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Wer hat bei Goldsteig das Sagen?

Die Molkerei in Cham wächst rasant. Können Arbeitnehmer bei dieser Entwicklung mitbestimmen? Wir haben nachgefragt.
Von Stefanie Bauer

Stefan Stockerl, stv. Betriebsratsvorsitzender bei Goldsteig (l.), mit Rainer Reißfelder, Geschäftsführer der NGG, mit dem Entgelt-Tarifvertrag
Stefan Stockerl, stv. Betriebsratsvorsitzender bei Goldsteig (l.), mit Rainer Reißfelder, Geschäftsführer der NGG, mit dem Entgelt-Tarifvertrag Foto: cba

Cham.Kann ein Betriebsrat eine Firma „ausbremsen“? So vehement, wie manche Unternehmen sich gegen Betriebsratswahlen wehren, könnte man das fast annehmen. Werfen wir einen Blick auf Goldsteig, die Molkerei, deren rasantes Wachstum ihresgleichen sucht. Hier ist ein Betriebsrat vorhanden, und er hat nicht gerade wenig zu tun.

Stefan Stockerl ist stellvertretender Betriebsratsvorsitzender und seit 2013 für diese Tätigkeit freigestellt. Mit welchen Anliegen die Arbeitnehmer zu ihm kommen, erläutert er beim Pressetermin, zu dem auch Rainer Reißfelder, Geschäftsführer der NGG (Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten), sozusagen als „Überraschungsgast“ mit anwesend ist. Gleich zu Beginn betont er: „Der Betriebsrat bei Goldsteig ist heute ein konfliktfähiges Gremium.“

Gespräche schaffen Zufriedenheit

Klingt, als ob es viele Konflikte zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat beziehungsweise Arbeitnehmer gibt? Grundsätzlich äußern Stockerl und Reißfelder sich positiv: „Es ist naturgemäß ein konfliktreiches, aber dennoch vertrauensvolles Miteinander“, sagt der NGG-Geschäftsführer. Die Gespräche tragen dem Betriebsfrieden und der Produktivität Rechnung. Zum Beispiel bei der Dienstplangestaltung: Die Mitarbeiter sollen nicht das Gefühl haben, dass die „von oben“ vorgegeben wird – sie dürfen mitbestimmen. Über den Haustarifvertrag können sie Wünsche äußern.

„Es ist naturgemäß ein konfliktreiches, aber dennoch vertrauensvolles Miteinander.“

Rainer Reißfelder

Diese Vereinbarung sei kürzlich angepasst worden, so Stockerl – und zwar auch zugunsten des Arbeitgebers, dem sie vorher zu starr gewesen sei. Das ist wichtig, denn die Molkerei muss bei ihrem stark wetterabhängigen Geschäft planen können. Aber auch für den Arbeitnehmer gibt es nun mehr Flexibilität. Unabhängig von der regulären Urlaubsplanung hat jeder das Recht auf drei Tage pro Quartal, die er bei Bedarf kurzfristig frei nehmen kann. Außerdem hat man die Wahl, sich geleistete Überstunden ausbezahlen zu lassen oder sie „abzufeiern“.

Betriebsrat als Seelenklempner

Das Büro des Betriebsrats befindet sich in direkter Nähe zur Produktion und ist für alle offen. Oft kommen Mitarbeiter zu Stefan Stockerl und Peter Aschenbrenner, dem Betriebsratsvorsitzenden, um sich einfach etwas von der Seele zu reden – um dann wieder entlasteter und motivierter weiterarbeiten zu können. Kurzfristige Dienstplanänderungen sind immer wieder Thema, so Stockerl, oder Geldfragen.

Goldsteig Käsereien Bayerwald

  • Start

    Die Goldsteig Käsereien Bayerwald GmbH startete 1992 als Gemeinschaftsunternehmen der Goldsteig Käserei Plattling eG und der Molkereigenossenschaft Cham und entwickelte sich unter anderem zu Deutschlands gefragtestem Hersteller von Mozzarella sowie zu einem Exporteur in nahezu alle europäischen Länder.

  • Standorte

    Das Hauptwerk mit dem Sitz der Verwaltung und dem Logistikzentrum befindet sich in der Kreisstadt Cham. An drei Produktions-Standorten werden Mozzarella, Schnittkäse und Hartkäse in allen Variationen hergestellt. Neben Cham gibt es Werke in Plattling und in Tittling.

  • Umsatz

    Bei den Goldsteig Käsereien Bayerwald GmbH sind nach eigenen Angaben rund 620 Mitarbeiter beschäftigt, der Umsatz beläuft sich auf rund 530 Mio. Euro und der Absatz auf rund 99 200 Tonnen pro Jahr. Etwa 3350 Milchlieferanten versorgen die Molkerei mit rund 860 Mio. Kilo Milch pro Jahr. (Quelle: www.goldsteig.de )

  • Betriebsrat

    Der Betriebsrat in Cham besteht aus 11 Mitgliedern. Peter Aschenbrenner, der Betriebsratsvorsitzende, und sein Stellvertreter Stefan Stockerl sind für diese Tätigkeit freigestellt. Auch in den Werken in Plattling und Tittling ist ein Betriebsrat vorhanden.

Denn der Entgeltrahmenvertrag sieht verschiedene Eingruppierungen vor, sobald jemand in der Firma aufsteigt oder sich neues Wissen aneignet. „Der Arbeitgeber sieht den Arbeitnehmer manchmal in der niedrigeren Lohngruppe, der Mitarbeiter sich in der höheren.“. Reißfelder sieht hier einen Vorteil für die Firma: Gibt es einen Betriebsrat, lassen sich solche Streitfragen oft intern klären, sie enden seltener vor Gericht.

Positiv sehen beide das Verbesserungsvorschlagssystem, bei dem die Mitarbeiter aktiv mitbestimmen können. Die eingereichten Vorschläge werden anonym bewertet und gute Ideen von der Firma honoriert. Ein ebenfalls wichtiges Thema für die Belegschaft, die zu etwa einem Drittel aus Frauen besteht: „Wenn jemand nach der Babypause als Teilzeitkraft wieder einsteigen möchte, werden hier von Seiten der Firma keine Steine in den Weg gelegt“, so Stockerl.

Was hat der Arbeitgeber denn von all diesen „Zuckerln“ für seine Angestellten? „In der Nahrungsmittelindustrie ist eine große Loyalität der Mitarbeiter besonders wichtig. Vor allem bei Goldsteig, Milch ist schließlich ein hochsensibles Produkt“, sagt Reißfelder. Viele der Arbeitsplätze erfordern großes Wissen, man könne die Menschen nicht einfach „austauschen“, und das wolle man auch nicht.

„In der Nahrungsmittelindustrie ist eine große Loyalität der Mitarbeiter besonders wichtig.“

Rainer Reißfelder

Honoriert wird das mit 30 Tagen Urlaub, einem 13. Monatsgehalt, Urlaubsgeld, einem, wie beide sagen, guten Grundgehalt und verschiedenen Zuschlägen, die im Entgelt-Tarifvertrag geregelt sind. Wie loyal die Mitarbeiter zur Firma eingestellt sind, sieht man bei den durchgeführten Warnstreiks: „Da wird erst die Maschine leergefahren – kein Rohstoff, keine Maschine gehen kaputt. Es geht hier ausschließlich um Produktionsverzögerungen“, betont Reißfelder.

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Klingt nach eitel Sonnenschein, doch Reißfelder und Stockerl haben auch einen großen Kritikpunkt, bei dem sie regelmäßig mit der Geschäftsführung auf Konfrontationskurs gehen: „Als Vertreter der NGG sage ich ganz klar und deutlich, was ich von der hohen Zahl der Zeitarbeitskräfte bei Goldsteig halte“, sagt Reißfelder. Nämlich gar nichts. „Es geht hier ja nicht nur um die Saisonarbeit im Sommer, sondern über das ganze Jahr hinweg. Diese ist einzigartig in der bayerischen Milchindustrie.“

Und für ihn komplett unverständlich: „Manche Leiharbeiter sind schon zehn Jahre hier. Wenn ich sie täglich beschäftige, hat das mit dem System ,Leiharbeit‘ nichts mehr zu tun!“ Spätestens nach zwei Jahren oder noch früher müsse man doch beurteilen können, was ein Mitarbeiter in Sachen Leistung und Verhalten, Motivation, Lernbereitschaft und Pünktlichkeit zu bieten habe. Und wenn das alles stimme, warum soll derjenige dann unterm Strich viel weniger verdienen als seine fest angestellten Kollegen?

„Manche Leiharbeiter sind schon zehn Jahre hier. Wenn ich sie täglich beschäftige, hat das mit dem System ,Leiharbeit‘ nichts mehr zu tun!“

Rainer Reißfelder

Eine Vereinbarung im Betrieb

Immerhin: „Wir haben eine Betriebsvereinbarung zur Leiharbeit geschlossen“, sagt Stockerl. Auch für diese Mitarbeiter, zu denen durchaus auch Fachkräfte zählen, gebe es nun Vorteile wie Leistungsprämien oder Weihnachtsgeld. Laut Betriebsvereinbarung ’kann‘ ein Leiharbeiter nach 18 Monaten übernommen werden – der Betriebsrat hätte hier lieber ’muss‘ statt ’kann‘ stehen. Arbeitgeber müssen also keine Angst vorm Betriebsrat haben? „Sagen Sie mir eine Firma, die der Betriebsrat gegen die Wand gefahren hat“, sagt Stockerl. „Wichtige Entscheidungen trifft doch zum Schluss noch das Unternehmen.“

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