MyMz
Anzeige

Wirtschaft

Wenn Milch zum „Brandbeschleuniger“ wird

Es brennt auf dem Milchmarkt im Landkreis Cham – und die steigende Menge „weißen Goldes“ löscht die Hoffnung auf Besserung.
Von Christoph Klöckner

Mit dem Preis gehen die Landwirte baden: Mitte April während der Agrarministerkonferenz der Länder demonstrierten Bauern des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter gegen den Preisverfall bei der Milch.
Mit dem Preis gehen die Landwirte baden: Mitte April während der Agrarministerkonferenz der Länder demonstrierten Bauern des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter gegen den Preisverfall bei der Milch. Foto: dpa

Cham.Die Lage ist fatal und ähnelt der auf dem Ölmarkt. Je mehr Rohstoff geliefert wird, desto rasanter fällt der Preis. Und ein Ende ist für viele Experten noch nicht in Sicht. Auch Andreas Kraus, Geschäftsführer der Goldsteig Käsereien, sieht noch kein Licht am Horizont. Im Gegenteil – der Wegfall der Quote wirke sich mittlerweile aus, sagt Kraus. Das heißt, deutlich mehr Milch wird angeliefert. „Und diese Milch wirkt auf den fallenden Preis wie Brandbeschleuniger“, beschreibt Kraus die Situation.

Wie viele andere Molkereien habe auch die Goldsteig mittlerweile in einem Schreiben an die Landwirte appelliert, sich bei der Mehrproduktion zu zügeln, um den Preisverfall zu bremsen. Und darin klar gemacht, dass dieser Weg aufgrund der Preisentwicklung keinen Sinn mache. Doch bisher zeige der Appell keine Wirkung.

Wie viel mehr geliefert werde, sei schwer zu sagen, so der Goldsteig-Chef. Denn 2015 als Vergleichsjahr sei nicht aussagekräftig, denn hier habe das nahe Quotenende eher als Bremse gewirkt. Die Landwirte hätten darauf gewartet.

Mehr Milch heißt weniger Lohn

„Unsere Bauern stecken in einer extrem schwierigen Lage“, betont der Goldsteig-Geschäftsführer. Mancher versuche, die Verluste durch Mehrproduktion auszugleichen. Doch nach dem bisherigen Verlauf zieht die Mehrmilch die Preisspirale weiter runter. Es sei aber nicht so, wie manchmal dargestellt – dass der Fall der Milchquote zum 1. April den Preisverfall grundsätzlich nach sich gezogen habe.

Die Krise sei 2015 längst im Gange gewesen, als die ersten Mehrmengen bei der Goldsteig eingetroffen seien. Das erste halbe Jahr sei nichts zu spüren gewesen vom Wegfall der Quote. Der Preisrückgang habe eben auch seine Gründe im Zusammenbruch der Märkte in Asien, speziell China, und im Wegfall des Marktes in Russland. Dazu stagniere der Absatz in der Europäischen Union.

„Bis Ende 2016 keine Besserung“

Auf Nachfrage, ob er denn irgendwelche Zeichen sehe, die eine Umkehr aus dem Preis-Tal bringen könne, verneinte Kraus. Er sehe keine solchen Zeichen der Besserung. Es mache keinen Sinn, sich da etwas vorzumachen: „Bis zum Ende des Jahres sehe ich keine Besserung!“ Sicher sei bereits Ende 2015 die schwierige Situation zu sehen gewesen, doch „dass es so kracht“, habe man nicht erwartet. Eine ähnliche Lage habe es bereits 2009 gegeben. Folgen seien ein nochmals verstärkter Strukturwandel in der Landwirtschaft.

Das heißt, wer dem Druck nicht mehr standhält, gibt auf. Doch die Flächen wie auch die Kuhbestände würden von anderen, größer werdenden Bauern übernommen. Derzeit sehe man noch keine signifikanten Änderungen bei der zahl der Lieferanten von Goldsteig. „Aufgeben ist keine Option“, so Kraus über die rund 3300 Bauern, die die Käsereien beliefern. Viele hätten investiert, neue Ställe gebaut, neue Tanks gekauft – auch mit Blick auf den Quotenfall.

Sieht keine Besserung am Milchmarkt: Andreas Kraus von Goldsteig.
Sieht keine Besserung am Milchmarkt: Andreas Kraus von Goldsteig. Foto: Goldsteig

Was kann das Unternehmen Goldsteig für die Bauern tun, denen die Käsereien als Genossenschaft gehören? Die Goldsteig tue das, was immer Ziel sei, so Kraus: die Bauern so gut wie möglich zu unterstützen – und zwar durch den bestmöglichen Auszahlungspreis für die Milch. Man sei also immer im Interesse der Bauern unterwegs. Auch in den schwierigen Zeiten. Doch den Markt ändern kann die Goldsteig nicht. Zumal auch das Käsegeschäft stottert. Seriös planbar sei der Markt für Milch und Milchprodukte nur für ein halbes Jahr im Voraus, sagt Kraus. Ähnlich der Milch sei der Käsemarkt unter Druck geraten. Die Lage sei schwierig, erklärt Kraus. Denn der Markt werde überliefert mit Billigkäse. „Wir sind beim Absatz nicht auf Rosen gebettet“, umschreibt er den bisherigen Geschäftsverlauf für 2016.

Lesen Sie hier: Unter dem Motto „Der Kaas könnt’ von mir sein!“ macht die Kabarettistin Monika Gruber Werbung für die Chamer Bayerwald-Käserei Goldsteig.

„Preisbewusste“ Kunden

Viele Kunden würden nicht auf die Sorte des Käses achten, sondern zuerst auf den Preis. Und da liege derzeit viel günstiger Gouda und Edamer in den Regalen – neben dem eigentlich höherwertigen Emmentaler, den Goldsteig produziere. „Die Konkurrenz ist groß!“, so Kraus. Und der deutsche Verbraucher sei weiterhin „preisbewusst“, trotz aller Appelle und Projekte. Die Goldsteig Käsereien hätten aus diesem Grund Rückgänge im Verkauf zu verkraften.

Ändern könne man als Unternehmen solch ein Kundenverhalten nicht. „Ich muss so etwas zur Kenntnis nehmen und nicht auf den Handel oder Käufer eindreschen“, sagt Kraus. Denn am Ende seien es noch immer Kunden auch von Goldsteig.

Vorteile verschwinden

Die Eigenmarke von Goldsteig – mittlerweile seit drei Jahren gut platziert – leide weniger als die anderen Produkte der Chamer Käsereien: „Die Eigenmarke hält sich vergleichsweise gut.“ Auch das Siegel „Ohne Gentechnik“, mit dem die Käsereien seit 2013 werben, und für das sie sich aufwendig zertifizieren ließ, habe Vorteile im Verkauf gebracht. Doch seien diese fast aufgebraucht, da immer mehr Marken dieses grüne Siegel tragen würden. „Die Vorteile gehen weg!“, sagt Kraus. Trotz aller Täler plant die Goldsteig schon für die Zukunft. So werden derzeit Millionen in die Fertigstellung des neuen Verwaltungsgebäudes und in die Sanierung des alten Bürotraktes, der in zwei Wochen rundum eingerüstet sei, investiert. Erst 2017 sollen die Arbeiten dort beendet werden.

Milchmarkt und Goldsteig

  • Der Milchpreis

    Der Milchpreis – ausbezahlt an den deutschen Milcherzeuger – betrug im Durchschnitt des Kalenderjahres 2014 ca. 37,5 Cent je Kilogramm. Im Krisenjahr 2009 erhielten die Milchbauern im Durchschnitt 23,83 Cent. Einzig Bio-Milch hat dem Preisverfall widerstanden. Laut Verband der Milcherzeuger Bayerns erhielten hier die Bauern pro Kilogramm Milch durchschnittlich fast 50 Cent. Um ein Kilogramm Milch zu produzieren, braucht der Landwirt heute etwa 46 Cent. Anfang 2015 zahlte die Goldsteig noch etwa 33 Cent – seitdem geht es abwärts. Derzeit liegt der durchschnittliche, bayerische Milchpreis bei etwa 27/28 Cent, doch liegen im Preisvergleich zwischen einzelnen Molkereien bis zu fünf Cent Unterschied. Das hört sich wenig an – doch jeder Cent weniger macht allein bei den Chamer Landwirten rund zwei Millionen Euro minus im Geldbeutel aus.

  • Angebot und Nachfrage Angebot und Nachfrage regeln den Preis, das gilt auch am Milchmarkt. Steigt der Preis für Milchprodukte, geht die Nachfrage zurück. Ein hoher Milchpreis fördert die Milchproduktion und Übermengen drücken dann auf den Markt. Reguliert werden sollte der Markt bis April 2015 über die Quote. Diese wurde ersatzlos abgeschafft. Theoretisch kann jede Molkerei eine eigene Produktionsbegrenzung vereinbaren, dazu braucht sie jedoch die Zustimmung der angeschlossenen Milcherzeuger. Alle wichtigen Wettbewerber auf dem Weltmarkt wie Neuseeland, USA oder Australien haben liberale Märkte. Jährlich steigen etwa drei Prozent aller deutschen Milcherzeuger aus der Produktion aus. Derzeit halten noch ca. 75000 Milcherzeuger in Deutschland 4,3 Mio. Kühe. Der Strukturwandel wird durch Preiskrisen, wie gerade, angeheizt.

  • Goldsteig Käsereien Bayerwald

    An die Goldsteig Käsereien Bayerwald liefern rund 3300 Bauern aus elf Landkreisen ihre Milch. Die Zahl der Landwirte sinkt seit Jahren. Verarbeitet wurde 2014 von den etwa 620 Mitarbeitern der Käsereien eine Milchmenge von 860 Millionen Kilo Milch – das waren 56,5 Millionen Kilo mehr als im Jahr 2013. Goldsteig ist Deutschlands gefragtester Hersteller von Mozzarella. Die Käse-Produkte gehen in 26 von 28 EU-Länder und in weitere Drittländer in der Welt. Am Hauptwerk Cham befindet sich der Sitz der Verwaltung und das Logistikzentrum. Goldsteig stellt dazu Schnittkäse und Hartkäse, Weichkäse und Frischkäse in allen Variationen und auch als Eigenmarke her. Rund 100 000 Tonnen Käse liefert die Goldsteig pro Jahr aus. Dazu auch noch Butter. Und das alles ist versehen mit dem „Gentechnik-frei“-Siegel. (ck)

Weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham lesen Sie hier

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht