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Reaktionen

Sechziger-Fans distanzieren sich

Nach einem Vortrag in Cham bekräftigen der TSV 1860 und ein kritisierter Fanclub, mit Neonazis nichts zu tun haben zu wollen.
Von Christoph Klöckner

Der TSV 1860 München hatte sich bis Mittwochnachmittag zwar telefonisch über seine Fanvertreter von Rechtsextremen distanziert, eine Stellungnahme zu bekommen, war aber bislang nicht möglich.
Der TSV 1860 München hatte sich bis Mittwochnachmittag zwar telefonisch über seine Fanvertreter von Rechtsextremen distanziert, eine Stellungnahme zu bekommen, war aber bislang nicht möglich. Foto: dpa

Cham.Der Vortrag von Jan Nowak, Rechtsextremismus-Experte beim Bayerischen Jugendring, zeigt Wirkung. Vor allem der Hinweis auf die Unterwanderung eines Fanclubs von 1860 aus dem Landkreis hat zu Reaktionen geführt. Durchweg betonen die Verantwortlichen – ob der Fanclub selbst, die Regionalleitung der hiesigen Fanclubs oder der Verein, dass man mit den Extremisten nichts zu tun haben wolle. Nowak hatte kürzlich bei einer Veranstaltung der Linkspartei in Cham referiert.

Der Chamer Fanvorsitzende der Region 12 des TSV 1860 München, der 24 Fanclubs mit 2500 Sechzigern aus dem Bayerwald vertritt und namentlich nicht in der Zeitung stehen will, sagt, er wisse nicht speziell von dem geschilderten Fall. Er sei aber schockiert und distanziere sich von solchen „Chaoten“. Im Verein kämpfe man seit Jahren gegen Rechtsextreme und habe etwa mit der Initiative „Löwenfans gegen Rechts“ schon einige Auszeichnungen bekommen. „Ich fahre viel auswärts, aber dass da Rechtsextreme bei sind, ist mir noch nie aufgefallen!“, sagt er.

Wobei es natürlich schwer sei, diese auszusortieren. Ihm seien vor allem der Fußball und die Liebe zum Verein wichtig – ansonsten wolle er seine Ruhe. Er habe aber auch von einem eingefleischten Bayernfan gehört, dass dort ähnliche Probleme vorhanden seien und Rechte sich dazugesellen.

Rufschädigung für den Club?

Der Vorsitzende des betroffenen Fanclubs aus dem Landkreis Cham sieht seine Gruppe zu unrecht mit den Neonazis des III. Wegs in Verbindung gebracht. „Ich kann Ihnen als Vorstand der Löwenfreunde versichern, dass unser Fanclub mit Sicherheit keinen Bezug zu Organisationen wie dem III. Weg hat“, schreibt er in einer Stellungnahme.

Er sei aber an einer Aufklärung interessiert und bitte um Fotos, um den Vorwürfen nachzugehen. In seinem „angesehenen Fanclub“ befänden sich über 25 Kinder mit Familien, die in sozialen Einrichtungen involviert seien. Man unternehme mit Kindern und Jugendlichen Fahrten zum Herzverein, dem TSV 1860 München, veranstalte Fußballturniere mit zahlreichen Jugendmannschaften.

„Keine Plattform für Rechte“

Im Fanclub seien über 25 Dauerkartenbesitzer engagiert für den TSV 1860, darunter fünf Jugenddauerkarten. Er sehe hier eine Rufschädigung des Clubs durch den Referenten. „Sollten sich Personen unseres Vereins auf derartigen Kundgebungen aufhalten, so bitte ich um Ihre Mithilfe, mir diese Personen zu nennen. Unser Fanclub ist mit Sicherheit keine Plattform für rechte Gewalt und wir distanzieren uns von politischen Angelegenheiten“, so der Vorsitzende weiter. Er werde mit Sicherheit Mittel und Wege einleiten, um den Sachverhalt schnellstmöglich aufzuklären.

„Unser Fanclub ist mit Sicherheit keine Plattform für rechte Gewalt und wir distanzieren uns von politischen Angelegenheiten.“

Der Vorsitzende des Fanclubs

Dass der Fanclub-Vorsitzende in seiner Stellungnahme so tue, als sei der Vorwurf neu, überrascht Jan Nowak, den Referenten. Es werde der Eindruck erweckt, als würde der Verantwortliche zum ersten Mal von der Problematik hören und wüsste über die Hintergründe nicht Bescheid, meint er. „Dies ist nicht der Fall.“ Nach einer vergleichbaren Veranstaltung im Frühjahr im Osten des Landkreises sei der Sachverhalt öffentlich diskutiert worden.

Der Fanclub-Vorsitzende habe sich damals per Leserbrief in einer Zeitung zu Wort gemeldet. „Weiter weiß ich, dass es im Fanclub wohl bekannt ist, um welche Akteure es sich handelt“, bekräftigt Nowak. Doch könne er sich hier aus Datenschutzgründen dazu nicht näher auslassen. Selbst beim Fanbeauftragten des TSV 1860 in München sei der Fall – inklusive der konkreten Akteure – bekannt und aktuell Gegenstand der Auseinandersetzung, ergänzt Nowak.

„Ich weiß, dass es im Fanclub wohl bekannt ist, um welche Akteure es sich handelt.“

Jan Nowak

Der TSV 1860 München hatte sich bis Mittwochnachmittag zwar telefonisch über seine Fanvertreter von Rechtsextremen distanziert, die sich unter die Sechziger-Fans mischen. Eine vom Verein verfasste Stellungnahme zum Thema zu bekommen, war aber auch mehr als eine Woche nach unserer Anfrage nicht möglich.

Neonazis werben gezielt bei Fußballspielen

In Ostbayern und auch im Landkreis Cham sind die aktivsten Gruppen der rechtsextremen Partei Der III. Weg in Bayern zu Hause. Das bestätigte Markus Schäfer, Pressesprecher beim Landesamt für Verfassungsschutz in Bayern, auf Nachfrage unserer Zeitung und untermauerte damit die Angaben von Rechtsextremismus-Experte Jan Nowak, der bei einem Vortrag in Cham ein detailliertes Bild der Neonazis gemalt hatte.

Es gebe sechs Stützpunkte der rechtsextremen Partei in Bayern, der am meisten entwickelte sei der im Bayerischen Wald, sagte Schäfer. Die Angabe von etwa 40 Aktiven sah er zu weit gefasst – der harte Kern seien 20 Neonazis, wobei sicher einige Unterstützer draufzurechnen seien. Zum Teil seien die eigenen Angaben des III. Wegs geschönt – so spreche die Neonazipartei bei der Demo in Deggendorf vom 30. Juli von 20 Teilnehmern des III. Wegs. „Es waren aber nur zwölf da!“, sagte Schäfer. Der III. Weg sei generell anders einzuordnen als das Freie Netz Süd, das keine Partei gewesen sei, sondern ein Neonazi-Netzwerk.

Um mehr „Verbotsfestigkeit“ zu erlangen, habe man sich nun eine Parteistruktur zugelegt. Die halte auch, da junge Parteien in Deutschland dem sogenannten „Welpenprivileg“ unterlägen und eine gewisse Zeit hätten, ihre Ernsthaftigkeit, eine echte Partei zu sein, zu beweisen. Das tut der III. Weg“, sagte Schäfer. Folglich unterliegt die Neonazi-Partei derzeit noch dem Parteienschutz der Demokratie. Eine Partei zu verbieten, sei deutlich schwieriger, betonte Schäfer.

„Verein geht offensiv damit um“

Dass Fußball als Plattform für die Verbreitung von rechtsextremem Gedankengut diene, sei nicht zum ersten Mal der Fall, sagte der Verfassungsschützer. Auch beim TSV 1860 sei dies des öfteren schon vorgekommen. Der Verein gehe heute aber offensiv damit um und arbeite gegen die Unterwanderung etwa durch Stadionverbote, einen anbeauftragten für das Thema und ein Extraprojekt. „Das Phänomen ist nicht neu!“, sagte Schäfer. Es biete sich für Neonazis an, in solch einer emotionalisierten Umgebungen aufzutreten und für sich zu werben.

„Gute Ansatzpunkte“

Bedingt durch das Thema Flüchtlinge hätten die Rechtsextremen derzeit gute Ansatzpunkte für Propaganda. Auch für nicht so offensichtliche – denn der Name „Der III. Weg“ sage erst einmal nicht jedem etwas. Das sei ein klassisches Vorgehen, das sicher Sorgen mache, da es im Breiten Anklang finde. Die NPD habe etwa einmal eine Umfrage zu einem populären Thema gemacht, ohne dass vielen Antwortenden überhaupt klar gewesen sei, dass die Rechtsextremen dahinter steckten. Dadurch habe die NPD „Likes“ in fünfstelliger Höhe bekommen.

„Was wir nicht feststellen, ist, dass der harte Kern signifikant großen Zulauf bekommt“, stellt Schäfer klar. Dass sich dennoch viele in der Bevölkerung ähnlich äußerten wie die Faschisten, mache dem Verfassungsschutz Sorgen. „Wir sehen schon, dass da etwas ausfranst am Rand!“ Das zeige sich auch bei den ermittelten Tätern von Anschlägen auf Asylbewerberheime.

„Was wir nicht feststellen, ist, dass der harte Kern signifikant großen Zulauf bekommt.“

Markus Schäfer

Das seien oft keine Rassisten, sondern Leute aus der Nachbarschaft, „die da zur Tat schreiten“. Schäfer sieht vor Ort durchaus Bedarf, diese schleichende Rechtsorientierung in der Bevölkerung zu bekämpfen: „Man muss vor Ort einen Weg finden, damit umzugehen.“ Es dürfe nicht sein, dass sich die Menschen „im stillen Kämmerlein radikalisieren lassen“.

Ob die Kommunalpolitik Veranstaltungen der Rechten anprangern sollte, um Gegenveranstaltungen möglich zu machen, sei generell nicht zu beantworten. „Da gibt es keine Patentlösung!“ Er empfehle, sich an die Präventionsstelle des Verfassungsschutzes zu wenden, die Kommunen berate. Sicher sei es nicht richtig, gleich alles an die große Glocke zu hängen.

Nichtstun könne aber genauso falsch sein. „Schade ist, wenn sich die demokratischen Parteien darüber zerkriegen“, sagte der Verfassungsschützer. Besser sei es, sich einig zu werden und dann gemeinsam dagegen aufzustehen.

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