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Ernährung

Ein Ankerplatz für die Slow-Food-Arche

Mit der ersten Tafelrunde im Rhaner Bräustüberl hat die Slow-Food-Bewegung eine neue Heimat im Landkreis Cham gefunden.
Von Christoph Klöckner

  • Heike Bergbauer-Bösl aus Pösing (3. v. li.) hatte zur ersten Tafelrunde von Slow Food ins Rhaner Bräustüberl in Cham geladen. Foto: Klöckner
  • „Ahle Wurscht“ aus noch warmem Fleisch ist an Bord der Arche. Foto: dpa
  • Die Kartoffelsorte Bamberger Hörnla ist aufgenommen. Foto: dpa
  • Die Champagner-Bratbirne ist drin in der Arche. Foto: Slow Food/dpa
  • Das Oberpfälzer Höhenvieh soll in die Arche. Foto: Archiv

Cham.Was verbirgt sich hinter dem Namen Slow Food? Eine Anti-Gruppe zur Fastfood-Kultur? Oder eine Interessengruppe fürs Langsam-Essen? „Jein“, antwortet Christoph Hauser, Sprecher des Slow-Food-Conviviums Regensburg-Oberpfalz, darauf.

Irgendwie hat der Verein von allem etwas mitgenommen seit seiner Gründung 1986 durch den Italiener Carlo Petrini. Damals war es als Kontra zur McDonald's-Welle gedacht und wollte bewusstes, regionales Essen fördern. Mittlerweile ist daraus eine international agierende Bewegung geworden, die seit Mittwoch auch in Cham einen ersten Ankerplatz für die „Arche des guten Geschmacks“ – ein wichtiges Projekt des Vereins zur Erhaltung alter Lebensmittelsorten und vergessener Produktionswege – gefunden hat. Im Rhaner Bräustüberl an der Ludwigstraße trafen sich auf Einladung des Pösinger Slow-Food-Mitglieds Heike Bergbauer-Bösl erstmals Interessenten der Vereinsidee. Die Gaststätte ist seit Februar offiziell Unterstützer-Lokal von Slow Food Deutschland. Pächter und Koch Benedikt Hierl schafft es hier, mit regionalen Produkten gutes Essen auf den Gästetisch zu bringen.

Tipps für gute und faire Produkte

Überrascht waren Heike Bergbauer-Bösl wie das angereiste Team aus Regensburg, wo es Slow Food bereits seit 15 Jahren gibt, vom großen Interesse. Slow Food werde von vielen gelebt, ohne dabei zu sein, sagte er. Der Landkreis Cham sei bereits gut aufgestel‹lt, mit Broschüren zu Direktvermarktern oder auch dem Verein LandGenuss Bayerwald.

Doch wer als Gast komme, dem fehle das Wissen. Slow Food sei bekannter und könne hier als Brücke zu regionalen Vermarktern und zur regionalen Küche dienen. Letztlich sei es das Netzwerk, das den Verein ausmache, von dem Anstöße kamen und Tipps für gute, regionale Küche vor Ort, so Hauser, der selbst Koch ist. Dazu gibt der Verein einen „Genussführer“ für Deutschland raus, der mittlerweile durchaus eine Verbreitung wie der Guide Michelin hat. Empfohlen wird von Slow Food nur, was ausgiebig von Slow Food-Mitgliedern getestet worden ist und „gut, sauber und fair“ aus der Region kommt. Zudem seien etwa Sterneköche ausgeschlossen, sagt Hauser. Denn die Empfehlungen sollten für jedermann erschwinglich sein. Andererseits sollen Lebensmittel nicht billigst angeboten werden.

Deshalb zielt die Slow-Food-Kritik auf Discounter, die zudem – wie Lidl gerade, so Christoph Hauser – versuchen würden, Begrifflichkeiten zu vereinnahmen wie etwa Nachhaltigkeit. Dagegen wehre man sich, denn die Lebensmittel der Discounter hätten mit so etwas nichts zu tun. Nachhaltigkeit bedeute nicht, dass alles immer da sei, sondern saisonale Vielfalt. „Essen ist eine politische Handlung“, sagt Hauser. Der Verein beziehe durchaus Stellung, etwa gegen das Freihandelsabkommen TTIP oder auch zu Produkten: „Wer ägyptische Frühkartoffeln kauft, muss wissen, dass er damit Wasser aus dem Land importiert.“ Es gelte, alte Sorten für den Geschmack zu erhalten; es gebe 120 Kartoffelsorten und nicht nur mehligkochend oder festkochend. Vieles gehöre in die „Arche des guten Geschmacks“, um es zu sichern. Wie auch das Rote Höhenvieh, für das der Regensburger Ableger von Slow Food jetzt einen Antrag auf Aufnahme in die Arche gestellt haben.

Im Mai das nächste Treffen

Heike Bergbauer-Bösl machte bei ihrer Begrüßung deutlich, warum sie den Schritt nach Cham gegangen sei:. „Regensburg war mir zu weit.“ Sie fände es schön, wenn sich hier eine Gruppe etabliere und alle zwei Monate treffe. „Wir haben tolle Erzeuger“, betonte sie. Die Treffen sei offen, es gehe um einen lockeren Austausch und ein daraus entstehendes Netzwerk. Niemand müsse Mitglied werden, um mitzumachen, so Heike Bergbauer-Bösl. Am 13. Mai sei das nächste Treffen wieder im Rhaner Bräustüberl.

Was macht Slow Food?

  • Philosophie

    „Dreimal am Tag, bei jeder Mahlzeit, treffen wir Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen. Unser Essen ist untrennbar verknüpft mit Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Wissen, Landwirtschaft, Gesundheit und Umwelt.“ So lautet ein Teil der Philosophie von Slow Food. Der Verein setzt sich für gute, saubere und faire Lebensmittel aus der Region ein.

  • Netzwerke

    Auf regionaler Ebene findet der Austausch an regelmäßigen Tafelrunden in ausgewählten Gaststätten oder Restaurants statt. Darüber entstehen Netzwerke, deren Mitglieder sich über lohnenswerte regionale Ziele für Geschmacks- und Genussliebhaber gegenseitig informieren.

  • Projekt

    Ein wichtiges Projekt ist die „Arche des guten Geschmacks“. Die Arche arbeitet schon seit 1996 für den Schutz der biologischen Vielfalt, in Deutschland und weltweit, weil die Vielfalt der regionalen Tierrassen, Pflanzensorten und Lebensmittel auch die Vielfalt auf dem Teller garantiert. Dabei werden bedrohte Arten oder auch Produktionsverfahren durch die Aufnahme besonders gefördert.

  • Genussführer

    Für den „Genussführer Deutschland“ sind ehrenamtliche Tester unterwegs, um neue Empfehlungen abgeben zu können. Aus der Oberpfalz sind dort bisher nur acht Lokale zu finden, doch sollen 2016 neue aufgenommen werden.

  • Küche

    Ralf Hartleb, Unternehmensberater aus Regensburg, und Christoph Frankerl, Verkaufsleiter bei Goldsteig, sind etwa zum Testen unterwegs. Wichtig sei eine regionaltypische Küche – deshalb seien etwa Italiener oder chinesische Restaurants ausgeschlossen.

  • Informationen

    Dogmatisch sei man nicht, doch klar sei auch, dass gutes Essen für drei Euro nicht herzustellen sei, so Hartleb. Das versuche man zu vermitteln. Der Verbraucher habe es in der Hand. Wer mehr wissen möchte, kann sich unter www.slowfood.de informieren. Dort finden sich auch Hinweise zu Treffen vor Ort. (ck)

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