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Der Weg zu sich führt übers Gebirge

Markus Sixt aus Bad Kötzting kämpft sich über die Pässe von Alpen und Pyrenäen. Dort sammelt er Momente vollkommenen Glücks.
Von Jürgen Ziereis

Den Bayerwald-König Arber hat Dr. Markus Sixt längst bezwungen. Seine Herausforderungen sucht er in den Alpen und Pyrenäen.
Den Bayerwald-König Arber hat Dr. Markus Sixt längst bezwungen. Seine Herausforderungen sucht er in den Alpen und Pyrenäen. Foto: Tschannerl

Bad Kötzting.Wir sind gerade am Nigerpass, ein Stück östlich von Bozen. Dr. Markus Sixt geht aus dem Sattel und kämpft sich mit seinem Rennrad die Rampe empor. Im Wiegetritt und im kleinsten Gang, den er zur Verfügung hat. „24 Prozent, das ist richtig steil“, stößt er hervor. Okay, eigentlich sitzen wir im Wohnzimmer von Dr. Sixt in Bad Kötzting. Aber der 51-jährige Zahnarzt, der in der Pfingstrittstadt eine Praxis betreibt, beschreibt die Szenerie so lebendig, dass man sich mitten am wohl steilsten Gebirgspass der Alpen fühlt.

„Ein Tritt nach dem anderen, nur so schnell, dass du nicht umfällst“, sagt er, während der Oberkörper synchron in Wiegetritt-Simulation mitgeht. In Zeitlupe, um jene knackigen 24 Prozent realitätsnah nachzustellen. Die sich dem Kletterer freilich nicht nur einige Meter entgegen stellen, sondern schmerzhafte eineinhalb Kilometer lang. Aber Leiden gehört zur Passion. „Das ist der brutalste und wahnsinnigste Pass. Wer den überstanden hat, der hat das schlimmste Stück in den Alpen überstanden.“

Der Gebirgspässe-Sammler Dr. Markus Sixt aus Bad K

Die erste Tour war in den Dolomiten

Und Dr. Markus Sixt hat schon viel gesehen, vielmehr erfahren, in den Alpen und in den Pyrenäen. Denn er sammelt Pässe. „Keine Reisepässe“, wie er scherzhaft sagt, sondern Bergpässe, die er mit dem Rennrad erklimmt. Die nackten Zahlen seiner Sammlung sind schnell geschrieben: 66 Pässe in den Alpen und 19 in den französischen Pyrenäen, plus dort sechs Skistationen quasi als Bergankunft. An jedem seiner „Exponate“ hat Dr. Sixt eine Geschichte erlebt, die er in seinem Kopf abgespeichert hat und von denen er uns einige erzählt.

Vorher aber nimmt er uns auf seinem Renner ein paar Höhenmeter mit, dort, wo es im Landkreis auch bergig ist. Wir treffen uns in Engelshütt, radeln über Schmelz Richtung Lambach und erfreuen uns am Panoramablick über Lam, mit dem Bayerwaldkönig im Hintergrund. Genau das ist es auch, was Dr. Sixt am Pässe sammeln so fasziniert: Nach der Anstrengung kommt die Belohnung, so auch damals auf der Passhöhe des Nigerpasses. Dieser unvergessliche Blick auf das Rosengarten-Massiv.

2012 erklomm der Radbergsteiger den Kaunertaler Gletscher.
2012 erklomm der Radbergsteiger den Kaunertaler Gletscher. Foto: Sixt

Begonnen hat die Sammelleidenschaft 2005, als Dr. Sixt vom Mountainbike aufs Rennrad umgestiegen ist und bald mehr haben wollte als Arber und Co. Der erste „richtige“ Pass? „Kann ich gar nicht mehr genau sagen, es war auf jeden Fall in Südtirol, in den Dolomiten. Ich tippe auf Sella Ronda. Da bin ich jedenfalls auf den Geschmack gekommen.“ Von da an war der nimmermüde Kletterspezialist auf der steten Suche nach neuen Pässen, nach neuen Panoramen und neuen Erlebnissen. In seiner ganz persönlichen Sammlung finden sich Klassiker wie die Großglockner-Hochalpenstraße oder das Stilfser Joch, das mit seinen legendären 48 Kehren unter Rennradlern Kultstatus genießt, ebenso wie Geheimtipps abseits des Trubels, die Markus Sixt besonders gerne aufspürt. Und die er vor allem voriges Jahr in den Pyrenäen gefunden hat, die er von Ost nach West durchquert hat.

Radbergsteigen ist meditativ

Auch den Tour de France-Klassiker Col du Galibier hat Dr. Markus Sixt bereits mit dem Rad erklommen.
Auch den Tour de France-Klassiker Col du Galibier hat Dr. Markus Sixt bereits mit dem Rad erklommen. Foto: Sixt

Die Pässe, die das Peloton der Tour de France in diesen Tagen hochstrampelt, die kennt auch der Pässesammler aus Bad Kötzting: Alpe d‘ Huez, Col du Galibier oder Col du Tourmalet, alles Klassiker der Tour-Historie, an denen sich schon so manches Drama abgespielt hat. „Nicht nur von der sporthistorischen Seite her ein erhabenes Gefühl, wenn du oben angekommen bist“, schwärmt der gebürtige Zwieseler, denn Pässe sammeln, das ist für Dr. Markus Sixt längst ein Lebensgefühl geworden. Er erklärt uns auch warum: „Das hat was Meditatives. Es ist das Bei-sich-sein, die Ruhe und das Schweigen, der Kopf wird frei. In diesem Moment gibt es nur dich und die Natur. Du kannst nachdenken, wenn du willst, oder einfach nur das Panorama aufsaugen. Wenn du drei, vier Stunden lang bergauf fährst, hast du viel Zeit, dich selbst wahrzunehmen, nur deine Atmung zu spüren, das wird dir durch die Langsamkeit erst bewusst. Für mich ist das Entspannung.“

Dr. Sixt und seine Sammlung

  • „Inspiration durch Transpiration“:

    Mit dem Rennrad die Pässe in den Bergen erklimmen, das ist die Leidenschaft von Dr. Markus Sixt aus Bad Kötzting. Er gehört nicht zu den Geschwindigkeits-Junkies unter den Rennradlern, sondern liebt die Beschaulichkeit des Bergauffahrens.

  • Ziel:

    2005 hat die Passion, Pässe zu sammeln, begonnen. Seitdem brachte es Dr. Sixt auf mehr als 90 Pässe und Skistationen in den Alpen und den Pyrenäen. Es sei aber nie ein Ziel gewesen, eine bestimmte Zahl oder irgendwelche Superlative wie die zehn höchsten Pässe der Alpen zu erreichen, sondern zwanglos aus Neugier auf Neues und aus Naturgenuss aufs Rad zu steigen.

  • Pläne:

    Dennoch gibt es ein paar Lücken in der Sammlung, die Dr. Markus Sixt noch füllen möchte: Den Mont Ventoux, den Tour-Spitzenreiter Christopher Froome vorige Woche nach Raddefekt als Fußgänger besteigen musste, den harten Monte Zoncolan im italienischen Friaul oder die Große Scheidegg in der Schweiz mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau.

  • Familie:

    Bei seinen Touren in den Bergen ist der gebürtige Zwieseler oft mit Sohn Tobias unterwegs, der für seinen Vater schon mal das Begleitfahrzeug steuert. Der 51-Jährige schätzt das Gemeinschaftsgefühl: „Ich bin meiner Familie dankbar, dass sie mir diese Touren ermöglicht.“ (cjz)

Was ist denn der Favorit in der Sammlung? Dr. Sixt entscheidet sich für den Mythos Stilfser Joch, „die 48 Kehren ins Paradies“, wie er schmunzelt. An jenem Tag habe einfach alles gepasst: „Es war ein Montag, also relativ wenig Verkehr, und blauer Himmel. Und immer den Ortler im Blick und den Kontrast zwischen schwarzem Fels und dem Gletscher.“ Um auf 2757 Höhenmetern dem Himmel schließlich so nahe zu sein wie noch nie. Doch gleich kommt ihm der unbekannte Pyrenäenpass Col du Pradel in den Sinn, der krasse Gegensatz: „Eine schmale Straße, extrem einsam, plötzlich ein sonnseitig gelegener Berghang mit einer Hirtenhütte. Da habe ich mich auf einen Stein gesetzt, den ich den ‚Stein der Weisen‘ genannt habe, und mich nach ein paar Minuten gefragt: ‚Solltest du nicht länger hierbleiben und dieses Glück genießen?‘ Das war magisch.“

Dr. Markus Sixt sammelt Bergpässe

Vor allem in den Pyrenäen hat er eine besondere, mystische Stimmung erlebt, wie er erzählt: „Zwar oft Nebel und wolkenverhangene Berge, aber eine manchmal unheimliche Stille. Einmal habe ich in über zwei Stunden Bergauffahrt drei Autos, einen Menschen und einige Kühe gezählt.“ Dennoch sind es auch die Begegnungen, die jeden Trip zu etwas Besonderem machen: „Die Bergvölker ticken anders, sind aufgeschlossener, du spürst die Entschleunigung. Ich habe schon ganz viel Hilfsbereitschaft und Radsportbegeisterung erlebt.“ In diesem Jahr geht’s in die französischen Südalpen, zu den nächsten Sammlerstücken. Doch nicht die Zahl interessiert Dr. Sixt, „sondern das Freiheitsgefühl und tiefe, oft nur kurze Glücksmomente.“ Und ein Cappuccino und ein Stück Kuchen auf der Passhöhe…

Mehr Fotos und alle Teile der Sammlerserie finden Sie unter hier!

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