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Kulturhauptstadt hat noch Luft nach oben

Der Besuch in Pilsen lohnt sich – gerade im Jahr der Kulturhauptstadt. Aber nicht jeder Programmpunkt hält, was er verspricht.
Von Sepp Schober

  • Der Marktplatz an der St. Bartholomäus-Kathedrale Foto: Sepp Schober
  • So schön können Brücken sein. Foto: Sepp Schober
  • Blick auf die Türme der Synagoge Foto: Sepp Schober
  • Der Bahnhof des Pilsner Architekten Rudolf Zech aus dem Jahr 1907 Foto: Sepp Schober

Furth im Wald.Während Prag lediglich den Titel Hauptstadt „Hlavni Mesto“ führt, hat es das 90 Kilometer westlich gelegene Pilsen, zumindest im laufenden Jahr, schon erheblich weitergebracht. Europäische Kulturhauptstadt 2015 ist der klangvolle Titel, den die westböhmische Industriestadt aktuell führen darf. Die Kombination aus klangvollem Titel und frühlingshafter Witterung sind eine gute Basis für eine Expedition ins häufig kulturell wenig beachtete Nachbarland.

Ostersonntag, Viertel vor Acht, Bahnhof Furth im Wald. Die Zahl der Fahrgäste, die den Alex „Jan Hus“ in Richtung Tschechien besteigen, ist überschaubar. In genauen Zahlen ausgedrückt, sind es zwei Mann, die die Auslastung des Zuges erhöhen. Mangels eines funktionierenden Fahrkartenautomaten am Bahnsteig kaufen wir die Fahrkarten im Zug beim freundlichen böhmischen Schaffner, der uns mit schwejkschen Lächeln gegen einen Zuschlag von 40 Kronen die Karten verkauft. In der Gewissheit mehr als den Gegenwert eines Pilsner Urquells an die tschechische Bahn verloren zu haben, rattern wir in Richtung der aufgehenden Sonne.

Der Bahnhof ist noch Baustelle

Die Brücken über die Radbusa sind in Pilsen vielgestaltig.
Die Brücken über die Radbusa sind in Pilsen vielgestaltig. Foto: Sepp Schober

Pünktlich um kurz nach neun Uhr ist Europas neue Kulturhauptstadt erreicht. Der Bahnhof des Pilsner Architekten Rudolf Zech aus dem Jahr 1907 präsentiert sich im Stile einer Baustelle, aber immerhin ist der Übergang zur Innenstadt rechtzeitig fertig geworden, so dass man direkt in Richtung Altstadt geleitet wird.

Diese Altstadt ist es auch, die das Hauptaugenmerk der Besucher auf sich zieht. Zwischen der „Klatovska“ im Westen, der „Tyrsova“ im Norden, der „Americka“ im Süden und der Ufermauer der Radbusa als östliche Begrenzung liegt der eigentliche Stadtkern Pilsens.

Wir laufen immer in Richtung Kirchturm, der auch in Pilsen den Mittelpunkt der Stadt bildet, und gelangen mit diesem einfachen Trick zügig zum Marktplatz, dem „Platz der Republik“. Der ist in aller erster Linie eins: Groß! Knappe acht Tagwerk misst dieser mittelalterliche Handelsplatz, der neben einer Unmenge von Rindviechern, dem Haupthandelsgut im Mittelalters, auch das ein oder andere gekrönte Haupt gesehen hat.

Am Ostersonntag gibt es beim Ostermarkt auf dem „Namesti Republiky“ neben viel Essbaren ein echtes Kulturgut zu kaufen! Speziell in Westböhmen gibt es an Ostern die „Pomlazka“, auf deutsch Osterrute! Mit der aus frischen Weidenzweigen geflochtenen Rute wird die Frische, Jugend und Gesundheit durch Schlagen in erster Linie an die Frauenwelt weitergegeben. Der Einstieg in die österliche Homöopathie beginnt bei 30 Kronen, und mit dem Kauf von zwei Pomlazkas bekunden wir unsere Sympathie zum Pilsner Gesundheitssystem.

Tipps für den Tagesausflug

  • Internetseiten

    Fahrplan der tschechischen Bahn: www.cd.cz (auch in deutsch); Stadtplan: www.mapy.cz ; Programm: www.plzen2015.cz

  • Straßenbahn und Busse

    Fahrkarten gibt es in der Touristinfo beim Rathaus; Tageskarte 70,--kcs, Einzelfahrt 18,--kcs

  • Zahlungsmittel

    Euros werden in den Gaststätten akzeptiert, auch der Schaffner im Alex lässt eine Zahlung in Euros zu.

  • Kronen

    Grundsätzlich sollte man die Fahrt aber nicht ohne tschechische Kronen antreten.

Der Marktplatz an der St. Bartholomäus-Kathedrale
Der Marktplatz an der St. Bartholomäus-Kathedrale Foto: Sepp Schober

Ungeachtet der Tatsache, dass die meisten Menschen im Bezirk Pilsen Atheisten sind, war die gotische St. Bartholomäus-Kathedrale zum Gottesdienst am Ostersonntag, der von Bischof Frantisek Radkovsky zelebriert wurde, bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass es in 43 Jahren Kommunismus nicht gelungen ist, das zwischenzeitlich zart gewordene Pflänzchen des christlichen Glaubens gänzlich zu tilgen. St.Bartholomäus glänzt mit dem Superlativ des höchsten Kirchturms in Böhmen, welcher auch zur Besteigung einlädt. Wie es sich für zwei echte Bayern gehört, steht nach der Messe nicht der Aufstieg zur Plattform in 65 Metern Höhe auf unserer Agenda, sondern der Abstieg in einen Bierkeller bevor! Und Bierkeller und Kneipen gibt es nun reichlich in Pilsen.

Naturtrübes Pilsner Urquell

Innerhalb dieser großen Auswahl verdient die Senk U Parkanu, unmittelbar neben dem Brauereimuseum, einer besonderen Erwähnung, den hier läuft das Pilsner Urquell in der naturtrüben, ungefilterten Variante durch den Zapfhahn. In Kombination mit einem guten Schankkellner ergibt sich ein einzigartiger Genuss. Nach ausreichender Würdigung des alten Brauerhandwerks, besteht in den reichlich vorhandenen Galerien, Museen und Ausstellungen genügend Möglichkeit der kulturellen Sättigung. Auffallend und wie ein roter Faden fast schon sichtbar, ist jedoch die Tatsache, dass innerhalb der Ausstellungen und auch in den Museen alle schriftlichen Erläuterungen nur in tschechischer Sprache gegeben werden. Lediglich in der westböhmischen Galerie sind, im Zusammenhang mit der an Ostern beendeten Ausstellung „München eine leuchtende Kunstmetropole“, Erläuterungen in englischer und deutscher Sprache zu finden.

Englisch erweist sich dann auch als die bevorzugte Sprache in der Touristeninformation neben dem Rathaus und im Infopavillon am Marktplatz. Würde ich es nicht besser wissen, dann könnte man fast vermuten, dass nicht Bayern und Sachsen an die Tschechische Republik grenzen, sondern Großbritannien und Irland. In diesem Punkt hat die europäische Kulturhauptstadt definitiv noch Luft nach oben.

Außerhalb des Altstadtbereiches findet man im Internetprogramm der Kulturhauptstadt zwei Ausstellungs- und Veranstaltungshallen. Zum einen das Depo 2015, eine Halle auf dem Gelände des Trolly-Busdepots und zum anderen die alte Papierfabrik an der Radbusa. Die Suche nach diesen Orten brachte uns nette Begegnungen mit der Pilsner Bevölkerung ein. Die Papierfabrik entpuppte sich als Baustelle mit einem lustigen Pförtner, der uns zwar alle Firmen aufzählen konnte, die sich in den alten Hallen eingemietet hätte, aber „Europske hlavni mesto kulturi“ vollkommen Fehlanzeige. Im einzig sanierten Teil der Hallen befindet sich eine Kartbahn, von der angekündigten Ausstellung über Sudetendeutsche Migranten keine Spur.

Ein perplexer Pförtner

Gleicher Tenor auf der anderen Seite der Radbusa, wo sich besagte Depo 2015 befindet. Der Eingang ist etwas schwierig zu finden; militärisch betrachtet gut getarnt. Der Pförtner hier war vollkommen perplex, was wir überhaupt hier wollten, von irgendwelchen kulturellen Aktivitäten wisse er nichts. Sprach’s, nahm einen tiefen Schluck von seinem Prager „Branik“-Bier und verschwand in seinem Kabuff. Übrigens hatten beide Pförtner recht, wie uns später im Infocentrum bestätigt wurde. Das Programm war halt leider falsch und Ausstellungen gibt es an den besagten Orten nicht. Die unfreiwillige Wanderung brachte uns durch Zufall zur alten Nikolauskirche mit den dazugehörigen historischen Gräbern. Über der Radbusa thronend, verströmt dieses Kirchlein aus dem 15. Jahrhundert einen eigentümlichen, morbiden Charme.

Auf dem Gottesacker vor der Kirche fanden viele Pilsner Persönlichkeiten die letzte Ruhe, so auch der Emil Skoda, dessen Skodawerke Pilsen über mehr als 100 Jahre prägten. Angemerkt muss an dieser Stelle werden, dass Skoda Automobile nie in Pilsen gebaut wurden. Eisenbahnen, Kanonen und Munition sowie Maschinen- und Stahlgussteile waren die hauptsächlichen Güter, welche in den Hallen der Pilsner Skodawerke gefertigt wurden.

Saazer Hopfen zur Linderung

Der Schmerz des fehlerhaften Programms war sicherlich zuerst einmal groß und bedurfte zu seiner Linderung einer Symbiose aus Saazer Hopfen und weichem Pilsner Wasser. In Anbetracht der Vielzahl von Behandlungsstätten war dann der ein oder andere Schwachpunkt der Europäischen Kulturhauptstadt Pilsen 2015 beim Besteigen des Zuges in Richtung Furth im Wald schon fast wieder vergessen.

Fazit: Für einen netten Tagesausflug hat Pilsen durchaus Potenzial. Auch ohne Elektrifizierung und ICE-Tempo, kann die Bahnfahrt von Cham oder Furth im Wald als Anreisemöglichkeit empfohlen werden. Die überschaubare Altstadt bietet eine interessante Bausubstanz, ohne Kriegsschäden, aber mit mancher sozialistischer Bausünde.

Das Begleitprogramm ist auf tschechische Besucher ausgelegt, was aber andere europäische Gäste des böhmischen Pilsens nicht ausschließen sollte. Wie bereits gesagt, Luft nach oben ist noch, aber das Jahr 2015 ist auch noch lang.

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