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Um die Ecke in eine andere Welt

Susanne Bierlmeier aus Cham lebt derzeit in der Kulturhauptstadt 2015 und arbeitet bei dem Projekt „Erleben Pilsen“ mit.
Von Andrea Rieder

  • Susanne Bierlmeier steht an einem Moorsee im Böhmerwald. Seit einem halben Jahr lebt sie in Pilsen. Fotos: Bierlmeier
  • Ein Blick auf Pilsen aus dem Kirchturm von St. Bartholomäus Foto: Steffen

Cham.Susanne Bierlmeier sitzt in der knallgelben Straßenbahn und lauscht dem Rattern der Räder auf den Schienen. Dann ertönt die Klingel, die die Endstation der Linie 4 ankündigt: der Pilsener Stadtteil Bolevec.

Das Klingeln und das Rattern in der Straßenbahn – diese beiden Geräusche wird die 22-jährige Chamerin für immer mit Pilsen verbinden. Auch dann noch, wenn sie längst wieder in ihrem eigentlichen Wohnort Regensburg ist.

Raum für Begegnungen

Jetzt aber steckt Bierlmeier noch mitten drin in ihrem Austauschjahr. Sie arbeitet im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes beim Projekt „Erlebe Pilsen“ des Koordinierungszentrums Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch Tandem mit, das Jugendlichen die Kultur, Sprache und Geschichte der Stadt näherbringen und Raum für deutsch-tschechische Begegnungen schaffen soll.

Der Stadtteil Bolevec mit seinen vielen ehemaligen Fischteichen, wo Stadt und Natur aufeinanderprallen, ist einer ihrer Lieblingsorte in der Kulturhauptstadt. An freien Nachmittagen oder an den Abenden macht sie sich gerne auf den Weg dorthin – oder zu einem ihrer vielen anderen Lieblingsorte in Pilsen.

In den vergangenen sechs Monaten hat Susanne Bierlmeier die tschechische Stadt kennen und richtig lieben gelernt. Von dieser Liebe kann sie durch ihre Arbeit bei „Erlebe Pilsen“ Jugendlichen etwas weitergeben. Denn Susanne Bierlmeier hilft bei der Konzeption von Stadtführungen speziell für deutsch-tschechische Jugendgruppen – weg von der üblichen Führung, hin zu einem spielerischen Erkunden der Stadt. Bierlmeier führt manchmal auch selbst Gruppen durch die Stadt mit den prächtigen Häusern aus der Renaissance, dem Jugendstil und dem Barock. Kürzlich war eine Schülergruppe aus Straubing da, davor eine Theatergruppe aus Dresden.

In Regensburg hat die 22-Jährige nach ihrem Abitur am Joseph-von-Frauenhofer-Gymnaisum in Cham etwas Ähnliches gemacht. Neben ihrem eigentlichen Beruf als Buchhändlerin hat sie nebenbei bei der Stadtmaus im Schauspielerteam gearbeitet.

Jetzt führt sie deutsche Jugendgruppen durch die Kulturhauptstadt und bringt sie dabei spielerisch mit der tschechischen Sprache in Kontakt. „Wie geht es dir – Jak se máš?“

Wegen der Sprache in Pilsen

Susanne Bierlmeier hat erst angefangen, Tschechisch zu lernen, als sie nach Pilsen gekommen ist. Die Sprache war überhaupt der Grund, warum sie sich für dieses Austauschjahr beworben hat. Sie fand es schade, dass so viele Menschen aus Tschechien Deutsch sprechen können. Umgekehrt aber nur so wenige Deutsche Tschechisch. Durch Zufall hat sie von dem Projekt erfahren. Im September ging es dann auf nach Pilsen.

Eine Reise in die weite Welt war das nicht. Nicht einmal 100 Kilometer ist Pilsen von Cham entfernt – näher dran an ihrer Heimat als mancher Studienort in Deutschland. „Trotzdem bin ich in einer anderen Kultur“, sagt Bierlmeier. Nicht so anders wie in Indien oder China – aber gerade deshalb konnte sie ein Gespür für die feinen Unterschiede entwickeln. Etwa, dass in Pilsen Menschen in der Straßenbahn ganz selbstverständlich Platz für ältere Menschen machen. Oder, dass sich alle freuen, wenn sie nur ein bisschen Tschechisch spricht. „In Deutschland verlieren die Menschen eher die Geduld, wenn jemand schlecht Deutsch spricht“, sagt sie.

Einmal Pilsen und nie mehr zurück?

Sechs Monate in Pilsen liegen noch vor ihr. In dieser Zeit will sie das Projekt weiter voranbringen, eigene Ideen verwirklichen. Und dann? Eigentlich wäre die Rückkehr nach Regensburg geplant. Sicher ist der Abschied von der Kulturhauptstadt aber noch nicht. „Hierbleiben ist eine Option“, sagt Bierlmeier.

Bierlmeiers Lieblingsorte

  • Die Straßenbahn

    Wenn es auch nicht alle ihrer Pilsener Freunde verstehen können, Susanne Bierlmeier fährt gerne mit der Straßenbahn durch die Kulturhauptstadt. Dort erlebt sie viele Kuriositäten. Erst vorletzte Woche hat sie einen Mann getroffen, der sich in der Bahn ganz selbstverständlich noch schnell rasiert hat.

  • Das Engelchen bei der St.-Bartholomäus-Kathedrale

    Auf der Rückseite der Kathedrale gibt es ein Gitter mit kleinen Engelchen. Einer davon soll Glück bringen. Susanne Bierlmeier setzt sich dort gerne auf eine Bank und beobachtet die Pilsener wie sie im Vorbeigehen über den kleinen Engelskopf streicheln – manchmal sogar im Vorbeifahren vom Rad aus.

  • Die Teiche im Stadtteil Bolevec

    Hier prallen Natur und Stadt aufeinander. Mönche haben die Teiche im 15. Jahrhundert als Fischteiche angelegt. Susanne Bierlmeier mag die Stimmung dort, die Ruhe.

  • Das DEPO

    Aus dem alten Straßenbahn- und Busdepot wurde ein Raum für Kulturveranstaltungen geschaffen.

  • Die Václav-Havel-Bank

    Ein befreundeter Künstler des verstorbenen Schriftstellers und Präsidenten Václav Havel stellt die Bänke mit einem Baum in der Mitte auf der ganzen Welt auf. Bank und Baum wachsen irgendwann zu einem Ganzen zusammen. Die Bänke sollen ein Ort der Begegnung sein.

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