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Weiße Fahnen wehen über Cham

Am 23. April 1945 marschieren die Amerikaner in Cham ein. Doch der Stadt steht noch eine schwere Zeit bevor.
Von Zoubeida Ben Salah, MZ

  • Der Rangierbahnhof in Cham wurde durch die Bombardierung vom 18. April 1945 schwerwiegend beschädigt. Diese Luftaufnahme zeigt das ausgebombte Gelände. Foto: MZ-Archiv
  • In der Nähe von Cham befand sich das Lager einer ungarischen Einheit.

Cham.Zum letzten Mal wird die Bevölkerung dazu aufgefordert, die Waffen niederzulegen. Statt todbringender Bomben werfen die Alliierten Flugblätter über die Stadt: „Du stehst keinen Barbaren gegenüber, die am Töten etwa Vergnügen finden, sondern Soldaten, die dein Leben schonen wollen.“ Nur notorische NS-Fanatiker und selbsternannte „Retter des Vaterlandes“ halten das Kapitulationsangebot noch für Feindpropaganda und sind weiterhin bereit, im Volkssturm dem Feind die Stirn zu bieten. Während am Kirchturm schon die weiße Fahne weht, stellt sich ein SS-Mann in der Ludwigsstraße in Cham mit einem Gewehr den Panzern der Amerikaner entgegen.

Krachen, Beben und Feuer rundum

Industriell wie militärisch bedeutungslos, galt die Stadt am Regenbogen nicht als eigentliches militärisches Ziel, vielmehr als Durchmarschgebiet. Dennoch fühlten sich die Einwohner von Cham durch die deutsche Truppen- und Waffenkonzentration zusehends bedroht. Zu Recht. Am 16. April hatten die amerikanischen Aufklärungsflugzeuge die Stationierung der Panzerfahrzeuge des 6. SS-Artillerieregiments bemerkt. Für die Bevölkerung stand endgültig fest: Ihre Stadt würde demnächst bombardiert.

„In der Nacht um 3.35 Uhr wecken die Sirenen jeden auf“, notierte Jaques Delarce, ein französischer Kriegsgefangener im Sägewerk Gebhardt, in seinem Tagebuch über die Chamer Zeit. Zusammengekauert mit Zivilisten und Häftlingen bangte auch er in der Nacht zum 18. April um sein Leben. Für die Menschen im Luftschutzkeller vergingen endlose 19 Minuten, während der Nachthimmel im Hagel feindlicher Bomben aufleuchtete.

Im Zuge des nächtlichen Bombardements hatten mehr als 60 schwere Bomber vom Typ Avro „Lancaster“ verheerende Dienste geleistet. Die Bahnanlage – Hauptziel bei der Zerstörung der Infrastruktur – wurde dem Erdboden gleichgemacht. Ein Großteil der Bomben landete jedoch auf den Lobinger- und Michelsdorfer Wiesen, die danach einer Kraterlandschaft glichen. Die Stadt blieb weitgehend verschont. Laut der Legende vom „Böhmischen Wind“ habe ein starker Ostwind die Fallschirme mit Leuchtmunition, die für die Flugzeugbesatzung die Ziele markierten, nach Westen gelenkt. „Das Ziel war aber nicht die Stadt, sondern von vornherein der Bahnhof“, erklärt der Chamer Stadtarchivar Timo Bullemer. Seinen im Jahr 2000 begonnenen Nachforschungen zufolge notierten die Briten einen „erfolgreichen Angriff“.

Befreiung oder berechtigte Rache?

Der Angriff der britischen Bomberflotte hinterließ 38 Tote, viele Verletzte und die schlummernde Gefahr unzähliger Zeitzünderbomben. Um diese zu entschärfen, mussten ein deutscher Soldat der Strafkompanie und ein russischer Kriegsgefangener ihr Leben riskieren. Ihr Lohn: eine Extraration an Alkohol und Zigaretten.

Trotz düsterer Stimmung ließ Volkssturmführer Gebhardt nicht locker. Über Totenbergung und Verwundetenpflege hinwegsehend, forderte er die Bevölkerung dazu auf, letzte Kräfte aufzubieten und weiterzukämpfen. So wurden in der Stadt Cham, die unter Schutt und Asche bereits erstickte, Schützengräben ausgebaut.

Am 23. April war es endlich vorbei. Während sich die Häftlinge aus dem Konzentrationslager Flossenbürg bei ständigem Regen in Todesmärschen dahinschleppten, wurde am Kirchturm in Cham die weiße Flagge gehisst. Um 14 Uhr erreichten die Tanks der 11. US-Panzerdivision die Stadt und bauten sich vor dem Rathaus auf. Als der kommissarische Bürgermeister Hans Rappert schließlich die Übergabe der Stadt erklärte, ging auch in Cham der Zweite Weltkrieg zu Ende. Damit musste sich auch Gauleiter Ludwig Ruckdeschel abfinden, der für denselben Abend eine Kundgebung im Greßsaal angekündigt hatte.

Die von manchen Bewohnern sehnsüchtig erwarteten „Befreier“ zeigten sich „doch nicht ganz so human“. Im Zuge des Vormarsches gelang es den Alliierten, einen Teil der Flossenbürg-Häftlinge zu befreien, die es trotz unsäglicher Strapazen bis nach Stamsried, nordwestlich von Cham, geschafft hatten. Als man zudem ein Kriegsgefangenenlager entdeckte, in dem auch amerikanische Soldaten unter qualvollen Bedingungen litten, wurde die Wut zur Rachlust. Mehrere Übergriffe sind den Amerikanern zuzuschreiben: Frauen wurden vergewaltigt, die Schmidtbank wurde überfallen und obendrein wurde die Stadt drei Tage lang zur Plünderung freigegeben.

In Janahof errichteten die US-Soldaten ein Kriegsgefangenenlager, in dem 20 000 Mann saßen. Krankheiten verbreiteten sich und die Hungersnot war enorm. Mit Bleistift beschriebene Zettel wurden von den Soldaten über die Drahtzäune geworfen, um Essensspenden zu erbetteln. Auch die Kirchen appellierten zur Mithilfe.

Wer der wahre Held war, der die Stadt dennoch vor einer Katastrophe rettete, steht bis heute nicht fest. Zunächst galt Rappert dieser Anspruch. Denn er war es, der die bedingungslose Kapitulation der Stadt verkündete. Der noch am selben Tag neu eingesetzte Bürgermeister Ernst Stockinger sah den Erhalt der Heimatstadt jedoch als seinen Verdienst an. Seinem Bericht zufolge hat er Rappert erst dazu überredet, die Stadt kampflos zu übergeben.

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