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Geschichte

Hunderttausende kämpften um ihr Leben

Am 25. Januar jährt es sich zum 70. Mal, dass die ersten Vertriebenen aus dem Sudetenland in Viehwaggons Furth erreichten.
Von Wolfgang Baumgartner

  • Für rund 750 000 Sudetendeutsche war nach ihrer Vertreibung in den Jahren 1946 bis 1951 das Grenzdurchgangslager in Furth im Wald erste Anlaufstation. Foto: Stadtarchiv Furth im Wald
  • Die Vertreibung betraf alle Generationen; Senioren und Kleinkinder mussten ihre Heimat verlassen. Foto: Stadtarchiv Furth im Wald

Furth im Wald.Am 25. Januar jährt es sich zum 70. Mal, dass der erste Transportzug mit rund 1200 Flüchtlingen aus Budweis um 14 Uhr den Further Grenzbahnhof erreichte. Das Durchgangslager in der Drachenstich-Stadt war in den Folgejahren für rund 750 000 Sudetendeutsche nach ihrer Vertreibung die erste Anlaufstation.

Alle im Lager ankommenden Flüchtlinge wurden „desinfiziert“.
Alle im Lager ankommenden Flüchtlinge wurden „desinfiziert“. Foto: Stadtarchiv Furth im Wald

Die Ankunft bedeutete zwar Sicherheit, aber die Zukunft war völlig ungewiss. Anlässlich dieses denkwürdigen Datums findet am Sonntag, 24. Januar, ab 15 Uhr im Großen Sitzungssaal des Further Rathauses ein Festakt statt. Zuvor, um 14.15 Uhr, laden die Sudetendeutsche Landsmannschaft und Bürgermeister Sandro Bauer zur Erinnerung am Gedenkstein vor dem Bahnhof in Furth ein. Seit Dezember 2006 erinnert dort ein schwarzer Monolith an eines der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte.

Erinnerung an Flucht und Armut

Sehr gut an die Vertreibung, die Hintergründe und die Folgen, erinnert sich auch der heute 75-jährige Karl Hartl, der zusammen mit seinen Eltern und fünf Geschwistern elf Jahre lang in der Baracke Nr. 17 lebte. „Meine Jugendzeit verbrachte ich quasi im Durchgangslager“, runzelt Karl Hartl die Stirn.

Karl Hartl verbrachte seine Kinder- und Jugendzeit von 1946 bis 1957 in der Baracke Nr. 17.
Karl Hartl verbrachte seine Kinder- und Jugendzeit von 1946 bis 1957 in der Baracke Nr. 17. Foto: wb

Er sitzt vor dem Plan des Lagers im Umfeld des Further Bahnhofs, auf dem insgesamt 40 kleinere und größere Baracken zur Unterbringung der Sudetendeutschen errichtet worden waren. „Wir kämpften im wahrsten Sinne des Worts ums Überleben“, erzählt der gebürtige Vollmauer. Als Fünfjährigem hat sich Karl Hartl der 13. Mai 1945 ins Gedächtnis gebrannt. An jenem Sonntag rollten zwei Lastwagen mit Menschen beladen in Vollmau ein.

„Bewaffnete Tschechen trieben die Männer, Frauen und Kinder von der Ladefläche hinaus auf eine Wiese“, erinnert sich Karl Hartl. Dort eröffneten die Soldaten das Feuer und erschossen rund 30 Personen. Gerüchte verbreiteten sich, dass das Dorf „geräumt“ werden würde.

Bis in die 50er Jahre kamen insgesamt 47 Transporte mit jeweils rund 1200 Flüchtlingen nach Furth.
Bis in die 50er Jahre kamen insgesamt 47 Transporte mit jeweils rund 1200 Flüchtlingen nach Furth. Foto: Stadtarchiv Furth im Wald

Per Lautsprecher seien die Menschen aufgefordert worden, innerhalb von 24 Stunden die Häuser zu verlassen. „Außer dem nackten Leben war uns nichts geblieben“, erzählt Karl Hartl. Der Fünfjährige fand mit seiner Familie Unterschlupf bei einer Tante in Dieberg. Doch der Vater wollte zurück; „er glaubte fest daran, wieder in seine Heimat zu dürfen.“

Als Erntehelfer zurück in die Heimat

Als Erntehelfer kehrte die Familie Hartl im Herbst auf ihren Hof in Vollmau zurück. „Alles war leergeplündert“, fügt Hartl hinzu. Im Oktober 1946 erfolgte zum zweiten Mal die Vertreibung der Familie. Mit einem Lastwagen wurden sie ins tschechische Holleischen (Holýšov) – zwischen Taus und Pilsen – gebracht.

In 40 kleineren und größeren Baracken im Umfeld des Bahnhofes wurden die Flüchtlinge untergebracht.
In 40 kleineren und größeren Baracken im Umfeld des Bahnhofes wurden die Flüchtlinge untergebracht. Foto: Stadtarchiv Furth im Wald

„Dort wurde ein Zug mit Flüchtlingen nach Furth zusammengestellt“, erinnert sich der 75-Jährige. In Viehwaggons erreichte die Familie dann kurz vor Weihnachten das Durchgangslager in Furth und bezog die Baracke Nr. 17. „Eigentlich sah die Planung eine Aussiedlung nach Baden-Württemberg vor“, zeigt Karl Hartl seinen Flüchtlings-Ausweis.

Aber weil die Familie Verwandte im Raum Furth hatte, durfte sie bleiben. Als es Anfang der 50er Jahre keine Vertriebenentransporte mehr gab, wurde auch die Essensversorgung im Lager eingestellt. Der Baron am Voithenberg erlaubte den Menschen, in den Wäldern Holz zu sammeln, um bei minus 30 Grad in den Baracken nicht zu erfrieren.

Betteln um nicht zu verhungern

Weiter heißt es in der „Asylgeschichte“ von Karl Hartl: „Die Mutter ging zum Betteln, damit wir nicht verhungerten!“ Die Baracken 15 bis 19 wurden zu festen Unterkünften umfunktioniert. Im Rheinland sollte der 14-Jährige eine Ausbildung zum Schreiner machen; doch Karl Hartl kam fast um vor Heimweh. So erlernte er beim Hofmannschmied das Schmiedehandwerk. Die Heimat ließ den Vollmauer nie los.

Viele der in Furth angekommenen Flüchtlinge waren alt und krank.
Viele der in Furth angekommenen Flüchtlinge waren alt und krank. Foto: Stadtarchiv Furth im Wald

Und so errichtete er sich mit seiner 1961 geheirateten Frau Johanna ein schmuckes Eigenheim auf einem Grundstück des elterlichen Hofes, das auf bayerischem Grund war; in Dieberg. So glücklich Karl Hartl dort auch ist, so schmerzhaft ist es für ihn auch, fast im Blickkontakt mit dem Grund und Boden seiner Familie zu sein.

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