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Landwirtschaft

Milchbauern: Suche nach dem Königsweg

Wut und Frust beim Treffen des Bundes Deutscher Milchviehhalter in Cham: Nach zehn Jahren Kampf hat sich wenig gebessert.
Von Christoph Klöckner

Die Talsohle des Milchpreises ist wohl noch nicht erreicht.
Die Talsohle des Milchpreises ist wohl noch nicht erreicht. Symbolfoto: dpa

Cham.Irgendwann hat der Mann die Nase voll. Er steht auf und lässt das raus, was ihm sichtlich auf der Seele liegt. Er schimpft auf die „Schwarzen“ in der Politik, auf das geplante Handelsabkommen TTIP und alles, was da an Schlechtem auf uns zukommt. Und lässt das erkennen, was manchen der etwa 120 Milchbauern im Saal im Hotel am Regenbogen in Cham bewegt. Es liegt Spannung in der Luft. Wut und Verzweiflung haben sich da angesammelt, die viel Sprengkraft in sich bergen. Wut, weil der Milchpreis am Boden ist, von dem die Existenz der ganzen Familie abhängig ist und der Preis nicht von einem selbst bestimmt wird. Verzweiflung, weil es keinen sichtbaren Ausweg aus der Situation gibt.

Auch, dass ein Landwirt Bert Brecht zitiert und sich dessen Worte zu eigen macht, ist nicht nur selten, sondern dürfte für manchen im Establishment alarmierend sein. „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“ – die Brechtmaxime zitiert Hans Foldenauer, der Sprecher des Bundes Deutscher Milchviehhalter (BDM), vor rund 120 Bauern. Das Zitat aus Bauernmund ist nicht nur für die Politik eine Alarmierung, sondern soll auch ein Weckruf für die Mitglieder des Verbandes sein. Aufstehen und sich wehren gegen Preisdiktate und Machenschaften von Ernährungsindustrie und Molkereien, das ist das Ziel.

Milch ist ein einfaches Produkt

Und einen Weg zu finden, um den Milchpreis nach oben zu bringen. Das gehe nur über eine Verringerung der Milchmenge auf dem europäischen und auf dem Weltmarkt. Doch wie soll die reguliert werden? Denn fällt hier etwas weg, wird woanders mehr geliefert. Milch ist als Produkt zu einfach – im Gegensatz etwa Hightech-Produkten aus Deutschland, sagt Landrat Franz Löffler in seinen Grußworten. Woher die Milch komme, sei egal – deshalb bestimme der Weltmarkt die Preise.

Die Ziele des BDM sind die gleichen, wie schon ganz vom Anfang des bäuerlichen Widerstands in Cham. Somit wiederholt sich gerade Geschichte, worauf auch BDM-Kreisvorsitzender Roland Decker hinweist. Vor zehn Jahren, als die ersten Ableger des Verbandes Fuß fassten, war viel von der Wut von heute auch vorhanden. Auslöser war, wie heute, der niedrige Milchpreis, der ein Überleben der Höfe schwierig macht.

Das Leben nach der Quote

Nur eines hat sich geändert: die Quote ist weg. Und entgegen vieler wissenschaftlicher Vorhersagen, die prophezeit hatten, dass jede Milchmengenerhöhung ohne Preisverluste vom Weltmarkt locker aufgesaugt werde, wurde die Menge mehr und der Preis pro Kilogramm Milch weniger. Es war der Realität nach eine Milchmädchenrechnung.

Blitzableiter für die Wut sind an diesem Abend nur wenige da. Wer sein Fett abbekommt, auch ohne dass er da ist, ist CSU-Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt. Er wird von den Bauern durch die Bank als der „schlechteste Landwirtschaftsminister, den wir je hatten“ deklassiert. Der sehe die Krise noch gar nicht, so habe er selbst gesagt. Renate Künast von den Grünen sei da noch ein Gewinn für die Landwirte gewesen, so Roland Decker.

Die Wirkung des Milchpreises

  • 1300 Betriebe

    1300 Milchviehbetriebe hat der Landkreis Cham noch, die seit Jahrzehnten weniger werden. Geliefert werden im Jahr rund 220 Millionen Kilogramm Milch.

  • Das Problem

    Das Hauptproblem der Milchbauern ist der Milchpreis. Der wird nicht von den Erzeugern bestimmt, sondern von der Lebensmittelindustrie, dem Weltmarkt und den Molkereien.

  • Tendenz

    Betrug er in guten Zeiten 40 Cent je Kilogramm Milch, sind es aktuell zwischen 23 und 28 Cent, Tendenz sinkend.

  • Preis

    Um jedoch gut wirtschaften und überleben zu können, brauchen die Bauern einen Preis je nach Rechnung um die 40 Cent.

  • Defizit

    Was solche Preise bei uns ausmachen, wird leicht unterschätzt. Ein Cent weniger Milchpreis sind im Ergebnis 2,2 Mio. Euro, die in der Landwirtskasse und als Kaufkraft im Landkreis fehlen.

  • Einkommen

    Bei 15 Cent weniger für 2015 summiert sich die Summe auf 30 Mio. Euro. um über 20 Prozent sinkt das Einkommen je Hof zu 2013. (ck)

Auch Chams MdB Karl Holmeier habe viel versprochen – doch angekommen sei noch nichts. Decker reißt ein Hauptproblem an: Jeder produziere seit dem Ende der Quote so viel wie möglich. Die Krise sei das Ergebnis. „Doch wir lassen uns alles gefallen!“, sagt der BDM-Kreisvorsitzende.

Daneben trifft es den Chamer Leiter des Amtes für Landwirtschaft, Georg Mayer, als Vertreter der Behörden. Der macht bei seinen Grußworten wenig Hoffnung auf Besserung. Auch wenn er an natürliche Begebenheiten erinnert, dass etwa nach Regen Sonne folge. Vor zwei Jahren habe der Preis bei 40 Cent gelegen, dann seien 2015 „erste Bremsspuren“ zu sehen gewesen. „Heute wissen wir: Wir haben das Schlimmste erwartet, es ist gekommen und es kommt noch viel schlimmer“, so Mayer. Die Talsohle des Preises sei noch nicht erreicht.

„Wir haben das Schlimmste erwartet, es ist gekommen und es kommt noch viel schlimmer.“

Georg Mayer

Dazu wüchsen unaufhörlich die Anforderungen an die Bauern, ob Tierwohl, Pflanzenschutz oder Dünger. Es würden „Luxushotels für Kühe“ gebaut, doch deren Preis sei nicht am Markt zu erwirtschaften, beschrieb Mayer das Dilemma. Um sich wenigstens die staatlichen Zuschüsse zu sichern, appelliert er, jeden Fehler etwa bei der Tiermeldung zu vermeiden, da es keine Bagatelldelikte mehr gebe und gleich Strafen drohen.

Höfesterben eine Lösung?

BDM-Mitglied und Ex-Vorstandsmitglied Georg Dietl erzählte aus eigener Erfahrung, wo etwa die Bundeskanzlerin einen Weg zur Stärkung des Milchpreises sieht: 50 Prozent der Milchbauern müssten halt aufhören. Eine andere Publikumsstimme beschreibt die Lage der Landwirte verzweifelt: Man baue Wellnesshotels für Kühe und Gefängnisse für Bauern.

Es sei einer Bundeskanzlerin nicht würdig, dass sie etwa bei Molkereibesuchen durch den Hintereingang rein- und rausschleiche, um den Kontakt mit Landwirten zu vermeiden, erzählte Foldenauer von Begegnungen. Seiner Meinung nach müssen die Kontakte des BDM wie die Proteste gegen Politik, Ernährungsindustrie und Molkereiverbände intensiver werden.

Er spricht vom „Lügengebäude“, mit dem hier argumentiert werde – von der Politik, aber auch von Bauernverbandsseite. Hier werde der niedrige Preis auf Mehrmengenlieferungen aus den USA oder aus Ozeanien, auf Russlandembargo und chinesische Kaufzurückhaltung geschoben. Wie Foldenauer anhand von Grafiken zeigte, sei dies abwegig oder zumindest nicht so wirksam, wie behauptet.

„Abhängig wie Heroinsüchtige“

Hans Foldenauer versuchte gemeinsam mit dem Kreisvorsitzenden Roland Decker (re.), die BDM-Mitglieder zum Widerstand zu bewegen.
Hans Foldenauer versuchte gemeinsam mit dem Kreisvorsitzenden Roland Decker (re.), die BDM-Mitglieder zum Widerstand zu bewegen. Foto: ck

Hans Foldenauer propagiert Lösungswege. Die Landwirte hätten sich von Geldzuflüssen abhängig gemacht, wie „ein Heroinsüchtiger von der Nadel.“ Es sei die falsche, jahrzehntelange Agrarmarktpolitik, die schuld sei. Eine Regulierung, wie sie viele Länder mittlerweile hätten, brauche das Land.

Doch Schmidt lehne das ab – entgegen der Forderungen der Bauern. Sein Ministerium verbreite stattdessen wissentlich Falschmeldungen. Höfesterben werde die Lage nicht ändern und sei kein Weg. Denn die Milch werde immer mehr. Deshalb sei Widerstand gefordert. Langsam würden auch Bauernverbandsmitglieder aufwachen, sagt Hans Foldenauer, das Zuschauen müsse beendet werden. Es brauche ein Milchmarkt-Krisenmanagement, fordert er.

„Das Thema treibt mich gewaltig um“, sagt Landrat Franz Löffler vor der Versammlung. Er sei kein Freund der Quotenabschaffung gewesen und auch kritisch gegenüber TTIP. Bayerns Milchbauern bräuchten aber den Weltmarkt, um ihre Milch absetzen zu können.

„Das Thema treibt mich gewaltig um.“

Landrat Franz Löffler

Eine Lösung der Lage sei schwierig, aber nötig – es gehe schließlich um die Heimat. Der Landrat lädt schließlich die Bauern zum Gespräch, um ihre Sorgen zu bündeln und dem gescholtenen Christian Schmidt zu überbringen: „Ich würde es ihm sagen, ohne Blatt vor dem Mund!“

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