MyMz
Anzeige

Die Handwerks-Welt im Metermaß

Xaver Mühlbauer aus Hohenwarth hat 4020 Meterstäbe gesammelt. Sie erzählen die Geschichte von drei Generationen Handwerk.
Von Regina Pfeffer

Xaver Mühlbauer in seinem Ausstellungsraum. Gekauft werden die Zollstöcke nie, nur getauscht: Stück gegen Stück.
Xaver Mühlbauer in seinem Ausstellungsraum. Gekauft werden die Zollstöcke nie, nur getauscht: Stück gegen Stück. Foto: Simon Tschannerl

Hohenwarth.Für was ist ein Zollstock gut? Man kann damit Längen bestimmen – und noch viel mehr. Das Messgerät eignet sich auch hervorragend als Werbefläche – und das auf der ganzen Welt. Darum sammelt der 60-jährige Hohenwarther Xaver Mühlbauer Meterstäbe mit besonderem Aufdruck im großen Stil: 4020 Exemplare hat er bereits. „Die kommen von überall her: Elsass-Lothringen, Ukraine, Frankreich, Österreich und natürlich von vielen deutschen Firmen.“

Sein „Schatzkästlein“ ist ein Spiegelbild der Geschichte bayerischer Handwerks- und Zulieferbetriebe. Denn viele Firmen, von denen der passionierte Sammler noch die zwei Meter langen Zeugnisse ihrer Existenz in Händen hält, gibt es längst nicht mehr (Heiduk, Kago und so weiter). Bewunderung bringt Mühlbauer (meist ostdeutschen) Sammlern entgegen, die über 54 000 Meterstäbe besitzen. „In klimatisierten Hallen und eigens gebauten Garagen, die nur in Schutzkleidung zu betreten sind.“

Seine Sammlung, die sich permanent erweitert, wollte er aber nicht in irgendeiner Schachtel verstauen und irgendwo abstellen. Er wollte seine Meterstäbe bestaunen können. Den Keller in seinem Einfamilienhaus im Hohenwarther Ortsteil Simpering-Eselbachau hat Mühlbauer zum Ausstellungsraum gemacht. Wenn man die Kellertreppe hinabgeht und in sein Heiligtum schreitet, kommt man nicht mehr aus dem Staunen. Da hängen sie fein säuberlich an den Wänden aufgereiht und sehen aus wie frisch poliert. Meterstäbe, soweit das Auge reicht – von A bis Z durchsortiert. Seine Frau akzeptiert augenzwinkernd die Sammlerleidenschaft des Gatten: „Solange er damit im Keller bleibt. Der Wohnbereich ist tabu.“

Xaver Mühlbauer, der Meterstab-Sammler aus Hohenwa

Auch die Söhne sammeln mit

Zu seinem Hobby kam er wie „die Jungfrau zum Kind“. 1971 begann er eine Lehre bei der SAG (Starkstromanlagen-Aktiengesellschaft). Hier konnte er immer wieder Meterstöcke der beliefernden Firmen zum privaten Gebrauch mit nach Hause nehmen. Irgendwann machten ihn Kollegen auf die Sammel-Idee aufmerksam. Mühlbauer konnte bald an keiner Baustelle und keinem Handwerksbetrieb mehr vorbeifahren. Überall, wo er aufkreuzte, musste er Meterstäbe sammeln. Durch seine jetzige Tätigkeit bei den Kreiswerken Cham kommt er heute im ganzen Landkreis herum, ein Vorteil für den passionierten Sammler. Immer hat er ein paar Tauschexemplare in seinem Firmenfahrzeug.

Die Söhne Martin (l.) und Tobias helfen Vater Xaver bei der Sammlung.
Die Söhne Martin (l.) und Tobias helfen Vater Xaver bei der Sammlung. Foto: Simon Tschannerl

Mit seiner Leidenschaft angesteckt hat er auch schon seine beiden Söhne. Die Sammlerobjekte werden mit kleinen Leisten in Präsentationswänden akkurat in Reihe und Glied gehalten, darum kümmert sich der 28-jährige Martin, ein gelernter Schreiner. Der 21-jährige Tobias ist für die Computer-Erfassung der guten Stücke zuständig. „Ich kenne so gut wie jeden Meterstab“, sagt der junge Mann, der sein eigenes System zur Katalogisierung entwickelt hat.

Die Meterstab-Sammlung von Xaver Mühlbauer

Was Xaver Mühlbauer besonders freut: Inzwischen habe er von drei Handwerker-Generationen Meterstäbe. Auch viele Bekannte und Freunde wissen um die Leidenschaft und sammeln mit. Zum Beispiel hörte eine – ihm bis dato unbekannte – Witwe von der Leidenschaft und vermachte ihm die Sammlung ihres Verstorbenen. Die meisten Stäbe stammen von Firmen, die sie zu Werbezwecken benutzen. Alle vier bis fünf Jahre werden neue Serien gedruckt. Es ist spannend, wer alles Werbung im Metermaß betreiben will: Mühlbauer besitzt Exemplare mit dem Logo von einer Diskothek, von Brauereien, Banken oder einem Atomkraftwerk. Die Auswahl von Aufdrucken auf den Hoch- und Schmalseiten ist unerschöpflich. „Jeder Meterstab ist ein Unikat“, sagt der Sammler. Es finden sich Meterstäbe mit Aufschriften von Fußballvereinen wie dem FC Bayern, Dortmund, Nürnberg oder dem Hamburger SV. Auch einige Stäbe mit dem Abbild der deutschen Damen- und Herren-Fußballnationalmannschaft zur EM oder WM zieren die Wände. Und auf so manchem Meterstab räkeln sich spärlich bekleidete Damen.

Ein Fehldruck krönt die Sammlung

Einer der wertvollsten Zweimeterigen ist ein Zollstock der Firma Würth mit grünem Männchen. „Ein Fehldruck, ein Versehen. Davon gibt es bloß 100 Stück. Die Firma hat eigentlich rote Männchen.“ Auch äußerst rare drei Meter lange Zollstöcke hat Mühlbauer. „Die werden speziell im Tiefbau benötigt.“ Eine weitere Rarität in Mühlbauers Sammlung ist ein Schein-Meterstab, der drei Stamperl Hochprozentiges in sich birgt.

Zur Person und den Meterstäben

  • Der Sammler

    Xaver Mühlbauer ist 60 Jahre alt und lebt in Hohenwarth-Simpering. Er hat zwei Söhne (Martin und Tobias) die ebenfalls begeistert mitsammeln. Seine Leidenschaft für Meterstäbe entdeckte er in der Ausbildung 1971.

  • Tauschen

    Wer bedruckte Meterstäbe zu verschenken hat oder tauschen möchte, kann sich mit Xaver Mühlbauer, Eselbachau 11, 93 480 Hohenwarth, Telefon (0 99 46) 10 56 in Verbindung setzen.

  • Meterstab

    Ein Zollstock, auch Meterstab, Maßstab oder auch Gliedermaßstab genannt, ist ein Messgerät zur Bestimmung von Längen.

  • Das Zoll

    Der Name „Zollstock“ (vom mittelhochdeutschen „zol“ das heißt abgeschnittenes Stück Holz) entstand, weil man früher zum Messen einen starren Stab, also einen Stock, in der Länge der damaligen Maße wie Fuß, Elle oder Klafter verwendete. Untermaßeinheit war dabei „das Zoll“ (Maßeinheit von zwei bis vier Zentimeter). Das Zoll geriet mit Einführung des metrischen Systems weitgehend außer Gebrauch. Seit 1956 misst das englische Zoll (Inch) exakt 25,4 Millimeter. Bei Rohrverschraubungen wird es aber immer noch genutzt.

  • Geschichte

    Bereits die Römer kannten Klapp- oder Faltmaßstäbe aus Bronze, Messing oder Holz, die sich zunehmend durchsetzten.

Xaver Mühlbauer aus Hohenwarth hat 4020 Meterstäbe gesammelt.
Xaver Mühlbauer aus Hohenwarth hat 4020 Meterstäbe gesammelt. Foto: Simon Tschannerl

Kommt ein neuer Meterstab dazu, heißt es nachrücken: „Die Meterstäbe sind immer in Bewegung.“ In seinem Keller stapeln sich auch Kisten mit doppelten Modellen zum Tauschen. Viele Exemplare stammen von Tauschbörsen. „Wir sind wie eine große Familie.“ Ungefähr zehn befreundete Sammler (im Umkreis von 200 Kilometer) hat Xaver Mühlbauer, die er zweimal im Jahr anfährt, um zu tauschen. Dann machen sich Vater und Sohn bereits um fünf Uhr morgens auf den Weg, mit Schachteln voll doppelter „Zollis“ im Kofferraum, und versuchen ihr Glück bei den Kollegen. Gekauft werden die Stäbe nie, „da wird nur gefeilscht und getauscht, Stück für Stück, einer gegen einen. Manchmal verschenke ich sie auch.“

Ein besonderes Wunsch-Stück hat er nicht. Oder doch? „Die Nummer 4444 lasse ich mir machen. Nächstes oder übernächstes Jahr bin ich soweit.“ 50 Stück für Freunde und Sammler werden dann gefertigt. Und dann wird die Sammlung wieder durch Tauschen vergrößert. Allerdings treibe er es nie so weit wie andere, die viel Geld ausgibt, um die Sammlung aufzustocken. „Es ist wie eine Sucht, man freut sich über jedes neue Exemplar. Doch es soll ein Hobby bleiben.“ Na denn: Gut Zoll!

Alle Teile unserer Sammlerserie lesen Sie hier

Weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham lesen Sie hier

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht