues Andachtsbildchen erobert hat, entdeckt er auch gleich immer eine ganze Geschichtenwelt dahinter. Die Liebe zum Detail und die eigene Freude daran prägen sein Leben.
Wenn Hans Wrba ein neues Andachtsbildchen erobert hat, entdeckt er auch gleich immer eine ganze Geschichtenwelt dahinter. Die Liebe zum Detail und die eigene Freude daran prägen sein Leben. Foto: Tschannerl

Umgeben von Barock und Rokoko hinterließ die Zeit innere Spuren beim Kreisheimatpfleger. Es habe noch keine Einweg-Wegwerf-Dinge gegeben. Die filigranen Gebetbuchbilder seien Ausdruck einer besonderen Frömmigkeit gewesen, „die ich nicht als finster auffasse – schaut man sich die farbigen und blumigen Heiligenbildchen an“. Jedenfalls fingen diese Bildchen Hans Wrba als erstes ein: „Das hat mich fasziniert und beeindruckt!“ Auch wenn es nichts Wertvolles im Sinne des Geldes gewesen sei. Nach und nach habe er sich eingelesen in die damals noch magere Literatur rund ums Thema. In einem Werk entdeckte er zu seiner Freude ein Andachtsbildchen aus Chammünster. Er forschte danach, stöberte neue auf – las weiter. Im Karmelitenkloster in Straubing stieß er bei Pater Englmaier auf ein handgeschnittenes Bild vom Bogenberg. Das habe er unbedingt haben wollen, wie auch ein prominenter Mitjäger: der Kölner Kardinal Meisner. Und wenn er der Papst selbst wäre, bekomme er das Bildchen nicht, habe der Pater zum Kardinal gesagt.

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„Ich weiß nichts über Fußball!“

Heute ist er Fachmann, erzählt ohne Halt die Geschichte der kleinen Kunstwerke nach, kennt viele der Mitjäger nach den detailverliebten Kleinodien, wie etwa einen Chefarzt aus Wien, der extra mal vorbeikam. Der habe die Sammlung vom Vater geerbt, deren beste Stücke in der Nachkriegszeit versteckt waren, als die russischen Soldaten einfielen. „Auf den Mappen der zurückgebliebenen Bildchen waren noch die Stiefelabdrücke der Russen zu erkennen“, sagt Wrba. „Andere wissen dafür über Fußball Bescheid. Darüber weiß ich dafür nichts!“, sagt er und lacht.

Hans Wrba zeigt Echo-Reporter Christoph Klöckner ein Andachtsbildchen.
Hans Wrba zeigt Echo-Reporter Christoph Klöckner ein Andachtsbildchen. Foto: Tschannerl

Zunächst habe er nach Techniken gesammelt – andere würden nach Themen sortieren, etwa nach Heiligen – heute sei er vor allem auf die wertvollen Spitzenbildchen aus dem 17./18. Jahrhundert aus. In weißen, festen Kartonkisten und fein gerahmt bewahrt Wrba seine Schätze auf. Zu jedem Bildchen eine Geschichte – sei es, wie er es bekommen hat, sei es zur Heiligengeschichte, die sich wiederspiegelt, sei es zur Herstellung.

Die Andachtsbildchen von Hans Wrba aus Cham

Immer in der Kiste bleiben sie nicht – alle Tage nimmt er sie zur Hand und bewundert ihre Besonderheiten. Die „Krönung“ sei das handgemalte und handgeschnittene Spitzenbild – so filigran, dass eine Fertigung per Hand unglaublich klingt. Die Bilder geben Rätsel auf, zumal sich das Werkzeug zur Herstellung nicht überliefert hat. Wie kamen die mikromillimetergenauen Spitzen ins Pergament? Wer hatte das nötige Fingerspitzengefühl, um Tausende noch so kleine Schnipsel herauszufieseln? Das Ergebnis bringt Hans Wrba um den Schlaf. Er habe nie gedacht, dass er mal eine solche Vielzahl an Spitzenbildchen zusammenbringen würde. 1974 tauschte er andere Antiquitäten gegen die ersten acht handgeschnittenen Bildchen, die ein Bekannter von seinem Großonkel geerbt hatte.

Heute nennt er 70 der religiösen Kunstwerke sein Eigen – das ist das Glück, das ihn froh macht und ihn in den Nächten gut schlafen lässt. Wie das Lyoner Spitzenbild von 1700 aus Pergament mit dem Heiligen Ambrosius in der Mitte. Jäger und Sammler bleibt Hans Wrba, auch wenn er meint, er sei schon ruhiger geworden. Doch es gibt noch Stücke, die ihn den Schlaf kosten könnten.

Hans Wrba und die Andachtsbild

  • Zur Person

    Hans Wrba wohnt in der Gemeinde Pemfling. Er ist verheiratet und 64 Jahre alt. Gebürtig ist er aus Chammünster. Seit frühester Jugend ist er ein begeisterter Sammler von religiösen Antiquitäten, etwa alten Büchern, Heiligendarstellungen oder Andachtsbildchen. Vor allem Überbleibsel der Volksfrömmigkeit und deren Darstellung interessieren ihn. Dazu sammelt er auch entsprechende Geschichten, sowohl weltlicher wie religiöser Art, die er immer wieder auch öffentlich erzählt. Damit gewinnt er viele Zuhörer für sich. Er engagiert sich seit Jahren als Kreisheimatpfleger für die Erhaltung der historischen Heimat wie etwa für Baudenkmäler im Altlandkreis Cham und wirbt für eine Zukunft mit Erinnerung an die historischen Wurzeln.

  • Andachtsbildchen

    Das Andachtsbildchen hatte im 17./ 18. Jahrhundert seine Glanzzeit. Der Hintergrund sei die mittelalterliche Buchmalerei – Vorläufer seien gemalte Geschenk-Bildchen gewesen, erklärt Hans Wrba. Dazu sei die orientalische Technik des Lederschneidens gekommen, die in den Niederlanden zuerst für Scherenschnitte genutzt wurde. Zunächst hätten Nonnen in Klöstern die Technik aufgegriffen und Einzelblätter produziert. Die waren begehrt und ein Mittel der Gegenreformation. Später seien die Bildchen in Massen produziert worden – bald aber nicht mehr in der Qualität wie früher. Hauptstädte der Bildchen waren in zeitlicher Folge Augsburg, Prag, Paris und Lyon. Grundlage der Spitzenbildchen ist Pergament aus Schaf- oder Ziegenhaut. Andachtsbildchen gibt es auch auf Blättern, Rinde, Papier oder Stoff, selbst auf Federn oder Eihaut, ja sogar auf Spinnweben, dazu geschnitten oder gedruckt, gestickt, als Kupferstich, handgemalt mit original Schneckenpurpur und feinstem Dachshaar, Naturbilder mit hinter Blüten versteckten Heiligen. Auch „Schluckbilder“ gab, die man als „geistliche Pharmaka“ verschluckte. Aus den Andachtsbildchen wurden unsere heutigen Gratulationskarten. Heute erzielen besondere Stücke der Andachtsbildchen auf Auktionen über 1000 Euro und mehr, wobei Nachwuchssammler fehlen. (ck)

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