MyMz
Anzeige

Eine Pflegerin wird zur Lebensretterin

Krankenschwester Ella Jäger aus Gossersdorf kümmerte sich um Kriegsgefangene. Dabei rettete sie einem jungen Mann das Leben.
Von Rosi Stelzl

Ella Jäger (links) und ihre Freundin Marianne Potschek erlebten Not und Grauen im Krieg.  Foto: Rosi Stelzl
Ella Jäger (links) und ihre Freundin Marianne Potschek erlebten Not und Grauen im Krieg. Foto: Rosi Stelzl

Zandt.Ella Jäger aus Gossersdorf arbeitete als Krankenschwester im Zweiten Weltkrieg von 1942 bis 1945. Dabei kümmerte sie sich um Verwundete, Gefangene und Ostarbeiter in einem Krankenlager in Saaz, im Egerland. Sie pflegte sie und stand Sterbenden in ihren letzten Stunden bei. Oft habe Jäger von einem prägenden, traumatischen Erlebnis erzählt, das aber letztendlich ein gutes Ende nahm.

Andre Sobol, ein junger russischer Kriegsgefangener sei ihr damals bei der Arbeit hilfreich zur Hand gegangen. Umso entsetzt war sie, als er kurz vor Kriegsende abgeholt werden sollte, um mit anderen Gefangenen erschossen zu werden. Es habe überhaupt keinen Grund dazu gegeben. Die Todgeweihten seien dazu gezwungen worden, sich ihr Grab selber zu schaufeln, ehe sie gefesselt und dann erschossen wurden. „Meine Bestürzung war sehr groß,“ erinnerte sich Ella Jäger, die inzwischen verstorben ist: „Aber ich konnte nichts dagegen tun.“

Geschichte

Ein entsetzliches Unglück am Kriegsende

Das Sandhölzl bei Cham zog Buben magisch an, doch dort lauerte tödliche Gefahr. Vor 75 Jahren starb hier ein Neunjähriger.

Befreiung aus Massengrab

Am Abend des darauf folgenden Tages habe sie vor ihrer kleinen Wohnbaracke plötzlich eine Gestalt auf sie zuwanken sehen, die aufgeregt mit den Händen gewunken habe. Leise habe die zugehörige Stimme gerufen: ‚Kommen Sie, kommen Sie!“ Es war ihr junger Pflegehelfer Andre Sobol!

Die Kugel, die ihn hätte töten sollen, sei an der Hülle seines Ausweises, den er in der Jacke getragen habe, einfach abgeprallt. Daraufhin habe er sich zunächst tot gestellt und sei erst nach stundenlangen Anstrengungen aus dem Massengrab ausbrechen können, in das er sich habe fallenlassen. Er hatte einen Kieferdurchschuss erlitten und brauchte medizinische Hilfe. Ella Jäger habe ihn dann heimlich gesund gepflegt, da niemand von seiner Anwesenheit oder seiner Geschichte erfahren durfte. Eines Nachts sei er dann heimlich fortgegangen.“Der Krieg brachte es mit sich, dass auch verwundete Kriegsgefangene und kranke Ostarbeiter mit ihren Kindern zu uns ins Krankenhaus eingeliefert wurden,“ berichtete Jäger: „Allerdings durften diese Patienten nicht ins Krankenhaus, für sie wurde eine gesonderte Unterkunft gebaut, eine Holzbaracke.

Geschichte

Als Kinder gegen Panzer kämpfen sollten

Der Krieg war längst verloren. Auch in der Chamer Region versuchte die Hitlerjugend die amerikanischen Truppen aufzuhalten.

Dieses Brettergebäude war außen und auch innen sehr primitiv. Noch dazu brachten diese Kranken Ungeziefer mit, dass sich dann in den Holzwänden einnistete und uns, besonders bei der Nacht, arg zu schaffen machte!“ Manchmal sei die Bracke auch überbelegt gewesen, so dass sie gezwungen gewesen sei, bei benachbarten Bauern um Stroh zu bitten, um ein einfaches Notlager errichten zu können. „Ich richtete für sie dann ein Behelfslager mit Decken her.

Bei den Essenszeiten gab es regelmäßig Tieffliegeralarm“, erinnerte sie sich an traurige Zeiten zurück. Die Rekonvaleszenten hätten gerne bei der Pflege und beim Sauberhalten der bescheidenen Räume mitgeholfen – so wie auch der junge Pflegehelfer Andre Sobol.

Geschichte

Harrlinger starb auf Wilhelm Gustloff

Vom Tod des Sanitätsmaats Max Schollerer erfuhr seine Schwester 1945 über einen „feindlichen“ Sender – und musste schweigen.

Wiedersehen nach Kriegsende

Als der Krieg schließlich zu Ende war, da sei mit den Russen auch Andre Sobol in die Gegend zurückgekehrt. Er sei in Begleitung eines russischen Obristen gewesen, als er Ella Jäger besuchte. Beide hätten sich herzlich bei der Lebensretterin des jungen Russen bedankt, erzählte sie: „Zum Abschied reichten mir die beiden die Hände und sagten zu mir: ‚Es kommt die Zeit, wo sich alle Völker die Hand reichen mit dem Versprechen: Nie wieder Krieg.“ Ella Jäger habe nie wieder etwas von Andre Sobol gehört. Trotzdem habe sie oft an ihn und sein zugleich tragisches und glückliches Schicksal zurückdenken müssen.

Kriegsgefangene aus Russland

  • Zahlen

    Im Zweiten Weltkrieg gerieten in der Zeit zwischen 1941 und 1945 mehr als fünf Millionen Soldaten der Roten Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurden in Lagern, oft unter miserablen Umständen, untergebracht. Mehr als die Hälfte, etwa drei Millionen Russen, starben in dieser Zeit.

  • Projekt

    Das Deutsche Historische Institut (DHI) erstellt in Moskau ein Recherche- und Dokumentationsprojekt. Dabei will Deutschland erstmals in großem Umfang Daten zum Verbleib russischer Kriegsgefangener überstellen. Das sei besonders wichtig für Angehörige, sagt Dmitri Stratievski vom DHI.

Nach dem Ende des Kriegs habe Jäger anschließend nahezu 50 Jahre die Gossersdorfer Kirche St. Stephan, zusammen mit ihrer Freundin Marianne Potschek, betreut. Sie habe auch viel zusammen mit dem Obst- und Gartenbauverein (OGV) Gossersdorf dazu beigetragen, dass aus Gossersdorf ein ‚Golddorf‘ geworden sei. Außerdem e sie auch sehr in der örtlichen Rotkreuzgruppe engagier gewesen. . Am 14. Januar wäre die stille Heldin 90. Jahre alt geworden. Am selben Tag wurde Ella Jäger unter großer Anteilnahme der geweihten Erde übergeben. (kts)

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht