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Geschichte

Wer vergisst, ist nicht zukunftsfähig

„70 Jahre – Erster Vertriebenentransport am Bahnhof Furth im Wald“: Die Gedenkveranstaltungen waren gut besucht.
Von Hans Schmelber

Vor dem Festakt hatten sich Politiker und Sudetendeutsche vor dem Gedenkstein am Bahnhof getroffen.
Vor dem Festakt hatten sich Politiker und Sudetendeutsche vor dem Gedenkstein am Bahnhof getroffen. Foto: Schmelber

Furth im Wald.Dr. Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe und Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, brachte es zum Ende seiner Rede folgendermaßen auf den Punkt: „Wir müssen dieses Europa erneuern. Und das kann man nur aus der geschichtlichen Erfahrung heraus wie sie gerade auch unsere Sudetendeutsche Volksgruppe verkörpert. Es wird immer wieder gesagt, man soll einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen. Man soll die Vertreibung vergessen. Man soll die Geschichte vergessen. Man soll die Integration und die Geschichte des Wiederaufbaus vergessen.

Aber wenn wir geschichtslos werden und das Opfer unserer Vorfahren vergessen, wenn wir vergessen, was diese erlebt und erduldet haben wegen eines Nationalismus und eines Materialismus, der die Menschen zerstört hat, wenn wir das vergessen, sind wir nicht zukunftsfähig. Wenn wir aber diese Erinnerungen und unser historisches Gedächtnis einbringen in die deutsche Gesellschaft und in das Europa von Morgen, dann leisten wir viel und sind keine ewig Gestrigen mehr, sondern Pioniere einer hoffentlich besseren Zukunft.“

„Wir sind ein gemeinsames Europa“

Der große Sitzungssaal im Rathaus, in den Bürgermeister Sandro Bauer, Alois Hiebl als Obmann des Kreisverbandes und Anton Bayer, Obmann des Ortsverbandes der Sudetendeutschen Landsmannschaft, zur Feierstunde eingeladen hatten, war am Sonntagnachmittag bis auf den letzten Platz besetzt. Bauer hielt einen Rückblick auf die Geschichte, fand aber auch Worte zu der Gegenwart. „Fast ein Drittel der Vertriebenen kam über den Grenzbahnhof Furth nach Deutschland, und wer gedacht hatte, dass es Flucht und Vertreibung in diesem Umfang nicht mehr geben wird, den belehrt die Gegenwart eines Besseren“, sagte der Bürgermeister, stellte aber auch fest, dass man Vergangenheit und Gegenwart so nicht vergleichen könne.

Elke Pecher von der Sudetendeutschen Landsmannschaft überreichte ein Präsent an František Radkovský, Bischof von Pilsen.
Elke Pecher von der Sudetendeutschen Landsmannschaft überreichte ein Präsent an František Radkovský, Bischof von Pilsen. Foto: Schmelber

Die Flüchtlinge, die damals kamen, hatten die gleiche Sprache, die gleiche Wertevorstellung, die gleiche Kultur und den gleichen Glauben. Die Flüchtlinge von damals leisteten einen großen Anteil an dem Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten Deutschlands. Sie gründeten Familien, Firmen und waren schnell aufgenommen und integriert. Monsignore Thomas Pinzer überbrachte Grüße von Bischof Voderholzer, der sich mit Furth sehr verbunden fühlt, weil seine Mutter 1946 mit einem Transport in Furth angekommen ist. František Radkovský, Bischof von Pilsen, wies darauf hin, dass er schon früh die Versöhnung zwischen Tschechien und den Sudetendeutschen gefordert habe.

„Gott sei Dank sind mittlerweile alle Grenzen gefallen, und viele Vorurteile abgebaut“, stellte er fest. „Alle Leute sehen, wie gut die Beziehungen inzwischen geworden sind, und wir müssen uns alle bemühen und in christlicher Verbundenheit bleiben“, sagte er und ergänzte: „Wir sind ein gemeinsames Europa, auch wenn das in Zukunft schwer wird, aber ich bitte Gott, dass es damit weitergeht.“

Es ist wichtig, wo man ankommt

Das Interesse an der Veranstaltung war groß: Im Sitzungssaal im Rathaus war jeder Stuhl besetzt.
Das Interesse an der Veranstaltung war groß: Im Sitzungssaal im Rathaus war jeder Stuhl besetzt. Foto: Schmelber

Überwältigt von den vielen Besuchern zeigte sich Landrat Franz Löffler. „Ich habe eine Frau, die aus einer sudetendeutschen Familie stammt“, sagte Löffler. Die politischen Verhältnisse damals und auch heute seien schuld, dass so viele Menschen ihre Heimat verlassen mussten und müssen. „Deutschland und besonders Bayern haben damals Großartiges geleistet“, stellte der Landrat fest und betonte, dass es besonders wichtig sei, wo man zuerst als Flüchtling ankommt, denn das werde ewig in Erinnerung bleiben. „Wichtig ist auch, dass wir heute daran denken, nicht als Erinnerung, sondern als Mahnung.“

Pioniere der Freiheit und des Rechts

Löffler betonte, dass die Sudetendeutschen „unser Land“ mit aufgebaut haben, und überall werde über diese Menschen positiv geredet. „Sie waren auch mit den Werten ausgestattet, die unsere Werte waren“, sagte der Landkreischef. „Neben den Schwaben, Bayern und Franken zählen die Sudetendeutschen als vierter Stamm in unserm Land“, konstatierte Löffler und betonte das gute Verhältnis zum Nachbarn Tschechien. „Wir wachsen weiter zusammen, sowohl im wirtschaftlichen und kulturellen, als auch im kirchlichen Bereich.“

Dieses Land hat ein Erstgeburtsrecht auf Europa, bestätigte Bernd Posselt Tschechien. Er nahm Bezug auf sein Wirken in der Paneuropa-Union. Daraus seien Europa und die Überwindung der Grenzen entstanden. Das gelang, weil auf beiden Seiten der Nationalismus überwunden wurde, der eine der Ursachen des 2. Weltkriegs war.

Auch Bernd Posselt, Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, erhielt von Elke Pecher ein Geschenk.
Auch Bernd Posselt, Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, erhielt von Elke Pecher ein Geschenk. Foto: Schmelber

In Furth wurde einer der Höhe- und Schwerpunkte dieses unmenschlichen Zerstörungswerks sichtbar, weil dorthin Millionen von Menschen vertrieben wurden. Der Eiserne Vorhang sei mittlerweile verschwunden und die Grenzen offen. Das sei die unvorstellbare Leistung der Eltern und deren Integrationsarbeit. Nicht zuletzt hat auch die Kirche mit ihrer Vertriebenenseelsorge eine große Leistung gebracht. Auch Posselt zog einen Vergleich zur heutigen Flüchtlingssituation. „Vertrieben wird jemand, weil er anders ist, und weil Machthaber nicht wollen, dass einer anders tickt. Das ist meistens die Ursache kollektiver Vertreibung. Ich habe Angst, dass das Gespenst des Nationalismus wiederkommt“, befürchtete Posselt. „Deshalb brauchen wir Pioniere der Freiheit, des Rechts, der Kultur und des Glaubens.“

Erzählungen aus der Kindheit

Das letzte Wort hatte Alois Hiebl. Er erzählte aus seiner Kindheit vom 14. Mai 1946. Er war damals fünf Jahre alt, als er mit seiner Familie nach Herborn in Hessen fahren sollte. Er ist dankbar, weil sie einen besonderen Schutzengel hatten, der sie von Vseruby mit einem Jeep an die Grenze brachte und so vor Schlimmerem bewahrte.

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