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Der Kubany-Urwald ist ein Naturparadies

Jahrhunderte alte Baumbestände im Böhmerwald bringen Naturschutz-Fachleute regelmäßig ins Schwärmen.
Von Alois Dachs

Die 47 Hektar Urwaldfläche sind komplett mit Holzlatten eingezäunt, auch für verfaulende Bäume hinweg läuft der Zaun.
Die 47 Hektar Urwaldfläche sind komplett mit Holzlatten eingezäunt, auch für verfaulende Bäume hinweg läuft der Zaun. Foto: Rabl-Dachs

Bad Kötzting.Zu den „Perlen des Böhmerwaldes“ gehört ohne Zweifel einer der ältesten Urwälder in Europa, der in Bayern unter dem Namen Kubany bekannt ist, in Böhmen als „Boubín“ wegen seiner Bedeutung für den Naturschutz fast eine Art „Nationalheiligtum“ ist.

Diesen Waldkomplex in Südböhmen mit dem Direktor des Nationalparks Šumava, Pavel Hubený, bei einer Führung erleben zu dürfen, ist eine Seltenheit, denn der eigentlich für diesen Bereich nicht zuständige Nationalparkchef macht nur drei Führungen pro Jahr. Unentbehrlich ist dabei auch „seine deutsche Stimme“, Pavel Becka, der als gebürtiger Tscheche je zur Hälfte für die beiden Nationalparke tätig ist.

Nationalparkchef Hubený zeigt eine 500 Jahre alte Baumscheibe.
Nationalparkchef Hubený zeigt eine 500 Jahre alte Baumscheibe. Foto: Rabl-Dachs

Nach der Einreise über den Grenzübergang Philippsreut-Marchhäuser führt eine schmale Straße Richtung Kaplice. Vom dortigen Parkplatz mit Kiosk sind es rund 700 Meter zu Fuß bis zum modern gestalteten Informationszentrum Idina Pila (860 Meter hoch gelegen), das mit einer umfassenden Ausstellung über den Boubín informiert. Pavel Hubený macht schon bei der Führung deutlich, dass die Besucher hier ein besonderer Wald erwartet, mit bis zu 500 Jahre alten Bäumen, die in Einschnitten bis zu einer Länge von 60 Metern aufwuchsen.

Die Holzdrift ist Vergangenheit

Entlang dem Bachlauf (und einer blauen Markierung) geht die Wanderung danach bis zu einem Stauteich, der bis Ende des 19. Jahrhunderts von der Fürstenfamilie Schwarzenberg zur Holzdrift genutzt wurde. Zwei gewaltige Baumstämme, eine Tanne und eine Fichte, sind am Rande des Teiches ausgestellt und vermitteln einen Eindruck, zu welchen gewaltigen Leistungen die Natur im Laufe von Jahrhunderten in der Lage war.

Über „Luftwurzeln“ sind hier eine riesige Fichte (rechts) und eine nicht minder kräftige Buche (links) eine „Baumehe“ eingegangen.
Über „Luftwurzeln“ sind hier eine riesige Fichte (rechts) und eine nicht minder kräftige Buche (links) eine „Baumehe“ eingegangen. Foto: Rabl-Dachs

„Boubínský prales“ nennt sich der Lehrpfad, der von hier aus entlang eines Holzzaunes bergwärts führt, der das gesamte, 47 Hektar große Urwaldgebiet umgibt. Die Wandergruppe erhält beim Aufstieg bis zu einer Höhe von 1000 Metern mit den Erklärungen von Pavel Hubený, übersetzt von Pavel Becka, einen Eindruck, dass in diesem Bereich bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts Urwälder existierten, was letztlich auch die Besonderheiten in Fauna und Flora erklärt, die hier zu finden sind. Viele Moose, Farne und Baumschwämme, die hier zu finden sind, können praktisch nur in einem wirtschaftlich nicht genutzten Urwald wachsen, machen die Experten deutlich.

Wilderer setzten Hirschen zu

Dabei war das Kubany-Gebiet auch früher keineswegs menschenleer. Die Fürstenfamilie Schwarzenberg unterhielt hier ein weltweit in Fachkreisen bekanntes Zuchtgebiet für Hirsche, das im 19. Jahrhundert vorübergehend aufgegeben wurde, weil es immer wieder zu blutigen Zusammenstößen der Förster mit Wilderern kam. Später wurden Rothirsche aus den rumänischen Karpaten eingebürgert, deren Nachkommen heute noch in dieser Naturparkfläche und im nahe gelegenen Nationalpark Šumava zu finden sind und viele Fichten schälen.

Ein seltener Pilz, der nur an fünf Stellen in Bayern und Böhmen nachgewiesen ist, hat diese über 300 Jahre alte Tanne befallen.
Ein seltener Pilz, der nur an fünf Stellen in Bayern und Böhmen nachgewiesen ist, hat diese über 300 Jahre alte Tanne befallen. Foto: Rabl-Dachs

1858 waren bereits 141 Hektar Wald unter Naturschutz gestellt worden, die wegen Naturkatastrophen später wieder auf die ursprünglichen 47 Hektar verkleinert wurden. 1958 schließlich erweiterte die tschechoslowakische Regierung das Schutzgebiet auf 600 Hektar, rund um den 1362 Meter hoch gelegenen Boubín-Gipfel.

Am Ostrand des gezäunten Urwalds (Východní Okraj Pralesa) führt ein blau markierter Steig zum Gipfel, der an diesem nebelverhangenen Frühlingstag allerdings kaum Aussicht bieten dürfte. Die Besuchergruppe unter Führung von Pavel Hubený folgt ein Stück weit der Forststraße und steigt schließlich, wo der Holzzaun zu Ende ist, wieder talwärts ab. Immer wieder machen die Fachleute auf seltene Pflanzen wie Waldmeister, Bärlapp, Waldhyazinthe oder Alpenlattich aufmerksam, die in diesem an Quellen reichen Gebiet wachsen.

Jahresringe im Zehntelmillimeter-Bereich

Die Warnung vor fallenden Bäumen sollte ernstgenommen werden.
Die Warnung vor fallenden Bäumen sollte ernstgenommen werden. Foto: Rabl-Dachs

Auf gewaltigen Urwaldriesen, die schon vor Jahrzehnten von Stürmen umgelegt wurden, sprießen junge Bäumchen. Fichte, Buche und Tanne sind die dominierenden Baumarten, wobei die Tanne von einem Anteil von ursprünglich zehn Prozent auf mittlerweile drei Prozent zurück ging, während der Buchenanteil im Urwald drastisch zunimmt.

Dass hier waldbauliche Erkenntnisse völlig neu zu bewerten sind, erklärt der Nationalparkdirektor an einem Beispiel: Eine Fichte mit einem Stammdurchmesser von gerade einmal 15 Zentimetern, die in einem Wirtschaftswald rund 25 Jahre alt wäre, weist hier das stolze Alter von 270 Jahren auf. Jahresringe im Zehntelmillimeter-Bereich verdeutlichen, warum langsam gewachsenes Holz aus dem Böhmerwald früher schon begehrt war für den Instrumentenbau oder als Konstruktionsholz am Bau.

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