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Diskussion

Sechziger-Fans mit brauner Weste

Jan Nowak sprach in Cham über Neonazis in Ostbayern. Speziell im Landkreis tauchen Rechtsextreme auch in Fußballtrikots auf.
Von Christoph Klöckner

Absurdes ins Bein geritzt: ein Foto von einer Demo der rechtsextremen Partei „Der III. Weg“, das Jan Nowak in Ostbayern gemacht hat.
Absurdes ins Bein geritzt: ein Foto von einer Demo der rechtsextremen Partei „Der III. Weg“, das Jan Nowak in Ostbayern gemacht hat. Repro: ck

Cham.Sechziger-Fans haben es eigentlich schon schwer genug, umzingelt vom übermächtigen FCB-Rot und verliebt in einen Verein, bei dem es drunter und drüber geht. Doch jetzt wird das weißblaue Herz auch noch mit braunen Schatten belastet – im Landkreis Cham soll ein Teil eines aktiven Sechziger-Fanclubs deckungsgleich mit Neonazis der Partei „Der III. Weg“ sein.

Und nicht nur das. Die Rechtsextremen sind auch dabei, die Schulen in Bad Kötzting mit Propagandamaterial und Anwerbeoffensiven zu überziehen. Solch beunruhigende Nachrichten gab es am Donnerstag unter anderem von Jan Nowak, Extremismus-Experte, im Randsbergerhof zu hören. Er war auf Einladung des Kreisverbands der Linken, der Grünen Jugend und der Verdi-Jugend gekommen und referierte über Ideologie und Struktur der Neonazi-Partei.

Zwei Neonazis vor der Türe

Auch der III. Weg selbst wollte in Cham hören, was über ihn gesagt wird – und schauen, wer da ist. Zwei einschlägig bekannte Gesichter, junge Frauen, warteten zu Veranstaltungsbeginn rauchend vor der Tür. Doch die Veranstalter wollten keine Extremisten mit im Raum haben – die Rechten mussten draußenbleiben. Auch weil mit den Neonazis, die auf ihren Pamphleten ihre braunen Gedanken mit dem Grün ihrer Parteifarbe abtarnten, nicht zu spaßen sei, wie Nowak erklärte.

Der Kern der hiesigen Rechtsextremisten komme aus dem verbotenen „Freien Netz Süd“, das sich 2008 als radikaler Flügel von der NPD abspaltete. Die Vereinigung vertrete eine offen-aggressive Linie, sehe sich in der Tradition der NS-Zeit und arbeite mit deren Sprüchen und Emblemen. Das Zahnrad etwa sowie Schwert und Hammer gekreuzt seien aus der historischen Nazi-Ecke und vom „Freien Netz Süd“ übernommen.

In Tradition zur Nazi-Zeit

Der III. Weg propagiere einen „nationalen Sozialismus“ mit zentralen Begriffen wie etwa „Volksgemeinschaft“ statt Gesellschaft. Rassismus und ein „völkischer Nationalismus“ bildeten die Ideologie-Basis. Man sehe sich auch in Tradition der Verstorbenen der NS-Zeit. Deshalb seien die „Heldengedenkfeiern“, die mehrfach im Jahr inszeniert würden, besonders wichtig als Legitimation und zur Überhöhung. Der Name selbst solle auf die Alternative zwischen Kommunismus und Kapitalismus verweisen.

Während die NPD heute praktisch bedeutungslos sei, wachse hier eine extreme Rechte, die in der Region durch kontinuierliche Aktionen und Veranstaltungen die etwa 40 Anhänger und Unterstützer bei Laune halte, so Jan Nowak. Dabei gebe es auch in der Region eine Kontinuität der Personen vom „Freien Netz Süd“ zum III. Weg, erläuterte Nowak. Einige Erfolge habe die Organisation in der Fläche durch die Hetze gegen Asylbewerber. Orte, wo Neonazis im Landkreis zu Hause sind und die Nowak nannte, waren Furth im Wald, Bad Kötzting, Cham, Lam oder Schorndorf.

Kämpfer gegen rechts

  • Der Experte

    Was tun gegen Rechtsextreme? Mit dieser Frage beschäftigt sich Jan Nowak, der sich seit Jahren mit dem Thema Rechtsextremismus auseinandersetzt und bereits viel Fachliteratur veröffentlicht hat.

  • Beratung

    Nowak arbeitet für die Regionale Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus im Bayerischen Jugendring. Von solchen Beratungsstellen gibt es vier in Bayern, die ab 2007 eingerichtet wurden.

  • Kontakt

    Die Regionale Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus für Oberfranken und Oberpfalz ist in Weiden erreichbar, Tel. (0961) 9302608; E-Mail: regionalstelle@sjr.de .

  • Arbeit

    Sie soll Bürger und Kommunen beraten, lokale Netzwerke unterstützen und Aufklärungsarbeit gegen Rechtsextremismus leisten. Dazu soll sie Anfragen an die Elternberatung und an die Unterstützung von Opfern rechtsextremer Gewalt (B.U.D.) weiterleiten. (ck)

Es gebe es systematische Aufbauarbeit, erfolgreich laufe sie etwa in Rottal oder bei Passau. Vor allem junge Männer seien dabei, darunter auch gewaltbereite Hooligans und Skins. Jan Nowak zeigte Bilder, auf denen bei Auseinandersetzungen gegen Polizisten in Plauen ein Further Neonazi in erster Reihe mitprügelt. Krawall zu machen, sei eine Strategie der Neonazis. Auch Frauen seien dabei, wie Nowak betonte – wobei der III. Weg auch ein NS-Bild der Frau vertrete. Es gebe keine Gleichberechtigung. Die Frau solle zuerst Mutter sein. „In der deutschen Mutter lebt die Volksseele weiter“, zitierte Nowak aus Parteischriften. Feminismus bedeute den „Volkstod“, so die rechte Sichtweise.

Keine Abgrenzung zum Terror

Treffpunkt im Landkreis sei in Cham eine Gastwirtschaft in der Innenstadt – erkennbar auch an den unzähligen III.-Weg-Aufklebern an den Lampen entlang der Straßen dorthin. Gesucht werde auch die Nähe zu Rocker- und Motorradclubs oder zu rechten Musikbands – dort kämen ältere Neonazis unter, sagte Nowak. Mit dabei seien hier in Ostbayern auch immer wieder Personen, die bei den NSU-Prozessen als Unterstützer der Rechtsterroristen angeklagt seien. Auch andere, bereits ein- oder mehrfach verurteilte Neonazis würden auftreten. Es gebe keine Abgrenzung der Rechtspartei gegenüber dem Terrorismus.

Das „Freie Netz Süd“ habe lange ungestört agieren können, kritisierte Jan Nowak, sei erst 2014 vom Innenminister verboten worden: „Damals war die Vereinigung aber nur noch eine leere Hülle.“ Danach sei die Partei „Der III. Weg“ in Heidelberg gegründet worden, die aber ihre Basis in Bayern habe. Vermutlich um ein Verbot zu erschweren, habe man eine Partei gegründet. Wahlerfolge wolle man nicht erzielen und auch keine Massen an Parteimitgliedern werben, sondern man sehe sich im Kern mehr als exklusiven Kader, während die meisten Anhänger nur als Fördermitglieder seien. Etwas mehr als 300 Anhänger gebe es, vor allem im Süden und im Vogtland wie in Brandenburg.

Referent Jan Nowak
Referent Jan Nowak Foto: ck

Das Zusammengehen von Rassisten und Fußballfans sei eine Variante, die es nicht nur hier, sondern auch anderswo gebe, betonte Nowak. Er hoffe, dass hier eine Sensibilisierung der Sechziger-Fans stattfinde, um sich von den Extremen zu trennen. Ein Mann aus dem Publikum beschrieb, dass derzeit nach seinen Beobachtungen eher das Gegenteil eintrete.

„Verschweigen ist keine Lösung“

Was etwa Politik tun könne, sei aufmerksam zu machen auf Veranstaltungen des III. Wegs, um Gegendemos organisieren zu können, empfahl Jan Nowak. Das Verschweigen von solchen Dingen habe sich nicht als gute Lösung herausgestellt. Vor den etwa 40 Zuhörern empfahl er, solche Angebote wie „Schule ohne Rassismus“ vor Ort zu installieren. Darauf eingehend berichtete ein Zuhörer, er habe dies am Fraunhofer-Gymnasium angeregt, doch habe es wenig Unterstützung von Seiten der Schule gegeben. Ohne Lehrer funktioniere es nicht, bestätigte eine zweite Stimme.

„Mehr Gegenwind nötig“

Es bedürfe hier sicher einer gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung, so Nowak. Aufklärungsarbeit sei nötig, etwa durch Vorträge an Schulen – gerade dann, wenn wie jetzt in Bad Kötzting, eine Propagandaoffensive der Rechten laufe. Ein Zuhörer dachte ein Bündnis an, um gemeinsam gegen Rechts aktiv zu werden. Es brauche mehr Gegenwind für die Rechtsextremen, die eine immer stärkere Akzeptanz in der Bevölkerung vorfänden. Jan Nowak empfahl, sich enger zu vernetzen, um schnell gegen Nazis agieren zu können.

Hier lesen Sie weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham.

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