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Dienstag, 21. August 2018 28° 2

MZ-Serie

Mädchenzimmer werden zum „Porno-Tatort“

Ein Mann masturbiert via Videochat vor Kindern – und die versenden das Filmchen per WhatsApp. Wo Eltern hinschauen müssen.
Von Birgit Zwicknagel

Wenn Kinder unbeaufsichtigt im Internet umhersurfen, drohen Ihnen Gefahren. Darum müssen Eltern hinschauen.
Wenn Kinder unbeaufsichtigt im Internet umhersurfen, drohen Ihnen Gefahren. Darum müssen Eltern hinschauen. Foto: dpa

Cham.Tatort: Ein Mädchenzimmer. An den Wänden hängen „Hello-Kitty-Poster“, im Bett liegen gefühlte 1000 Stofftiere. Zwei Mädchen, neun und zehn Jahre jung, sitzen allein vorm Schreibtisch am Laptop und chatten per Webcam in einem unter Jugendlichen bekannten Chatportal. Ihr Chatpartner ist ein erwachsener Mann (dessen Gesicht nicht zu erkennen ist), der die Kinder ganz unverblümt fragt, ob er sich selbst befriedigen soll (ich benutze hier einfach mal eine „nette“ Wortwahl, denn der Umgangston ist doch um Längen perverser).

Die Mädchen animieren den jungen Mann dazu mit Sätzen wie „ja, wollen wir sehen, mach“. Nebenbei wird unauffällig mit dem Smartphone gefilmt. Der Mann lässt sich nicht lang bitten und kommt der Aufforderung nur zu gern nach. Was dann folgt, ist ein Live-Porno – und die zwei Kinder sind zwischen Schock, Neugier und Faszination hin- und hergerissen. Und damit die ganze Sache dann auch noch richtig Kreise zieht, stellt eines der Mädchen dieses gemachte Video in den Klassenchat auf WhatsApp ein!

Das Ende der Geschichte: gemobbte Mädchen, schockierte Mitschüler, ganz viel Ärger an der Schule. Viele Eltern sind währenddessen noch völlig ahnungslos, weil sie nicht einen einzigen Blick in das WhatsApp ihrer Kinder werfen. Eltern, die jetzt erst durch die Schule informiert werden müssen …. Die Hoffnung, dass das Video am Ende überall gelöscht wird, musste ich leider zerstören. Wahrscheinlicher ist, dass der Mitschnitt irgendwann sogar wieder unter einigen Schülern geteilt wird.

Einmal im Monat macht Birgit Zwicknagel im Bayerwald-Echo auf ein Problem im Netz aufmerksam.
Einmal im Monat macht Birgit Zwicknagel im Bayerwald-Echo auf ein Problem im Netz aufmerksam. Foto: Computermäuse

Mir stellt sich hier doch die Frage: Warum können Neun- beziehungsweise Zehnjährige allein in ihrem Kinderzimmer in solchen Portalen ungestört über einen längeren Zeitraum chatten? Und wie kommt es, dass so ein Video in einem Klassenchat geteilt wird per Smartphone über Tage hinweg, ohne dass die meisten Eltern das überhaupt bemerken?

Mein Rat: Lassen Sie Kinder in dem Alter nicht allein im Kinderzimmer mit diesen Geräten – das Wohnzimmer, beziehungsweise ein Platz in Ihrer Nähe, ist der richtige Ort. Ein Platz, wo sie jederzeit sehen können, was Ihr Kind gerade macht – und mit wem es schreibt. Wenn Sie nicht daheim sind, sollten Kinder in dem Alter gar keinen freien Zugang zum Netz haben. Überlegen Sie auch, ob ein Kind in dem Alter wirklich ein internetfähiges Smartphone haben muss… Und gucken Sie öfter mal hin statt weg!

Die Computermäuse

  • Serie

    Einmal im Monat macht Birgit Zwicknagel im Bayerwald-Echo auf ein Problem im Internet aufmerksam. Sie schildert, wie sich Jugendliche und Eltern vor unerwünschten Zu- oder Übergriffen schützen können. Birgit Zwicknagel (46) hat selbst drei Kinder, die mittlerweile 19, 22 und 23 Jahre alt sind.

  • Technik

    Die Stamsriederin beschreibt sich selbst als stark technikaffin. „Ich hab mich schon immer für Technik begeistert und kenne alle gängigen Betriebssysteme seit dem C64.“ Wenn es um Handys oder die Anwendung von mp3 oder DAB ginge, sei sie immer bei den ersten Nutzern in der Region gewesen. Sie sei auch diejenige, die in der Familie die neuen Geräte in Betrieb nehme.

  • Erfahrung

    Ihre erste Anregung für die Gefahren mit neuen Medien erhielt Birgit Zwicknagel durch ihre Tochter, die damals die 5. Klasse besuchte. Ein Lehrer hatte damals Internetadressen für alle Schülerinnen angelegt. Das Muster lautete „Vorname.Name-Klasse @ gmx.de“.

  • Gefahr

    Dem Lehrer sei damals nicht bewusst gewesen, dass er so Geschlecht und Alter seiner Schülerinnen schon mit der Adresse preisgab und die Kinder selbstverständlich ihre neue Adresse nutzten, um sich auf allen möglichen Plattformen anzumelden.

  • Verein

    Aus dieser Anregung entstand später der Verein „Computermäuse“ und die Homepage „www.clever-ins-netz.de “.Hier werden Beratung und Vorträge angeboten, aber auch schon viele erste Vorschläge und Tipps gegeben.

  • Motivation

    „Meine Motivation ist es, Menschen mit meinem Wissen helfen zu können, die selber wenig oder keine Ahnung haben!“ (ik)

Lesen Sie hier, wie gefährlich gedankenlos-freizügige Urlaubs-Selfies in der Arbeitswelt sein können.

Lesen Sie eine Geschichte, wie sich Erwachsene mit Fakeprofilen das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen erschleichen.

Hier lesen Sie Birgit Zwicknagels Geschichte über Cybermobbing.

Hier lesen Sie weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham.

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