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Wie nahe ist uns die Atom-Gefahr?

Vor 30 Jahren bedrohte die Strahlen-Wolke von Tschernobyl auch den Landkreis Cham. Wie sicher sind wir heute?
Von Ernst Fischer

Bergungsmannschaften sind nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit Aufräumarbeiten beschäftigt (Aufnahme von 1986).
Bergungsmannschaften sind nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit Aufräumarbeiten beschäftigt (Aufnahme von 1986). Foto: dpa

Cham.Zum 30. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe haben wir Fragen ans Landratsamt gestellt: Was wird zum Schutz der Bevölkerung vor einem Atom-GAU getan?

Welche Kernkraftwerke werden als unmittelbare Bedrohung für den Landkreis Cham gesehen? Gibt es Notfall-Pläne, die bei einem Atom-Unfall sofort greifen?

Auf Bundes- und Landesebene gibt es diverse Richtlinien zum Umgang bei atomaren Störfällen. Diese beziehen sich hauptsächlich auf den direkten Gefahrenbereich im Umkreis von fünf Kilometer (Zentralzone) um ein Kernkraftwerk. Neben den Planungen für die AKW gibt es noch örtliche umfangreiche Alarm-und Einsatzpläne im Umkreis von 20 Kilometer (Mittelzone) um ein Kernkraftwerk. Der Landkreis Cham befindet sich in der sogenannten Planungszone für die Kernkraftwerke Ohu und Temelin bis 100 Kilometer Luftlinie (Außenzone).

Welche Maßnahmen sind da vorgesehen?

Für diese drei Zonen gibt es eine „Richtlinie für Evakuierungsplanungen“. Die Kriterien und Anforderungen dafür wurden Ende 2015 nach bundesweiter Abstimmung neu festgelegt, die entsprechenden Pläne befinden sich derzeit in der Überarbeitung. Nach gemeinsamer Entscheidung des Innen-und Gesundheitsministeriums (Bayern) kann nach einem Störfall die Verteilung von Kaliumiodidtabletten angeordnet werden.

Altlandrat Ernst Girmindl und Landrat Franz Löffler erinnern sich an 1986.

Dazu gibt es einen Katastrophenschutz-Sonderplan für die Verteilung von Kaliumiodidtabletten an die Bevölkerung bei Freisetzung radioaktiver Stoffen nach Unfällen in den Kernkraftwerken Isar, Grafenrheinfeld, Gundremmingen und Temelin. Ein Zentrallager mit Kaliumiodidtabletten befindet sich in Roding im früheren unterirdischen Krankenhaus unter der Staatlichen Realschule.

Die weltweit schwerste Katastrophe eines Kernkraftwerks war bisher die Explosion des Leichtwasser-Graphit-Reaktors von Tschernobyl am 26. April 1986 in der Ukraine. Sehen Sie hier unsere Bildergalerie:

30 Jahre Tschernobyl

Welche Hilfsorganisationen sind im Ernstfall beteiligt und welche Aufgaben haben Sie dann zu erfüllen.

Im Landkreis Cham sind für Strahlenschutzmesseinsätze drei Feuerwehren (Cham, Furth, Roding) ausgestattet und ausgebildet. Bei der Feuerwehr Cham ist ein spezielles Messfahrzeug (Gerätewagen Messtechnik) des Bundes stationiert. Mit diesem Fahrzeug kann während der Fahrt die Strahlenbelastung gemessen und auf einer Landkarte dargestellt werden. Für die mögliche Verteilung von Jodtabletten sind fast alle Feuerwehren im Landkreis Cham eingeplant.

Geographisch am nächsten liegt uns Temelin in Tschechien. Was weiß man über die Sicherheitslage in diesem Reaktor?

Über die Sicherheitslage kann beim Reaktor Temelin können von Seiten des Landratsamtes Cham keine Aussagen getroffen werden.

Die Region im AKW-Notfall:

Gibt es Kontakte mit tschechischen Stellen, um im Notfall möglichst schnell informiert zu werden?

Die schnelle Meldung bei Störungen ist in der bayerisch-tschechische Vereinbarung über sofortige Informationen bei Großschadenslagen über das Gemeinsame Zentrum in Schwandorf geregelt. Die Informationen werden dann über das bayerische Lagezentrum im Innenministerium an die Katastrophenschutzbehörden (Landratsämter) mit vorgegebenen Anordnungen verteilt.

Wie würde die Bevölkerung gewarnt?

Die Warnung der Bevölkerung erfolgt über Radio- und Rundfunkdurchsagen. Auch über das zukünftige Warnsystem „MOVAS“, das von der Leitstelle Regensburg verwaltet wird, können alle digitalen Medien, zum Beispiel auch Handys, angesprochen und direkt gewarnt werden.

Wir blicken zurück auf die Tage im Frühjahr 1986.

Die gleichen Fragen stellen sich auch für das Kraftwerk in Ohu bei Landshut…

Ein Störfall dort wird auch über das Innenministerium gemeldet.

Worauf sollten wir uns überhaupt für den Fall des Falles einstellen?

Wichtig ist zum Beispiel, auf entsprechende Warnhinweise zu achten, sich aus dem betroffenen Gebiet zu entfernen und sich möglichst in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Auf diversen Internetseiten, zum Beispiel auf der Homepage des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz Bau und Reaktorsicherheit können die Bürger weitere hilfreiche Informationen beziehen: Hier die Internet-Adresse: www.bfs.de/DE/themen/kt/unfaelle/tschernobyl/tschernobyl_node.html

Gibt es bei uns öffentliche Schutzräume – und für wie viele Menschen?

Schutzräume wurden zu Zeiten des Kalten Krieges für den Verteidigungsfall errichtet. Im Landkreis Cham gibt es neun offizielle Schutzräume mit 3744 Plätzen, zum Beispiel im Feuerwehrgerätehaus Rimbach, bei der Gerhardinger-Realschule Cham oder unter der Realschule Roding. Diese Schutzräume sind jedoch nicht explizit für atomare Katastrophen ausgestattet.

Strahlenbelastung bei Wildbret

  • Entschädigung

    Wildbret, das eine radioaktive Belastung von mehr als 600 Bequerel pro Kilo aufweist, darf nicht in den Verkehr gebracht werden. Das Fleisch wird unschädlich entsorgt. Jäger können dafür eine Entschädigung nach dem Atomgesetz erhalten. In den Jahren 2011 bis 2016 ging folgende Zahl an Entschädigungsanträgen nach AtomG im Landratsamt ein: 2011: 142, 2012: 130. 2013: 239, 2014: 158, 2015: 215, 2016: 97 (Stand 25. 4.2016)

  • Fazit

    Diese Zahlen schwanken deshalb relativ stark, weil in den Jahren 2013 und 2015 auch mehr Schwarzwild erlegt wurde als in den anderen Jahren. Fazit: Von daher ist 2015 vermutlich nicht mehr und nicht weniger Schwarzwild radioaktiv belastet als zum Beispiel 2011. Es wurde nur mehr erlegt. (Quelle: Landratsamt)

Und private Atombunker?

In den siebziger- und achtziger Jahren wurden private Schutzräume gefördert. Dabei wurden im Landkreis Cham elf private Schutzräume errichtet. Inwie weit diese noch funktionsfähig sind, können wir nicht sagen.

Lesen Sie mehr zum Thema „30 Jahre Atomkatastrophe von Tschernobyl“ hier in unserem MZ-Spezial!

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