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Vom Fall des Samurais aus Böhmen

Der Chamer Schriftsteller Bernhard Setzwein widmet sich einer Adelsfamilie und ihrem außergewöhnlichen Schicksal.
Von Harald Raab, MZ

Der in Cham lebende Schriftsteller Bernhard Setzwein hat sich der Familiensaga der Coudenhove-Kalergi in der österreichisch-ungarischen Monarchie angenommen: Herausgekommen ist ein süffiges Buch.
Der in Cham lebende Schriftsteller Bernhard Setzwein hat sich der Familiensaga der Coudenhove-Kalergi in der österreichisch-ungarischen Monarchie angenommen: Herausgekommen ist ein süffiges Buch. Foto: Pöhnl

Cham. Was für eine Familiengeschichte. Sie gibt Stoff her für eine literarische Auseinandersetzung vom Format eines Joseph Roth in seinem Roman „Die Kapuzinergruft“ und von der Erinnerungsmagie eines Stefan Zweig in „Die Welt von gestern“. Die gräfliche Familie der Coudenhove-Kalergi mit ihrem Stammsitz im Böhmerwald, ist ein Musterbeispiel für den europäisch-austriakischen Adel, der in der Provinz die wirtschaftliche Basis hatte, aber kosmopolitisch dachte, handelte und polyglott parlierte. „Das Wesen Österreichs ist nicht Zentrum, sondern Peripherie“, hat Joseph Roth einmal festgestellt.

In Zeiten der nationalen Besäufnisse war diese morbide k.-und-k.-Welt zum Untergang verurteilt – natürlich auch durch eigenes Verschulden. Man war im Grunde reformunfähig. Insofern muss man diesem blasiert näselnden Kakanien keine Träne nachweinen. Nun hat sich endlich einer der Familiensaga der Coudenhove-Kalergi in der untergegangenen österreichisch-ungarischen Monarchie und danach literarisch angenommen: der in Cham lebende Schriftsteller Bernhard Setzwein. Er hat hinlänglich unter Beweis gestellt, dass er vielschichtige Romanstoffe bewältigen kann.

Bei dem soeben im Haymon Verlag erschienenen Roman „Der böhmische Samurai“ hat er nicht – was ja naheliegend wäre – auf Stil und Erzählform großer Vorbilder in diesem Sujet zurückgegriffen, nicht auf Joseph Roth, Stefan Zweig, aber auch nicht auf Heimito von Doderer und schon gar nicht auf Robert Musil. Ihre Kunst war eine Sphäre der Melancholie, der Vergänglichkeit in sachlicher Schilderung entstehen zu lassen. Sie sind allesamt einer genauen Beobachtung und einer exakten Schilderung verpflichtet.

Setzwein erzählt das Schicksal der Coudenhove-Kalergi zwar auch detailreich-anschaulich, aberstark kolportagehaft, mit einer forcierten Sprache, die sich in einigen gesuchten Wörtern und Wendungen sichtlich um Milieunähe bemüht, die erforderliche Erzählatmosphäre aber stört.

Vom Untergang im Brennglas

Trotzdem, das 470 Seiten umfassende Buch liest sich süffig. Denn über diese Familie, in Sonderheit über den Protagonisten adelig verschrobenen Selbstbewusstseins, den Grafen Johannes Evangelist Virgilio (1893-1965), gibt es reichlich biografisches Material. Der Autor hatte die Aufgabe, die gesicherten, oft genug abenteuerlichen, nicht selten auch tragischen, aber auch skurrilen Fakten und Daten mit einem fiktiven roten Faden erzählerisch zusammenzuführen. Das ist ihm auch sehr plastisch gelungen.

Wie in einem Tagebuch datiert Setzwein die Erzählstränge vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Das Schloss Ronsperg an der böhmisch-bayerischen Grenze, Wien, Budapest, Prag, Berlin und das Internierungslager Chrastavice bei Taus sowie Regensburg sind die Aktionsfelder des Grafen Hansi und seiner weitverzweigten Sippe.

Wie in einem Brennglas fokussiert sich in dem Schicksal der Coudenhove-Kalergi die letzte Blütezeit, der Niedergang und der endgültige Untergang des österreichischen, speziell des böhmischen Adels. Graf Heinrich (1856-1906), der Vater des Grafen Johannes, diente wie so manche brabantischen Vorfahren dem Hause Habsburg. Heinrich brachte es bis zum k.-und-k.-Gesandten am Kaiserhof in Japan. Er verliebte sich in Mitsuko, ein 18-jähriges Mädchen aus einer alten Samurai-Dynastie. Mit Erlaubnis des Tennos wurde geheiratet. Die Söhne Hansi und Richard wurden in Japan geboren.

Der mit den Nazis spielte

1896 musste Heinrich die Verwaltung des umfangreichen Familienbesitzes übernehmen. Sein Vater war gestorben. Die zierlich-attraktive Gräfin Mitsuko und ihre Kinder waren nicht nur in Böhmen, sondern auch in Wien bestaunte Exoten. Die Familie vergrößerte sich um noch zwei Söhne und drei Töchter. Der Hausherr widmete sich dem Studium des Buddhismus und schrieb ein Buch über den Antisemitismus. Er starb 1906 unerwartet.

Für ihren Sohn Johannes verwaltete Mitsuko das Erbe, das nur dem Erstgeborenen zustand. Aus Patriotismus zeichnete sie im Ersten Weltkrieg Kriegsanleihen und verlor ihr gesamtes Geldvermögen. Es blieb aber noch ein stattlicher Grundbesitz übrig, der allen ein standesgemäßes Leben ermöglichte.

Im traditionsreichen Wiener Theresianum erhielten Johannes und sein Bruder Richard ihre Schulische Bildung. In Wien lernten sie auch ihre späteren Ehefrauen kennen, beide aus wohlhabenden jüdischen Familien. Johannes verliebte sich in Österreichs erste Frau, die einen Pilotenschein erworben hat: Lilly Steinschneider.

Ein exzentrischer Mann mit vielen Affären und eine kapriziöse Frau: Die Ehe des Paares auf Schloss Ronsperg konnte nicht gutgehen. Bruder Richard (1894-1972), der spätere Gründer der Paneuropa-Bewegung, ging mit seiner Frau ins Exil, als die Nazis auch in Österreich an die Macht kamen.

Der Autor Bernhard Setzwein

  • Buch

    Am 7. März erscheint Bernhard Setzweins neuer Roman, „Der böhmische Samurai“. Der Innsbrucker Haymon Verlag bezeichnet das das Buch als einen seiner Spitzentitel im Frühjahrsprogramm.

  • Vorstellung

    Nach Erscheinen ist eine Reihe von Lesungen und Buchvorstellungen geplant, zunächst im Scharfrichterhaus Passau, dann bei der Leipziger Buchmesse. Die Präsentation in der Region soll am 15. Juli in Ronsperg erfolgen.

  • Inhalt

    Rund fünf Jahre hat Bernhard Setzwein recherchiert und geschrieben. Authentisch erzählt er die Geschichte der deutsch-böhmischen Adelsfamilie Coudenhove-Kalergi.

  • Verbindung

    Nicht nur, weil Johann Graf von Coudenhove-Kalergi eine schillernde Persönlichkeit war, hat sich Bernhard Setzwein jenes „Hansi“ als Türöffner für seinen Roman bemächtigt. Auch die Nähe zu Ronsperg hat eine willkommene Rolle gespielt.

  • Werk

    Rund 25 Bücher hat der 56-Jährige schon verfasst, hinzu kommen eine Vielzahl Essays, Hörfunkbeiträge, Hörbücher und auch Theaterstücke.

  • Cover

    Zum Waldmünchener Fotograf Hans Beer pflegt Setzwein eine lange Freundschaft. Beer hat historische Bilder, Aufnahmen von der Familie und Ronsperg (tschechisch Pobežovice) dem Autoren überlassen. Beers Fotografie eines Werks des Künstlers Alfred Offner hat es auf das Cover geschafft.

Johannes, der sich als ständige Begleiterin eine ägyptische Mumie zugelegt hatte und in dieser sinisteren Zweisamkeit auch in vornehmen Hotels abstieg, ließ sich auf die NS-Machthaber ein. Er feierte mit ihnen im Berliner Kaiserhof rauschende Feste, aber nicht ohne sie dabei auch bloßzustellen. So lud er 1942 zu einer Abendgesellschaft ein. Im Saal war ein Tisch mit teuren Geschenken wie Nylonstrümpfe und französischen Parfüms aufgebaut. Auf Anweisung des Gastgebers wurde für zehn Minuten das Licht gelöscht. Im Schutz der Dunkelheit war der Gabentisch im Nu geplündert.

Seine Spiele mit den Nationalsozialisten sollten den Grafen 1945 zum Verhängnis werden. Er wurde von den neuen Herren in der wiedererstandenen Tschechoslowakei in das berüchtigte Lager Chrastavice gesteckt. Es machte dem Wachpersonal besonderen Spaß, ihren vornehmen Häftling zu quälen. Autor Setzwein schildert in mehreren, über das ganze Buch verteilten Begebenheiten dieser Demütigungen. So musste der Graf mit einer Kaffeetasse die Latrinengrube leeren. Beim Überlebenskampf kam ihm zugute, was Joseph Roth die hervorstechendste Eigenschaft des österreichischen Adels nannte: „Gleichmut“.

Adel verpflichtet – auch bei Taxis

Aus dem Pilsner Gefängnis Bory entfloh Graf Johannes und setzte sich mit einem gefälschten ägyptischen Pass über die Grenze nach Bayern ab. Im Taxis-Schloss in Regensburg fand er Unterschlupf. Adel verpflichtet – auch zur Hilfsbereitschaft. Später zog der verarmte Graf in eine Dachkammer im Hotel Maximilian um. Alte Regensburger können noch Geschichten über den wohlbeleibten Grafen und sein Talent zu schnorren erzählen. Er blickte alle nur durch ein Stielmonokel an. Der Graf hatte auch noch eine Schauspielerin des Stadttheaters geheiratet.

Der letzte Akt spielt nach dem Tod des exzentrischen Adeligen. Der renommierte Merlin Verlag stellte eines der seltsamsten Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur bei der Buchmesse 1967 in Frankfurt vor. Der Titel: „Ich fraß die weiße Chinesin – Ein Menschenfresser-Roman“. Der Autor des erstaunlich gut geschriebenen Buches, eines sinister-romantischen Liebesromans, bei der sich ein Paar im wahren Sinn des Wortes zum Fressen gern hat, wurde als „Duca di Centigloria“ angegeben. Und der war kein anderer als Johannes Evangelist Virgilio Graf Coudenhove-Kalergi.

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