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Integration

Musik hilft Afghanen, in Cham anzukommen

Als Minderjährige verloren sie ihre Heimat. Heute würden die drei jungen Männer gerne in der Oberpfalz ihre Zukunft aufbauen.
Von Elisabeth Angenvoort

Das Ensemble „Neue Horizonte“ wird beim Tag der Laienmusik am 29. Juni in Volkach dabei sein. Foto: E. Angenvoort
Das Ensemble „Neue Horizonte“ wird beim Tag der Laienmusik am 29. Juni in Volkach dabei sein. Foto: E. Angenvoort

Cham.Sie sind zurückhaltend, höflich und noch sehr jung. Sie haben in der kurzen Zeit ihres Lebens so viel erlebt, dass es eigentlich schon genug wäre; doch da ist dieser Ausdruck in ihren Augen, sobald es um Musik geht: eine verhaltene Freude. Und natürlich haben sie den ungebrochenen Willen, sich eine Zukunft aufzubauen, hier in der Oberpfalz, tausende Kilometer entfernt von ihrer Heimat. Sie: Das sind drei junge Männer, die vor wenigen Jahren als unbegleitete Jugendliche auf dem Landweg von Afghanistan bis nach Cham gekommen sind. Luftlinie sind das auf dem direkten Weg 4771 Kilometer, doch Abdul Vahid Sultani, Abdul Latif Shahi und Mahdi Panahi mussten über Gebirge, durch Meere und andere Hindernisse ihre Route immer wieder neu finden.

Flucht durch neun Länder

Musiklehrer Hermann Seitz erklärt die „Anatomie“ der Schalenhalslaute, das afghanische Nationalinstrument, hier gespielt von Musiker Abdul Latif Shahi. Foto: E. Angenvoort
Musiklehrer Hermann Seitz erklärt die „Anatomie“ der Schalenhalslaute, das afghanische Nationalinstrument, hier gespielt von Musiker Abdul Latif Shahi. Foto: E. Angenvoort

Sie durchquerten neun Länder, und jeder von ihnen hat diese lange Reise letztlich alleine bewältigt. „Wenn man sein Leben retten will, macht man alles“, sagt Mahdi Panahi. Seine Familie hat mehrere tausend Euro an Schleuser bezahlt, um ihm die Flucht zu ermöglichen, nachdem in der Heimat Gefahr für sein Leben bestand. Über Wien, München, Stamsried und Waldmünchen landete er schließlich in Cham. „Die Leute haben alles gemacht, was sie konnten“, betont er. Mittlerweile lebt er in einer kleinen Wohnung und macht eine Ausbildung als Lagerist in Roding bei der Firma Mühlbauer. Wenn er „gut“ ist, wird er übernommen. Doch wurde sein erster Asylbewerberantrag abgelehnt. Am 8. Juli wird vor Gericht über den zweiten Antrag verhandelt: „Darauf habe ich eineinhalb Jahre gewartet“. Sehr gerne würde er hierbleiben, doch „das hängt jetzt vom Staat ab“. Viele Leute verstehen nicht, warum er seine Heimat verlassen hat; es ist tatsächlich unvorstellbar. „Man muss in der Situation gewesen sein, um zu verstehen“.

Bildung

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Ein neuer Studiengang zieht Bewerber aus aller Welt an. Dadurch verschärft sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt.

Abdul Vahid Sultani hat ganz Ähnliches erlebt. Seit er geboren wurde, gibt es Krieg in seiner Heimat, er hatte immer „Waffen vor Augen“ und „wilde Menschen“. Viele Kinder können keine Schule besuchen, da der Weg dorthin lebensgefährlich wäre, sagt er. Auch seine Familie musste viel Geld an Schleuser bezahlen, damit er den Weg nach Deutschland antreten konnte. Die Etappe von der Türkei nach Griechenland hat er nur mit Glück überlebt. Man habe sich hierfür ein Gummiboot gekauft, erzählt er, für zwölf Personen. Letztlich saßen 32 Menschen darin. Der Schleuser habe ihnen noch eine Luftpumpe mitgegeben sowie einen Eimer, da das Boot ein Loch hatte. Sie mussten ihr ganzes Gepäck über Bord werfen um nicht unterzugehen und erreichten das Land nur mit dem, was sie am Körper trugen. Dann haben sie das Boot zerschnitten, um nicht sofort wieder zurückgeschickt werden zu können. „Viele haben das so gemacht“, sagt Sultani, und viele kamen bei solchen Fluchtversuchen ums Leben. Mittlerweile lebt Sultani in Cham; seit Februar 2018 macht er eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker bei der Firma Hirschvogel. Doch auch er „hängt in der Luft“ und kann nichts planen. Das gemeinsame Schicksal hat die jungen Männer zusammengebracht. Und es ist die Musik, ein gemeinsamer Nenner, unter welchem sie sich verstehen, ohne viel Worte zu gebrauchen.

Lied für den Frieden

An diesem Wochenende sind sie gemeinsam mit vier jungen deutschen Erwachsenen sowie ihrem Betreuer Hermann Seitz in der Jugendbildungsstätte Waldmünchen, um sich für den Auftritt beim Tag der Laienmusik am 29. Juni in Volkach vorzubereiten. Dort werden sie afghanisches und deutsches Liedgut vortragen, unter anderem den Kanon zu vier Stimmen „Da pacem domine“, Gib Frieden Herr, aus dem 16. Jahrhundert.

Zukunft voraus

  • Fluchtweg

    Die Route führte quer durch neun Länder, von Afghanistan über Pakistan, Iran, Türkei, Griechenland, Makedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland.

  • Freunde

    Als minderjährige Flüchtlinge wurden Shahi, Panahi und Sultani in München zunächst von der Polizei übernommen und nach der ärztlichen Untersuchung in Stamsried untergebracht. Dort trafen sie sich das erste Mal. Seitdem sind sie Freunde. Mittlerweile leben und arbeiten sie in Cham.

  • Musikalischer Weg

    Musiklehrer Hermann Seitz betreut die jungen Männer nicht nur musikalisch. Beim Tag der Laienmusik am 29. Juni in Volkach werden sie auf Intrumenten aus ihrer Heimat spielen, gemeinsam mit Julia Wenzl (Violine), Hannes Stock (Violoncello) und den Sängerinnen Katharina, Elisabeth und Franziska Zistler – als „Ensemble Neue Horizonte“. Auf dem Programm steht deutsches und afghanisches Liedgut. Die jungen Afghanen spielen auf traditionellen Instrumenten aus ihrer Heimat.

Es dürfte die einzige Kombination dieser Art auf dem Laienmusiktag sein. „Neue Horizonte“, so nennt sich das Ensemble der drei jungen Musiker aus Afghanistan, verstärkt durch Hannes Stock (Cello), Julia Wenzl (Violine) sowie die drei Schwestern Katharina, Elisabeth und Franziska Zistler (Gesang). „Wir möchten ein Zeichen nach außen setzen“, erklärt Julia Wenzl, „man kann in kurzer Zeit eine ganz neue interkulturelle Kombination erreichen, die es so noch nicht gibt“. Sie wollen über die Musik eine Verbindung untereinander schaffen, ergänzt Elisabeth Zistler.

Und Hannes Stock ist überzeugt: „Man braucht nicht viel, um sich zu verstehen“. Dabei stellt die verbale Kommunikation überhaupt kein Problem dar für die jungen Männer aus Afghanistan. Sie haben in kurzer Zeit, die deutsche Sprache nicht nur gelernt, sondern sie können sich ausdrücken, ihre Gefühle formulieren, Fragen hinterfragen. Abdul Wahid Sultani überrascht zudem mit Redewendungen wie „da verstehe ich nur Bahnhof ...“, und er lacht dabei. Das Lachen haben die drei trotz allem nicht verlernt.

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