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Wer einmal mit dem Blechlöffel isst…

Albert Gruber aus Cham zog mit 17 in den Krieg. Ein Andenken liegt täglich neben seinem Suppenteller – der alte Soldatenlöffel.
Von Georg Fleischmann

  • Albert Gruber heute mit 89 Jahren – Den Löffel aus seiner Wehrmachtszeit im Zweiten Weltkrieg benutzt er täglich. Foto: Fleischmann
  • Der junge Matrose bei der Vereidigung in Kampen (Holland) Foto: Gruber
  • Der alte Wehrmachtslöffel von Albert Gruber Foto: Fleischmann

Cham.Albert Gruber ist 89 Jahre alt und wohnt in der Unteren Regenstraße in Cham. Er hat uns vor mehreren Jahren bereits seine Soldatengeschichte erzählt, die mit 17 Jahren mit einiger Begeisterung begann, aber dann den Ernst eines Krieges noch voll zu spüren bekam. Nun haben wir ihn wieder besucht, weil er wohl zu den letzten dieser Jahrgänge gehört, die im jugendlichen Alter eingezogen wurden, heute aber längst nicht mehr am Leben sind.

Albert Gruber erzählt seine Geschichte mit noch mehr Einzelheiten, manchmal mit Tränen in den Augen, wenn er sich an diese Zeit erinnert. Die Geschichte beginnt im September 1939. Albert war damals gerade 13 Jahre alt. In diesen Tagen begann der Truppenaufmarsch der Deutschen Wehrmacht entlang der Grenze zur damaligen Tschechoslowakei, und in Cham wimmelte es nur so von Soldaten. Über die Fleischtorbrücke kamen die Truppen aus Grafenwöhr und den umliegenden Garnisonen. Und was lag näher für einen Buben, als dem ganzen Geschehen zu zuschauen.

Die Warnung von Ludwig Schierer

So dachte sich wohl damals der Vater von Albert Gruber auch und nahm seinen kleinen Sohn Albert mit, der damit zum ersten Mal „echtes“ Militär zu sehen bekam. An der Fleischtorbrücke standen beide, als Ludwig Schierer damals angesichts des bevorstehenden Krieges zum Vater sagte: „Sei froh, dass dein Bub noch so klein ist“. Doch der Schneidermeister Xaver Dendorfer, der mit dabei war, fügte gleich hinzu: „Der kommt auch noch dran“. Und er sollte recht behalten.

Albert Gruber als Matrose bei der Kriegsmarine
Albert Gruber als Matrose bei der Kriegsmarine Foto: Gruber

Mit 14 Jahren begann der junge Albert Gruber 1940 bei der Firma Palm seine Elektrolehre und legte drei Jahre später seine Gesellenprüfung ab. Zu dieser Zeit wurde bereits der Jahrgang 1926 wehrdienstlich erfasst und gemustert –vorerst für den Reichsarbeitsdienst, dann als Verwendung in der Wehrmacht.

Zu gleicher Zeit fanden in Cham auch Werbeveranstaltungen der Wehrmacht statt, bei denen die jungen Männer ihr Interesse für eine bestimmte Waffengattung anmelden konnten. Albert Gruber meldete sich zur Marine, vorbelastet in der Verwandtschaft.

Blutjung gegen die Panzer

Am 3. Oktober erhielt er den Gestellungsbefehl zum Reichsarbeitsdienst, am 8. Oktober musste er nach Osnabrück einrücken. Am 4. Januar 1944 wurde er zur Marine nach Kampen am Zuidersee in Holland abgeordnet. Dort erfolgte die Ausbildung auf dem Schiff, überwiegend auf Patrouillenbooten. Bei seiner Ankunft wurde er vom Vorgesetzten gefragt,, ob er überhaupt schwimmen könne, worauf der Albert mit „Ja“ antwortete, da er ja dicht am Regenfluss aufgewachsen sei. Die blutjunge Einheit wurde dann auf die Nordseeinsel Texel verlegt und am 10. April 1945 zurück auf das Festland im nördlichsten Zipfel von Holland. Dort befanden sich in einem großen Kessel etwa 10 000 deutsche Soldaten in einer ausweglosen Lage. Vor ihnen in Sichtweite lag der Feind; es waren kanadische Truppen.

Die Deutschen gruben Stellungen um den zu erwartenden Angriff abwehren zu können. Auch Albert Gruber und seine ebenfalls kampfunerfahrenen Kameraden mussten Stellung beziehen. Dann am 18. April 1945 morgens um 7 Uhr hörten sie, wie die Kanadier ihre Panzerfahrzeuge in Gang setzten und sich ihnen näherten.

Die jungen Deutschen Soldaten in ihren Stellungen sind dabei fast erstarrt, angesichts der Panzer mit der aufgesessenen Infanterie. Und ehe sie sich umsahen, standen die Kanadier vor den Stellungsgräben und riefen den Deutschen zu: „Raus kommen!“, packten die Deutschen an den behelmten Köpfen zogen sie einfach aus den Gräben.

Rum gegen Whisky

Anschließend war Abmarsch in die Gefangenschaft. „Singen“, sagten die Kanadier unterwegs. „Wir wussten nicht, was das zu bedeuten hatte“, erzählt Albert Gruber heute. „Lili Marlen“ oder? Die Kanadier zeigten den Hitlergruß und dann sangen sie selber: „Denn wir fahren, denn wir fahren gegen Engeland...“.

Albert Gruber hatte auch zwei Uhren bei sich. Eine Taschenuhr und eine ältere Armbanduhr. Letztere hatte er tags zuvor bewusst solange aufgezogen, bis die Feder riss. Der Kanadier horchte an der Uhr, und als diese nicht mehr tickte, gab er sie Gruber zurück. „Kaputt“, meinte er.

Unsere Weltkriegs-Serie

  • Start

    2014 haben wir in unserer Zeitung eine Zeitzeugen-Serie zum Zweiten Weltkrieg gestartet.

  • Anlass

    Anlass war der 75. Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939.

  • Kriegsende

    Nach dem Kriegsanfang steht heuer das Kriegsende im Fokus. Im Mai ist es 70 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg in Europa endete.

  • Resonanz

    Wegen der Resonanz, die wir auf unsere Beiträge erhalten haben – zu unserer Überraschung insbesondere von jüngeren Lesern –setzen wir unsere Reihe im Jahr 2015 fort.

  • Landkreis

    Die Zahl der Menschen aus dem Landkreis, die das Grauen des Zweiten Weltkriegs er- und überlebt haben, wird immer kleiner.

  • Erfahrung

    Mit ihnen werden die Gelegenheiten weniger, aus erster Hand zu erfahren, wie fürchterlich Krieg ist.

  • Erlebnisse

    Sollten Sie, liebe Leser, einen Verwandten haben, der von seinen Erinnerungen erzählen möchte oder sollten Sie selbst von Ihren Erlebnissen berichten wollen, wenden Sie sich an uns.

  • Kontakt

    Sie erreichen uns per E-Mail unter echo@mittelbayerische.de oder unter der Nummer (0 99 71) 85 22 38.

Und noch eine Story, eine von vielen, erzählt der „Albert“. Einige Tage vor der ersten Feindberührung konnten die Deutschen Soldaten ihre Feldflasche mit Rum füllen, um so den Kampfgeist zu stärken. Ein kanadischer Soldat wollte wissen, was in dieser Feldflasche sei, öffnete diese und probierte den Inhalt.

Der Tag, als der Krieg aus war

Das hat ihm nicht gut getan, und er holte seine Flasche mit Whisky hervor, trank einen kräftigen Schluck und zeigte Albert Gruber die Flasche. Dieser nahm an, dass er daraus trinken solle und langte danach. Doch das wollte der Kanadier nicht, sagte „Nein“ und schon hatte Gruber eine kräftige Ohrfeige mitten im Gesicht.

Aber ansonsten waren die Kanadier freundlich. Angepöbelt wurden die deutschen Soldaten auf dem Weg natürlich von der holländischen Bevölkerung. Sie wurden auf dem Weg mit Blumentöpfen und ähnlichen Gegenständen beworfen. Nach einigen Tagen wurden die deutschen Gefangenen an die Engländer übergeben und es folgte ein weiter Fußmarsch durch Holland. Ziel war eine große „Zeltstadt“ zwischen Brüssel und Waterloo, mit über 44 000 Gefangenen. Dann kam der 8. Mai 1945.

Dieser Tage begann als gewöhnlicher Lagertag mit zweimaliger Zählung, wie an anderen Tagen auch. Doch am Abend geschah etwas Besonderes. Rundherum am Horizont entflammten nun plötzlich Feuerwerke von ungewöhnlichem Ausmaß in die Nacht, und die englischen Wachposten schossen wie wild in die Luft. Wie ein Lauffeuer ging es durch das Lager: „Heute ist Kriegsschluss!“

Ein Wort, das die Soldaten kaum glauben konnten. Doch für Albert Gruber dauerte der „Krieg“ noch elf Monate, dann wurde er in die amerikanische Besatzungszone entlassen. Mit einem Transport kam er nach Bamberg und erhielt dort von den Amerikanern seine Entlassungspapiere. Als freier Mensch kehrte der Matrosen-Gefreite Albert Gruber am 13. März 1946 in seine Heimatstadt Cham zurück.

Die Geschichte vom Löffel

Und zum Schluss erzählt Albert Gruber noch eine fast unglaubliche und tief berührende Geschichte, für die er uns den Beweis sogar auf den Tisch legen kann. Es war so gegen Mittag als ich bei der Familie Gruber war und der Mittagstisch gedeckt wurde. Unter dem Essbesteck befand sich auch ein etwas abgegriffener, aber unauffälliger Löffel. Ein Löffel, den Albert Gruber 1946 aus seiner Wehrmachtszeit und auch aus der Gefangenschaft mit nach Hause brachte und der seitdem benützt wird. Auf der Rückseite des Löffels ist noch die Gravur des Reichsadlers zu sehen, mit dem das Wehrmachtsbesteck gekennzeichnet war.

In der Gefangenschaft musste dieses Hoheitszeichen mit einem Stein soweit es möglich war, abgeschliffen werden. Von dem kompletten Essbesteck, das Albert Gruber mit in die Gefangenschaft nahm, mussten dort Messer und Gabel entfernt werden. Nur der Löffel durfte bleiben – bis heute.

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