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Natur

Nationalpark zeigt: „Auftrag erfüllt“

Nach 25 Jahren wächst ein „Sekundärurwald“ auf der alten Nationalparkfläche beim Lusen – eine „kleine Sensation“.
Von Alois Dachs

Journalisten aus Bayern und der Tschechischen Republik überzeugten sich vom enormen Wachstumspotenzial im Nationalpark.
Journalisten aus Bayern und der Tschechischen Republik überzeugten sich vom enormen Wachstumspotenzial im Nationalpark. Foto: Dachs

Cham.Zu einer länderübergreifenden Pressekonferenz hatten die Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava in die Region zwischen Finsterau und Bucina, rund um die Reschbachklause, eingeladen. Dabei ging es vor allem um Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung der Naturentwicklung während der vergangenen 20 Jahre in beiden Nationalparks. Und hier konnten die Nationalparkleiter mit Unterstützung der Wissenschaftler zwei kleine Sensationen verkünden: Auf den abgestorbenen Waldflächen wird mehr Wasser gespeichert als auf bewaldeten Hängen, und der vor 20 Jahren vom Borkenkäfer scheinbar endgültig „zerstörte“ Wald wächst besser als je zuvor.

Ein Ausblick wie in den kanadischen Rocky Mountains: Bei der Reschbachklause im Nationalpark Bayerischer Wald leuchtet üppiges Grün zwischen Totholzbäumen.
Ein Ausblick wie in den kanadischen Rocky Mountains: Bei der Reschbachklause im Nationalpark Bayerischer Wald leuchtet üppiges Grün zwischen Totholzbäumen. Foto: Dachs

Obwohl die Entwicklung auf beiden Seiten der Grenze durchaus Unterschiede zeigt, weil im bayerischen Nationalparkgebiet bereits in den 90er Jahren der Fichtenbestand großflächig vom Borkenkäfer heimgesucht und vernichtet wurde, während auf tschechischer Seite das größte Borkenkäferproblem im Gefolge der Sturmkatastrophe „Kyrill“ auftrat, sind sich die Wissenschaftler auf Grund ihrer zwei Jahrzehnte andauernden Studien einig: Totgesagte Wälder werden vitaler denn je!

Verjüngung läuft ohne Probleme

Die Moldauquellen sind momentan ausgetrocknet, konstatieren die Nationalparkleiter Pavel Hubený (rechts) und Dr. Franz Leibl.
Die Moldauquellen sind momentan ausgetrocknet, konstatieren die Nationalparkleiter Pavel Hubený (rechts) und Dr. Franz Leibl. Foto: Dachs

Das renommierte Journal of applied Ecology berichtete, ebenso wie einige andere Fachmagazine, über die wissenschaftlich fundierte Entwicklungsstudie in den Nationalparks, die deutlich beweist, dass sich der Bergwald auch nach einem massiven Befall mit Borkenkäfern selbst verjüngen kann. Im Untersuchungsgebiet zwischen Rachel, Lusen und Schwarzem Berg, wo es noch nach 2007 zu Käferzerstörungen kam, haben Fichten die Pionierbaumarten Birke und Vogelbeere binnen drei Jahren überwachsen.

Von 2290 bis 4890 Fichten pro Hektar stellten die Wissenschaftler fest, wie der stellvertretende Leiter des Nationalparks Šumava, Martin Starý, als Mitverfasser der Studie erläuterte. Solitäre Altbäume stünden hier vereinzelt zwischen den Jungbäumen, die in einem harten Konkurrenzkampf liegen und sich zu einem gut strukturierten Wald entwickeln werden, ist Starý überzeugt, denn nicht einmal bei einer Pflanzung im Wirtschaftswald würden so viele Bäume in den Boden gesetzt.

Fakten und Daten

  • Ergebnisse

    Die Ergebnisse der seit zwei Jahrzehnten laufenden wissenschaftlichen Begleitung der Naturentwicklung in den Nationalparks lieferten die Leiter der Flächen und Wissenschaftler von beiden Seiten der Grenze.

  • Šumava

    Für den Nationalpark Šumava berichtete dessen Leiter Pavel Hubený über zahlreiche Untersuchungen zu den hydrologischen Entwicklungen im Nationalparkgebiet und zur Verjüngung des vom Borkenkäfer vernichteten Waldes.

  • Sekundärer Urwald

    Den Nationalpark Bayerischer Wald repräsentierte dessen Leiter Dr. Franz Leibl, der an der Waldverjüngung entlang der Grenze deutlich aufzeigen konnte, dass der natürlich aufwachsende Wald gegenüber den in den 80er Jahren gepflanzten Fichten viele Vorteile hat und klare Anzeichen eines „sekundären Urwaldes“ aufweist.

  • Holztechnologie

    Von der Fakultät für Forst- und Holztechnologie der Tschechischen Landwirtschaftsuniversität aus Prag waren Radek Bace und Vojtech Cada an der Pressekonferenz beteiligt.

  • Tote Fichten

    Als Hydrologe der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald zeigte Burghard Beudert auf, dass „tote Fichten nicht mehr trinken“. Wo die Baumstämme zusammengebrochen sind, habe sich der Grundwasserstand gegenüber früher verbessert, bestätigte auch seine Kollegin Lenka Bartošová, Hydrologin der Mendel-Universität aus Brno.

  • Probeflächen

    Für die Naturschutzabteilung der Nationalparkverwaltung Šumava in Vimperk erläuterte deren Leiter Martin Starý detailliert, dass innerhalb von 15 Jahren mehr als 90 Prozent der Probeflächen in Tschechien vor allem wieder mit Fichten bewachsen sind. (kad)

Nationalpark-Leiter Dr. Franz Leibl: „Der nachwachsende, junge Wald zeigt bereits jetzt typische Anzeichen eines Sekundär-Urwaldes“.
Nationalpark-Leiter Dr. Franz Leibl: „Der nachwachsende, junge Wald zeigt bereits jetzt typische Anzeichen eines Sekundär-Urwaldes“. Foto: Dachs

Dr. Franz Leibl machte als Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald auf eine weitere Besonderheit aufmerksam: Durch den hohen Totholzanteil auf den Verjüngungsflächen entstehe nicht nur ein Wald mit unterschiedlichen Altersschichten, der durchaus auch Lücken aufweisen dürfe. Untersuchungen hätten gezeigt, dass typische Urwaldbewohner, wie der Goldfüßige Schnellkäfer oder der zitronengelbe Trametenpilz, hier auf 1200 Metern Höhe vorkommen. Hier wachse ein gesünderer und besser strukturierter Wald, als in gepflanzten Wirtschaftswäldern, ist Dr. Leibl überzeugt und stellte zur Aufgabenstellung im Nationalpark fest: „Auftrag erfüllt!“

Positiv für Wasserhaushalt

Hydrologe Burghard Beudert erläutert, warum der Nationalpark ohne gesunde Bäume mehr Wasser speichert, als mit einer geschlossenen Bewaldung.
Hydrologe Burghard Beudert erläutert, warum der Nationalpark ohne gesunde Bäume mehr Wasser speichert, als mit einer geschlossenen Bewaldung. Foto: Dachs

Die hohe Wasserqualität im Nationalpark habe sich auch nach dem Borkenkäferbefall erhalten, erläuterte Burkhard Beudert als Hydrologe. Zudem habe sich nach dem Absterben der Bäume entgegen allen Befürchtungen von Laien die Wassermenge im Parkgebiet um zehn bis 20 Prozent gesteigert. Ein Grund dafür sei, dass eine Fichte pro Quadratmeter 600 Liter Wasser verbraucht, wovon sie 300 Liter über die Wurzeln dem Boden entziehe. Wenn der Baum „nicht mehr trinkt“, sei das gut für die Wasserzufuhr im Boden und auch der Nitratgehalt habe sich nicht verschlechtert. Es könne sogar sein, dass der Grundwasserstand im Nationalparkgebiet wieder abnimmt, wenn alle Flächen mit Jungwald bewachsen sind, so Burghard Beudert.

Auf tschechischer Seite wurden rund 600 Hektar Moor renaturiert, informierte Nationalparkleiter Pavel Hubený, weitere große Moorflächen würden ähnlich behandelt, wobei über Rückstau das Wasser im Boden gehalten werde. Lenka Bartošová, Hydrologin der Mendel-Universität in Brno (Brünn), wies darauf hin, dass die extreme Trockenheit im August in vielen Gegenden Tschechiens das Wasser knapp werden ließ, während im Nationalpark kein Rückgang des Grundwassers festzustellen war.

Tschechische Schüler besuchen beim Wandertag mit dem Mountain-Bike die Moldauquellen, die ein bekannter Rastpunkt im gut erschlossenen Nationalpark Šumava, auf dem Weg von Modrava nach Bucina, ist.
Tschechische Schüler besuchen beim Wandertag mit dem Mountain-Bike die Moldauquellen, die ein bekannter Rastpunkt im gut erschlossenen Nationalpark Šumava, auf dem Weg von Modrava nach Bucina, ist. Foto: Dachs

In einer Zwischenbilanz nach 20 Jahren Nationalpark setzte sich die Erkenntnis durch, dass vom Menschen als Katastrophen erfundene Ereignisse, wie Borkenkäferkalamitäten oder Waldbrände in den USA, eher positive Einflüsse auf die natürliche Entwicklung des Waldes und seinen Wasserhaushalt haben.

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